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Moviepilot Speakers' Corner

Der Zauber der Stop-Motion-Technik

18.07.2012 - 08:56 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Szene aus Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche
© Warner Bros.
Szene aus Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche
Vor kurzem hat moviepilot-User Joone44 in der Speakers’ Corner mit Coraline einen seiner Liebelingsfilme vorgestellt. Diesmal geht er auf die Stop-Motion-Technik ein, durch die die Figuren zum Leben erwachen.

In etwa drei Jahre arbeiteten hunderte Künstler daran, Puppen zu bauen, sie einzukleiden und letztendlich zum Leben zu erwecken, bis aus Tim Burtons Gedicht „The Nightmare Before Christmas“ ein abendfüllender Spielfilm wurde. Es ist ein äußerst mühseliges Verfahren. Selbst wenn es nur ein Winken mit der Hand ist: Für eine Sekunde Film muss ein Künstler 24-mal die Figur einen winzigen Millimeter in die gewünschte Richtung bewegen, ein Bild filmen und das Ganze noch mal von vorn machen.

Aber wieso überhaupt all die Mühe? In den 90ern hat die Computer-Animation gerade erst richtig das Fahrradfahren gelernt. Heute überschwemmen eben diese Filme die Kinos und die Videotheken. Stop-Motion ist doch alt. Lästig kann es auch noch sein. Man darf nicht so leicht ins Zittern kommen, sonst muss man notfalls noch einmal von vorne beginnen. Stop-Motion ist verstaubt, das Endprodukt stockt an vielen Stellen. Es ist genau wegen der Unfeinheiten und der benötigten Präzision ein nostalgischer Zauber!

Heutzutage ist die Stopptrick-Technik jedoch „out of date“. Der Durchschnittskinogänger will Effekte aus dem Computer. Sie sollen die Zuschauer umhauen, sie entertainen und an erster Stelle: realistisch aussehen. Knete würde da eher geizig und vor allem „unecht“ wirken. In Zeiten, in denen jede Woche ein neues iPhone auf den Markt kommt, hat Antiquiertes nichts mehr zu suchen.

Doch es gibt Ausnahmen! Regisseure wie Henry Selick, Tim Burton oder Nick Park lassen sich davon gar nicht erst einschüchtern. So haben sie doch mit ihren Filmen ihr Publikum immer wieder verzaubern können. Und das ist sogar durchaus mutig. Abgesehen von Wallace & Gromit sollte man sich rückblickend fragen, welche Zielgruppe bei Filmen wie Tim Burton’s Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche oder Nightmare Before Christmas überhaupt angesprochen wird. Wieso sollten Kinder, die Haupteinnahmequellen bei Animationsfilmen, singende Leichen und Skelette ansehen wollen, wenn sie genauso gut Rapunzel oder einen ebenso süßklebrigen Wall-E bestaunen können?

Nun kann man doch glatt behaupten, dass für Stop-Motion-Filme eine Art Ausnahmesituation gilt. Wer schon von demnächst anlaufenden Filmen wie ParaNorman, Frankenweenie und Pinocchio gehört hat, dem dürfte bereits aufgefallen sein, dass wir hier nicht durch eine Dr.-Seuss-Zuckerwattewelt geführt werden, Essen scheint es auch nicht zu regnen. Doch ehrlich gesagt: Ist man als erwachsen gewordenes Kind nicht langsam davon genervt, immer nur niedliche, sprechende Tiere zu sehen? Horror kann doch auch Spaß machen. Zumindest wird ParaNorman uns das noch im August dieses Jahres weismachen.

Dennoch wissen die Macher solcher Filme, dass nur die wenigsten einen Trickfilm sehen wollen, der blutig oder gar beängstigend ist. So war der Spukanteil in Coraline doch noch gerade so an der Grenze von „für Kinder erträglich“. Selbiges gilt auch für den gothicartigen Stil aus Nightmare Before Christmas oder die oftmals melancholische Atmosphäre aus Tim Burton’s Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche. Diese Filme wollen nicht einmal niedlich sein. Trotzdem wird ein knuddeliger Kung Fu Panda niemals an die Klasse eines naiven und außerordentlich liebenswürdigen Jack Skellington herankommen.

Stop-Motion-Filme besitzen eben ihren persönlichen Charme. Ihre Hauptfiguren leben in ihrer eigenen, kleinen, von Menschenhand erschaffenen Welt. Sie haben über 40 verschiedene Gesichter. Je nach Gefühlsausdruck heißt es dann: Schmunzeln runter, Lächeln rauf.

Diese präzise Feinarbeit und Liebe zum Detail lohnt sich immer. Und ich muss zugeben: Bis jetzt ist mir noch kein Stop-Motion-Film unter die Augen gekommen, der mir nicht gefallen hat.


Vorschau: Ein mehrfach ausgezeichneter Regisseur steht nächste Woche im Mittelpunkt.


Dieser Text stammt von unserem User Joone44. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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