Game of Thrones: Die Kritik an Staffel 8 ist absoluter Unsinn

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Meint es gut mit den Menschen.

Über 1,5 Millionen Unterzeichner zählt eine Petition, die den Neudreh der 8. Staffel Game of Thrones fordert. Bei Twitter wurden die Serienmacher von Multimilliardärstochter und Filmproduzentin Megan Ellison wegen des Umgangs mit einer Figur als "sexistische Arschlöcher" bezeichnet. Und in der Filmdatenbank IMDb bewerten Nutzer die finale Folge mit durchschnittlich 4,3 von 10 Punkten, was ungefähr auf dem Niveau von Asylum-Produktionen wie Sharknado 2 liegt.

Wenn die Liebe zu Game of Thrones erlischt

So klingen - jedenfalls auf Seiten sehr wahrnehmbarer Fans - die Stimmen zum letzten Kapitel jenes Fantasy-Fernsehmelodrams, das momentan als größtes Serienereignis der Welt gilt. Seine popkulturelle Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt an der Unzufriedenheit, die Staffel 8 offenbar heraufbeschwört. Bereits eine vermeintlich unbedachte Drehbuchentscheidung kann der Kippmoment sein, der innigste Liebe erlöschen und das Internet durchdrehen lässt.

Petitionen haben sich als Mittel der ersten Wahl erwiesen, um dem Missfallen eingeschnappter Fans besonders dramatisch Ausdruck zu verleihen. Nicht selten paaren sich darin kindische Affekte und ein gewisser Größenwahn, der das Quengeln legitimieren soll. Bei Game of Thrones hält der Petitionsstarter ("Diese Serie verdient ein Finale, das Sinn ergibt.") sein Lamentieren über "inkompetente Autoren" für derart relevant, dass er gar einem Statement des verantwortlichen Senders HBO entgegenfiebert.

Aufgewertet wird der Schreibtischaktivismus durch gleichfalls enttäuschte Wortmeldungen einflussreicher Persönlichkeiten. Obschon Megan Ellison, die als Gründerin von Annapurna Pictures zu den momentan wichtigsten Filmschaffenden in Hollywood zählt, ihren beleidigenden Tweet kurze Zeit später relativierte, offenbarte er eindrücklich jene emotionalen Kräfte, die eine Fernsehserie wie Game of Thrones noch bei absoluten Profis freizusetzen imstande ist.

Achtung, Achtung: Spoiler zu Game of Thrones Staffel 8!

Zu den persönlichen Angriffen auf die verantwortlichen Autoren David Benioff und D.B. Weiss kam es, als Drachenmutter Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) in der überwältigenden Folge 5 ein ganzes Volk ausradierte. Dieser Charakterentwicklung hin zur verrückten Königin fehlte es laut Megan Ellison und einem beträchtlichen Teil des Publikums an "Motivation", zumal Daenerys "ihr Leben lang Unschuldige gerettet" habe.

Angesichts solch eigensinniger Deutungen des seit jeher von absoluter Herrschsucht und brutalsten Hinrichtungen des politischen und persönlichen Feindes bestimmten Daenerys-Handlungsstrangs kann es nicht überraschen, dass der angebliche Bruch mit einer immer schon trügerischen Identifikationsfigur für lange Gesichter sorgte. Wer Game of Thrones jahrelang mit Tomaten auf den Augen schaut, sieht am Ende eben rot.

Die blutige Spur der Eroberin zeichneten David Benioff und D. B. Weiss unverkennbar nach, schon im einst apathischen Blick während der Ermordung ihres Bruders kündigte sich Erbarmungslosigkeit an. Konsequent erzählt Staffel 8 daher vom pathologisierten Machthunger, der mit dem Tod engster Vertrauter und dem Ende des Herrschaftsanspruchs seinen Höhepunkt erreicht. Unter diesen Bedingungen ist das, was Daenerys in Königsmund anrichtet, lediglich eine Vollendung ihres Werks.

Der Umgang mit den Figuren von Game of Thrones

Im Prinzip war der von allerorts zu Drehbuchexperten gereiften Fans erhobene Vorwurf, das Inferno der nächsten durchgeknallten Targaryen-Herrscherin sei weder figurenpsychologisch noch dramaturgisch nachvollziehbar, damit vom Tisch. Womöglich hatte seine Vehemenz aber noch andere Gründe. Vielleicht ging es auch um eine banale Enttäuschung darüber, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben - oder den rätselhaften Wunsch nach freundlichen Regenten.

Spätestens ab Staffel 3, als die Figurentode der "Roten Hochzeit" zu Wellen der Entrüstung und massenhaften Kündigungen von HBO-Abonnements führten, ist das Verhältnis zwischen Serienformat und Zuschauern in Sachen Game of Thrones gestört. Viele Reaktionen ließen damals eine natürliche Distanz zu fiktionalen Geschichten und deren Protagonisten vermissen. Sie erkannten nicht, dass die Gewaltakte der Serie spannenden Konfrontationsstrategien dienten.

Insbesondere lieb gewonnene Figuren handhabte Game of Thrones nämlich auf stets rabiateste Art. Von Beginn an stellten die Macher klar, dass auch zu vorgeblich sympathischen Charakteren (erinnert sei an den vernünftig wirkenden Thronerben Stannis Baratheon, der sich als Kinderschlächter entpuppte) ein unbedingter Sicherheitsabstand eingehalten werden sollte, vor allem in einer von Ränkespielen dominierten Erzählung.

Diese Hoffnungslosigkeit zählt zu den hinterlistigen Stärken der Serie. Zuverlässig scheitern an ihr selbst zaghafte Publikumsbedürfnisse (das Streicheln eines Wolfs zum Abschied?!) sowie unsägliche Rezeptionswerkzeuge (die Vereinfachung komplexer Erzählstrukturen durch Wahrscheinlichkeitsfragen). Natürlich entfachte auch Staffel 8 wieder unergiebige Diskussionen um vermeintliche Unlogik, als handele es sich bei Game of Thrones um Mathematik statt Fernsehen.

In Game of Thrones gibt es keine Logikfehler

Nicht oft genug kann betont werden, dass in der Auseinandersetzung mit Filmen, Serien und eigentlich allen darstellenden Künsten kaum etwas sinn- und fantasieloser ist, als eine an Verhaltensweisen von Figuren oder Handlungsmustern ausgerichtete Plausibilitätskritik. Über den Gegenstand vermitteln wertende Begrifflichkeiten wie Logikfehler oder Plotholes nichts. Sie verraten allenfalls, was jemand individuell für glaubwürdig oder eben unglaubwürdig hält - vielen Dank fürs Mitteilen.

Debatten etwa um die "Logik" einer hinter Felsen verschanzten Flotte bzw. deren Nichtbeachtung durch ihre Gegner (siehe Staffel 8, Folge 4) werden deshalb grundsätzlich redundant, also sterbenslangweilig geführt. Nicht auszudenken, wie trist eine Kunst der diffusen Mehrheitslogik am Ende gestaltet sein müsste. Vermutlich bräuchte dann jede emotionale Regung ein schlüssiges Argument. Und Auslassungen, wie sie die Serie beherrscht, dürfte es schon gar keine geben.

Als Samwell Tarly (John Bradley) nach dem wahnsinnigen (und in seiner Wahnsinnigkeit schlussendlich und selbstverständlich unerklärlichen) Genozid der Drachenmutter eine demokratische Herrschaftsform vorschlägt, können die verbliebenen Mächtigen von Westeros kaum an sich halten. Der Gedanke allein scheint so absurd, dass selbst klügste Köpfe in schallendes Gelächter verfallen. Auch Hunde und Pferde sollten dann wählen können, scherzen sie.

Dieser kleine Moment im Serienfinale ist wunderbar, weil er eine grundsätzliche Differenz verdeutlicht. Zwar ist Game of Thrones von Menschen und menschenähnlichen Wesen bevölkert, denen wir sprachlich überwiegend folgen können. Doch im Grunde hat die Serie mit der Art, wie wir leben oder uns ein Leben überhaupt nur vorstellen wollen, nichts zu tun. Ihre Welt erscheint, Gott sei Dank, ganz und gar unlogisch.

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