Community
Kommentar der Woche

Der Fight Club, Tylers Geschenk an die Welt

Fight Club - Trailer (Englisch)
2:30
My God. I haven't been fucked like that since grade schoolAbspielen
© 20th Century Fox/moviepilot
My God. I haven't been fucked like that since grade school
08.04.2017 - 09:25 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
18
9
Der Fight Club verändert dich, bringt dich zum Nachdenken, macht einen Mann aus dir und lässt dich wieder los auf die Welt. Und ganz nebenbei ist er auch noch ein verdammt geiler Film! Deswegen brechen wir heute auch die erste Regel des Fight Clubs ...

Jeden Samstag treffen wir uns an diesem mehr oder weniger geheimen Ort und feiern einen Kommentar, der als Sieger aus einem Kampf um die Krone hervorgegangen ist. Diesen Monat treten die Helden der 90er gegeneinander an - und die Männer, die sie lieben ... Redet nicht über Fight Club, aber sagt uns, welcher Kommentar euch k.o. geschlagen hat! Wenn es sein muss, könnt ihr euch danach auch weiterkloppen. :)

Der Kommentar der Woche
Die 90er haben verdammt viele, verdammt gute Filme hinterlassen, aber keiner davon war so prägend, so beeindruckend wie der, den David Fincher noch kurz vor Ende der Dekade in den Ring warf: Fight Club! Und kaum ein Kommentar fasst den Einfluss, die Gewichtung dieses Films besser zusammen als der, den Johnzy zur Wichtelaktion 2013 verfasste!

Lieber Andy D,
es tut mir leid, dich derart enttäuschen zu müssen, doch trotz stundenlangem Tüfteln gelang es mir nicht, deine Adventsschokolade in ihre molekularen Bestandteile zu zerlegen und dir über das Internet zu schicken... Was sollte ich nun machen, um deine Enttäuschung zu lindern? Worüber könnte ich schreiben, um dem großen Andy D gerecht zu werden? ... Dann die Idee... es war so einfach, so offensichtlich:
Fight Club, der vermeintlich beste Film aller Zeiten, der Film, der (hier auf mp) am häufigsten unter den Lieblingsfilmen zu finden ist. Fight Club, mein...

No, wait. Back up. Let me start earlier.

Ein Junge (13), welcher vor einiger Zeit angefangen hatte, sich dem Zufall nach Filme auszuleihen, besucht mal wieder die Videothek seiner Wahl... Dieser Abend wird das beste filmische Erlebnis seines Lebens werden. Doch das weiß er natürlich noch nicht... er ist auf der Suche nach Unterhaltung, irgendwas mit Action und ab 18 musste es natürlich sein... Plötzlich entdeckt er das Cover von Fight Club, mit dem Typen aus Troja. In der Hoffnung, der Filmtitel sei Programm, nimmt er den Streifen mit nach Hause... und erwacht 3 Stunden später, wie aus einem Traum. Er fühlt sich wie neu geboren, wie ein anderer Mensch...

It’s only after we’ve lost everything that we’re free to do anything.

Nie zuvor hatte er etwas gesehen, das sein Leben, seine Prinzipien, den Sinn seiner Existenz derart hinterfragte, nie einen Film, der ihn derart in seinen Bann zog, der aus filmischer Sicht so perfekt war.

The things you own end up owning you

Was sollte er nun anfangen mit seinen neuen Erkenntnissen über die moderne Gesellschaft mit ihrem sinnlosen Streben nach überlebens-unwichtigem materiellem Besitz... ihrer Oberflächlichkeit?
Die Entscheidung fiel ihm zunächst einfach, gleich noch mal
Fight Club anschauen...
Aber danach? Wäre es sinnvoll, sein Leben der Suche nach einem vergleichbaren Film zu widmen, oder gliche dies einer unendlichen Odysee?
Er kommt zu dem Entschluss, dass der Versuch es nur wert sein konnte.
So entfachte
Fight Club in einem Jungen die Liebe zum Film, und auch wenn es ihm bisher nicht gelang, die filmische Erfahrung eben jenes Abends zu wiederholen, er bisher kein Werk fand, welches ihn derart faszinieren konnte wie der mittlerweile 11fach gesehene Film, der seine Jugend tiefgehend prägte, so bereut er es doch heute nur selten, so viel seiner Zeit dieser Suche gewidmet zu haben.
But lets get back to why you’re reading this...

People are always asking me if I know Tyler Durden.

Wer ist Tyler Durden? Mit dieser, für den Film essentiellen Frage beginnt Fight Club, der einem auf filmischer Ebene so einiges bietet. Zum einen zwei, mit Edward Norton und Brad Pitt perfekt besetzte, sowie exzellent gespielte Hauptcharaktere, zum anderen eine durch David Fincher perfekt inszenierte Story, einer Parabel auf den Drang nach dem Ausbruch aus dem heutigem monotonen Alltag, welche sich durch geniale Bilder und den nervenaufreibenden, gänsehauterzeugenden Soundtrack für immer im Gedächtnis festsetzt.
Aber
Fight Club lässt sich eben nicht nur auf jene rein filmische Ebene beschränken, denn so wie der namenlose Protagonist den Zuschauer teilweise direkt anspricht (ein innovatives, wirksames Mittel), so ist es auch die Intention des Filmes, den Zuschauer durch die Dialoge anzusprechen, ihn in die gesehenen Erlebnisse mit einzubeziehen und existenzielle Fragen zu stellen, die ihn zum Nachdenken über sich selbst anregen.

Do you know Tyler Durden?

Ist er unser aller Albtraum, oder doch ein Vorbild?
Jemand, der einfach das tut, was ihm gerade in den Sinn kommt, der sein Leben von Tag zu Tag lebt, wie es kommt, so wie wir es eigentlich auch leben möchten, aber, eingeschränkt durch gesellschaftliche Zwänge, nicht können.

We buy things we dont need with money we don’t have to impress people we don’t like.

Eine Person, welche sich nach Erleben dieses Filmes nicht die Frage stellt, ob sie mit ihrem konsumbedingten Leben glücklich ist, ob sie auf diese sinnentleerte Weise wirklich das doch so kurze Leben verbringen möchte, ohne das Bedürfnis zu verspüren, etwas zu ändern, ob der Sinn ihrer momentanen Existenz wirklich in ihrem Interesse liegt, ja, solch eine Person wäre beneidenswert.

This is your life, and it’s ending one minute at a time.

Wollen wir unser Leben nicht alle lieber in vollen Maßen ausleben? Was, wenn wir jetzt auf der Stelle alles hinwerfen könnten? ... Ich würde es vermutlich tun... und ebenso tun es auch die Protagonisten in Fight Club...

Hitting bottom isn’t a weekend retreat. It’s not a goddamn seminar. Stop trying to control everything and just let go! LET GO!

Dabei ist es für die Realitätsflucht unserer Protagonisten nebensächlich, ob sie alles aufgeben, um auf eine einsame Insel zu ziehen, oder sich eben einer Gruppe anschließen, deren Ziel die absolute Anarchie ist.
Nur das Ende der Langeweile, der Monotonie des Alltags, zählt, sie wollen einfach nur leben!

God Damn! We just had a near-life experience, fellas.

Durch die Verwendung der Anarchie als einzigen ersichtlichen Ausweg aus der Langeweile ist Fight Club auch als Warnung zu deuten.
Als Warnung davor, wie leicht wir uns beeinflussen lassen, wie leicht wir unsere Prinzipien verwerfen, wie leicht wir selbst zu „Weltraumaffen“ werden, die alles tun, was ihnen gesagt wird.
Es braucht lediglich einen Animator, jemanden, der es schafft, uns von seinen Prinzipien zu überzeugen, uns für seine Einstellung zu begeistern, und unsere Verachtung für die breite Masse braver Schafe auf ihrem einseitigen Weg zur Schlachtbank zu fördern.

What do you want? Wanna go back to the shit job, fucking condo world, watching sitcoms? Fuck you, I won’t do it.
Und dann, wenn wir erst einmal die Freiheit genossen haben, die uns die Abwesenheit von Regeln und Gesetzen bietet, würden wir dann wirklich diese Freiheit wieder aufgeben? Denn wieso sollten wir? Wenn uns die moderne Gesellschaft unser Recht auf Freiheit verwehrt, warum nehmen wir sie uns nicht einfach?
Doch wie viel ist dir deine Freiheit wirklich wert?
Time to stand up for what you believe in!
Streben wir letztendlich nicht alle danach, frei zu sein, zu tun was wir wollen?

Ein weiterer Grundaspekt des Films ist das, mit der Frage nach dem Sinn der Existenz und dem Verlangen nach dem Ausbruch aus der Gesellschaft eng zusammenhängende, in Frage gestellte Motiv der Männlichkeit innerhalb der modernen, westlichen Welt.

Is that what a real man should look like?
Zum einen fragen wir uns, weshalb wir uns so oft nach den gängigen Schönheitsidealen richten müssen, die uns die Werbung, sowie die gesellschaftliche Norm vorschreibt.
Sind wir nicht eigenständig denkende Wesen, die selbstständig entscheiden können und sollten, wie sie auszusehen und sich zu verhalten haben?
Und dennoch werden wir in unsere Rolle gezwungen, ungeachtet unserer animalischen Triebe und Verhaltensweisen, die uns als Mann definieren.
We’re the middle children of history. No purpose or place. We have no Great War. No Great Depression. Our Great War’s a spiritual war…our Great Depression is our lives. We’ve all been raised on television to believe that one day we’d all be millionaires, and movie gods, and rock stars. But we won’t. And we’re slowly learning that fact. And we’re very, very pissed off.
Damit verbunden steht die Frage nach dem Sinn, "Mann zu sein," wenn wir keine Möglichkeit mehr haben, unsere Männlichkeit auszuleben, wenn wir nichts zu beschützen haben, nicht mehr um unser Überleben kämpfen müssen.
Ein Motiv, das im
Fight Club aufgegriffen wird, etwas, dass uns aus eben jener Langeweile und Sinnlosigkeit des Lebens retten könnte, was unserer Existenz wieder einen Sinn geben könnte... wenn wir es zulassen...
Without pain, without sacrifice, we would have nothing.
Denn schließlich sind wir Männer, wir wollen nicht länger, in Watte eingepackt, durch ein Leben torkeln, dessen Fortführung zu einfach geworden ist.
Wir brauchen etwas, für das wir kämpfen können, für das es sich zu kämpfen lohnt, etwas, dass uns wieder richtig leben lässt…!

Und genau deshalb,
weil
Fight Club zum Nachdenken anregt, das Leben in Frage stellt, und uns letztendlich mit dem Gedanken zurücklässt, ob wir im Hier und Jetzt wirklich glücklich sind,
ja deshalb schreibe ich hier eben nicht nur über einen Film,
ich schreibe über Kunst,
über Kunst mit einer Aussage,
über Kunst, die bewegt,
über ein wahrhaftiges Meisterwerk,
über meinen Lieblingsfilm!

Der Originalkommentar ist hier in den Ring gestiegen.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News