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Moviepilot Speakers' Corner

Ergründung von Stanley Kubricks abstraktem Kino

13.06.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Stanley Kubrick am Set
© MGM
Stanley Kubrick am Set
In meinem ersten „Speakers’ Corner“-Text geht es um Stanley Kubrick und warum ich finde, dass er viel zu leichtfertig in eine bestimmte Schublade gesteckt wird.

Die Filmgeschichte hat einen Haufen anerkannter Klassiker hervorgebracht und damit meine ich Filme, die vom Feuilleton und der Filmwissenschaft als solche eingestuft wurden. Man könnte auch den deutschen Filmkanon heranziehen oder die vielen anderen Listen, mit denen Filmfans bombardiert werden und das Gefühl bekommen, alle diese Filme sehen zu müssen. Nun destillieren sich aus diesen ganzen Listen und Charts wirklich ein paar Meister und ihre Filme heraus und natürlich gibt es wirklich Filme, die man gesehen haben sollte, das gilt für Bücher, Musik, Theater und bildende Kunst ebenso.

Einer dieser Meister, die sich immer herausdestillieren, ist Stanley Kubrick, der besonders für Cineasten eine Sonderstellung inne hat. Er gilt als Kult. Abgesehen von Kubricks filmgeschichtlichem Status, umgibt ihn den Aura des besonderen. Kubrick, das war immer eine eigene Form des Kinos. Praktisch jeder seiner Filme gilt als Klassiker. Keiner seiner Filme ist im selben Genre zu Hause oder spielt in der gleichen Zeit. Zum Kultstatus tragen natürlich auch die vielen Kontroversen bei, der Skandal um Uhrwerk Orange zum Beispiel. Dazu kommt Kubricks Eremitenbild. Man stellte sich einen einsamen Künstler vor, der allein Jahre brauchte um seine Stoffe zu „durchdenken“. Dadurch entstanden nur dreizehn Filme. Allein die Zahl dreizehn ist magisch.

Damit wären wir schon beim kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den Kubrick gerne reduziert wird, den Denker. Er ist der analytische Denker, manchmal auch der Philosoph. Grundsätzlich gilt er als kühl und distanziert. Seine Filme ähneln Versuchsanordnungen. Er empfindet keine Empathie für seine Figuren, heißt es. Er lässt sie eiskalt ins Verderben laufen. Er war ein Misanthrop und Perfektionist. Er war unmenschlich.

Wahrscheinlich ließe sich diese Gedankenkette noch genauer ausführen, aber sie bringt letztendlich die Assoziationen um Stanley Kubrick auf den Punkt. Dieses Bild kommt ebenso bei Kritik wie auch Publikum rüber und die Filmliteratur schreibt im Grunde das gleiche. Die Frage ist: Stimmt das überhaupt? Hinter meiner Aufzählung verbirgt sich die Verbindung des Denkens mit dem Nicht-Menschlichen. Die Vernunft als Gegenpol zum Gefühl, wobei gerne der Empathie humanistische Tendenzen unterstellt werden.

Jeder hat seine Vorstellung von gutem Kino und Hollywood hat so etwas erst recht. Beim Filmemachen solle es ja in erster Linie ums Geschichtenerzählen gehen. Geschichten werden von Figuren bevölkert, mit denen der Zuschauer mitfühlen soll. Tut er dies nicht, langweilt er sich. Es geht um Spannung und Manipulation. Das Großartige an Steven Spielberg ist eben sein Talent, den Zuschauer ins Geschehen zu werfen. Man kommt gar nicht dazu, die Handlung von außen zu betrachten. Man kann nur mit den Figuren mitfühlen.

Nun gilt Kubrick als das Gegenteil. Seine Filme schleudern mich nicht mitten in die Handlung. Ich betrachte die Figuren ständig von außen, sogar wenn sie zu mir sprechen (Uhrwerk Orange). Ich kann nicht mitfühlen, aber heißt das, dass ich gar nichts fühle?

Es gibt ja diese zwei Lager. Diejenigen, die Kubrick grundsätzlich Prätention und Technizismus vorwerfen, ihm also unterstellen, er wäre nur an der technischen Seite des Filmemachens interessiert und die Filmsprache nur dazu nutzt vordergründige Aussagen zu formulieren. Auf den Punkt: Kubrick war in Barry Lyndon mehr daran interessiert, die Welt genauestens zu imitieren, als sich seinen Figuren zu widmen.

Die andere Partei sieht das ähnlich, bewundert Kubrick deswegen aber. Dort liest man dann öfter von „perfekten Kamerafahrten“. Ich widerspreche ungern beiden Positionen. Ich finde nur, das greift alles zu kurz. Nur weil Alfred Hitchcock vordergründig Thriller gedreht hat und hinterrücks vor Bedeutungen überquoll, muss das nicht heißen, dass Kubrick vordergründig Bedeutungen verfilmt hat und hinterrücks aber nichts dabei herauskam. Letztendlich hat auch Kubrick Geschichten erzählt, und zwar große, äußerst unterschiedliche Geschichten. Wahrscheinlich war er ein asozialer Misanthrop, weshalb sich alle seine Filme mit dem Scheitern von Menschlichkeit auseinandersetzen, aber warum sollte ihn das nicht berühren?

Was hat Stanley wohl die ganzen Jahre in seinem Kämmerlein gemacht, wenn er einen neuen Film ausgearbeitet hat? Vielleicht hat er sich gedacht: „Hm, ich habe diese gute Geschichte, aber sie interessiert mich nicht. Ich werde stattdessen darüber nachdenken, mit welcher neuen Kameratechnik ich arbeite. Ich werde besonders lange Kamerafahrten nutzen, damit die Kritiker und die Fans meine große Kunstfertigkeit bestaunen können. Am Set werde ich die Schauspieler unglaublich viele Takes machen lassen, nicht, weil mich interessiert was sie spielen, schließlich interessieren mich ja auch nicht die Figuren, sondern um die Schauspieler zu quälen, weil ich Menschen hasse. Letztendlich werde ich mit meinen Filmen schon in die Filmgeschichtsbücher kommen.“

Vielleicht hat sich Stanley Kubrick das gedacht. Ich denke nicht.

Worauf ich hinaus will, ist, dass gerade seine Filme dazu einladen, mehrdeutig zu fühlen. Es gibt wenige Filme, die dem Zuschauer nicht ständig aufzwingen, dies und das zu fühlen. Sie stecken voller menschlicher Figuren, die scheitern. Hier gibt es keine falschen Gefühle, weil sie überhaupt erst beim Zuschauer entstehen müssen. Seine Filme sind somit umso abstrakter als die anderer Regisseure, was vielleicht begründet, warum Kubrick filmgeschichtlich schwer einzuordnen ist.

Vielleicht sind seine Filme näher an der Musik als am Film oder ihm ist es gelungen, die Abstraktheit der Musik auf das Kino zu übertragen. 2001: Odyssee im Weltraum wäre ein Hinweis darauf. Mit einer sehr engstirnigen Sicht könnte man auch sagen, dass diese Art des Kinos nicht mit dem Geschichtenerzählen zusammenpasst, eben weil man nicht dazu genötigt wird mitzufühlen, doch „The Rules of Art“ gibt es ja zum Glück nicht.

Ich persönlich finde alle seine Filme sehr ergreifend, sei es, dass ich mir bewusst werde, dass ich mit HAL in 2001: Odyssee im Weltraum jedes mal bei seinem Tod mitsterbe, oder dass ich mich genauso ausgeliefert fühle wie Sterling Hayden am Ende von The Killing – Die Rechnung ging nicht auf. Das Tolle daran ist, dass mir bestimmt viele widersprechen werden, weil sie anders gefühlt haben. Ich kann also auch niemandem übel nehmen, wenn er meinen Text für falsch hält. Letztendlich war das alles nur ein Versuch, Kubricks Kino zu durchschauen, was unmöglich ist, genauso wie bei Hitchcock. Es ist zu mehrdeutig, zu wandelbar, zu irrational um es in Worte zu fassen.

Ich werde mir jetzt Barry Lyndon genehmigen. Da kann ich immer so schön weinen.


Vorschau: Sie sind beliebt, auch wenn sie alles andere als freundlich sind und bevorzugt Lebende angreifen. Um diese Gattung Filmmonster geht es in einer Woche.


Dieser Text stammt von unserem User Kubrick_obscura. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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