Community
"Maybe you and I and the fish exist only in the memory of a person who is gone"

Der singende, klingende Albtraum

R
26.09.2014 - 07:10 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
24
33
Grauen. Das Grauen hat ein Gesicht ...
© Tokuma Shoten
Grauen. Das Grauen hat ein Gesicht ...
Und trotz der Grausamkeit des Geschehens, des furchteinflößenden und bizarren Seins der Dinge entsteht Schönheit.

„Da ging alles Fleisch unter, das sich auf Erden regte, an Vögeln, an Vieh, an wildem Getier und an allem, was da wimmelte auf Erden, und alle Menschen. Alles, was Odem des Lebens hatte auf dem Trockenen, das starb. So wurde vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel; das wurde alles von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war.“ [1.Mose 7.Die Sintflut, Z. 21-24]

In einer dystopischen Stadt kümmert sich ein Mädchen um ein Ei. Die Welt ist dunkel und bedrückend. Eine Kolonne von krebsartigen Panzern fährt lärmend durch die Straßen. Heraus steigt ein Mann mit majestätischem Auftreten und einem schwermütigen Blick. Es ist schon spät. Nur das Plätschern eines Brunnens durchdringt die Stille. Die mystische Finsternis ist auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Auf einmal ertönt das Klirren von Männern mit ihren Waffen. Dramatische Musik setzt ein. Die Männer sind auf der Jagd. Es scheint um alles oder nichts zu gehen. Auf einmal tauchen Schattenfische auf den dunklen Gemäuern auf. Die Waffen der Männer fliegen einfach durch die Schatten hindurch und prallen auf harten Stein. Die Stadt scheint am Grunde eines Ozeans zu liegen, in dem es kein Wasser gibt. Was hat es mit dem Ei auf sich und den Bäumen und den Vögeln? Und warum taucht eine schwebende Festung oder Arche auf, die unablässig pfeift und dröhnt?

Stell dir vor es regnet. In einer Hütte am Ende des Universums hocken drei uralte Männer. Sie sind schon lange tot. So lange, dass die Zeit den Tod besiegt hat. Bei den Männern handelt es sich um Salvador Dalí, H.P. Lovecraft und Andrei Tarkovsky. In den Händen halten sie verwitterte Bücher. Die heilige Schrift einer anderen Welt, als es noch eine Zeitrechnung gab. "Aber vielleicht existiert niemand wirklich und draußen ist es nur am regnen." [Zitat aus Angel's Egg]

Ein Japaner namens Mamoru Oshii trägt ein Gefühl von der Summe dieser drei alten Männer in sich. Zusammen mit ein paar Künstlerkollegen macht er einen Film, einen anderen Film. Es ist die surrealistische Verfilmung eines Albtraumes, wie ihn nur eine gequälte Seele zustande bringt. In gerade einmal siebzig Minuten gipfelt das Drama des menschlichen Seins. Wozu existieren wir eigentlich? Was soll das alles? Und macht es überhaupt einen Unterschied? Oder regnet es draußen einfach nur?

Angel's Egg ist die vollkommene Schönheit. In jeder Szene liegt unendliche Sorgfalt und gleich einem kleinen Kind tastet sich der Film Bild für Bild voran. Die Frage nach der Notwendigkeit einer Szene wird ersetzt durch die bedingungslose Ästhetik. Jeder Moment wird ausgekostet, wie eine seltene Delikatesse. Bereits die ersten Bilder zeigen die Studie einer Hand. Der Künstler ist mit sich selber uneins und auf der Suche nach etwas, dass ihm in seiner Zerstreuung Halt gibt. Aber der Künstler findet keinen Halt. Was folgt ist ein mystisches Verwirrspiel. Es gleicht einem Boot, welches in den tosenden Sturm getrieben wird.

Und trotz der Grausamkeit des Geschehens, des furchteinflößenden und bizarren Seins der Dinge entsteht Schönheit. Dort, wo man sie am wenigsten erwartet, blüht sie in nie gekanntem Maße auf und zeigt ihre ganze Bandbreite. Von einfachem Glanz bis hin zu betörender Strahlkraft ist alles dabei. Selbst die Momente der aller größten Traurigkeit fühlen sich bittersüß an.

Noch nie zuvor hatte ich eine solche Freude daran, zu sehen, wie ein Mädchen ein Glas mit Wasser füllt. Und bei jeder Szene, in der sich dieses Mädchen hingebungsvoll um ihr Ei kümmert, geht mir das Herz auf. Ein Meer der Emotionen im Sog der Stille. Es wird kaum gesprochen, denn der größte Teil des Filmes findet über die Bewegung der Bilder statt. Angel's Egg ist ein Fest für denjenigen, der sich an Details labt und Dinge sieht, die anderen verborgen bleiben. Wer in den Wolken Gesichter zu erkennen vermag, wird an Angel's Egg seine helle Freude haben. So viele Symbole tummeln sich vergnügt in der aberwitzig kurzen Zeit von siebzig Minuten.

Und die dunkle Farbgebung schafft in Verbindung mit dem zarten Artdesign eine Atmosphäre, die so verdichtet ist, dass man diese buchstäblich mit einer Schere durchschneiden könnte. Alles wirkt so schwermütig und uralt, als würde die Materie unter der Last der Zeit stöhnen. Gleichzeitig sind die Zeichnungen so grazil, wie eine anmutige Ballerina. Das ergibt zusammengenommen eine wahrhaft königliche Symbiose der Merkwürdigkeiten. Ich sehe den Film und frage mich, was zum Henker ich da eigentlich sehe. Fördert eventuell Drogenkonsum die tieferen Inhalte von Angel's Egg zu Tage? Es scheint so. Nach drei Sichtungen beschleicht mich jedoch das Gefühl, dass ich langsam verstehe, was dieser Film meinem unbewussten Teil der Psyche mitteilen möchte.

Im ersten Durchgang der Reflexionsrunde erscheint die These stimmig, dass es sich hier um die schärfste Religionskritik in Filmform überhaupt handelt. Die Motive und Symbole sind da. Deren Deutung dürfte für den überzeugten Gläubigen einen scheußlichen Nachgeschmack bieten. Das in Frage stellen vom Glauben und der nackte Zweifel an Religion tritt wahrscheinlich in keinem anderen Film so überaus deutlich zu Tage. Und für den fleißig Suchenden wird sogar ein Knochen hingeworfen. Ja, im Film gibt es doppeldeutige Anspielungen und sogar offensichtliche Bemerkungen zu der biblischen Sintflut und der Geschichte von Noah und dessen Arche.

Nach der dritten Reflexionsrunde bin ich zu einer weitaus interessanteren These vorgestoßen. Was wäre wenn Angel's Egg auf neutrale Art und Weise die Polarität der menschlichen Seele aufzeigt? Sofern man natürlich an eine solche Seele glaubt. Jedenfalls ist es bemerkenswert, in welcher Hingabe die Gegensätzlichkeit hervortritt. Das kleine Mädchen verkörpert Unschuld, Liebe, Geborgenheit und Lebensfreude, während der Mann Zynismus, Bitterkeit, Depression und letztlich sogar eine nihilistische Sichtweise miteinander vereint.

In beiden Fällen nimmt der Film aber keine Stellungnahme und keine Befürwortung eines Pols. Es wird auch kein moralischer Zeigefinger ausgepackt und kein Weg als der einzig richtige gezeigt. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, die Naivität in der Unschuld zu entlarven und die vernichtende Ödnis und Nutzlosigkeit des Zynismus zu entdecken. Wer lange genug hinschaut, wird in beiden Charakteren Züge der Torheit, aber auch der Weisheit finden. Es ist nur eine Frage der Perspektive.

In einer besonders harten, offenkundig lebensfeindlichen Umgebung wird all das gezeigt, was einen Menschen ausmacht. Der Zuschauer kommt in den Genuss sämtlicher Gefühle, die ein Mensch nur fühlen kann. Liebe, Hass, Freude, Traurigkeit alles wird in gerade mal siebzig Minuten in seinen Grundfesten gezeigt. Ohne Gnade, ohne Kompromisse. Die Stärke des Gefühls ist in Angel's Egg enorm. Wer bei diesem Film nichts empfindet, ist kein Mensch.

Und gibt es eigentlich eine physikalische Gesetzmäßigkeit, die besagt, dass bei genügend überragenden Variablen, die restlichen Variablen ebenfalls großartig werden? Die Klänge des Pianos ertönen nämlich sanft und entfalten Emotion pur. Sie sind dabei genau so rätselhaft, unheimlich und gleichzeitig wunderschön, wie der Film im Gesamten.

Angel's Egg ist in seiner ganzen Art ein vollkommenes Kunstwerk und ein Film, der mich in einer Art berührt, wie es vorher kein anderer Film geschafft hat. Die Szene, in der die roten Panzer lärmend am kleinen Mädchen vorbei die Straße hinunter fahren, ist zeitlos und hat mich tief beeindruckt. Und das Geräusch des Windes, die Gesichtsausdrücke der beiden Charaktere und nicht zuletzt die Jagd auf die Schattenfische sind Dinge, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben.

Für mich persönlich befindet sich der Film außerhalb jeder Skala. Er spielt in einer eigenen Liga und ich kann jedem nur empfehlen sich dieses Meisterwerk anzusehen. Aber seid vorsichtig, denn Angel's Egg ist Symbolismus und Verwirrung in reinster Form.

[Quellen: Bildunterschrift: Zitat aus Apocalypse Now Redux; Dachzeile: Zitat aus Angel's Egg]


Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News