Das Irrlicht - Die aschgraue Wirklichkeit des Lebens

Das Irrlicht
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Das Irrlicht
10.04.2018 - 12:30 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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In Das Irrlicht widmet sich Louis Malle dem Sterbebedürfnis der Hauptfigur mit einem einfühlsamen Verständnis, das den Film trotz seiner deprimierenden Strahlkraft zum Klassiker macht.

Nach außen hin ist Alain Leroy ein völlig gesunder Mann. Zu diesem Urteil kommt auch der Arzt, der den Anfang 30-jährigen Patienten einer Entzugsklinik behandelt. Seiner Diagnose nach könnte Alain die Klinik umgehend verlassen, denn er sei geheilt und längst wieder dazu in der Lage, ein Leben außerhalb seines Klinikzimmers zu führen. Alain will sein Zimmer, diese vier Wände, die seinen Alltag Tag für Tag strukturieren, allerdings nicht verlassen. "Das Leben ist gut", sagt der Arzt im Gespräch mit der Hauptfigur aus Das Irrlicht von Regisseur Louis Malle. Für Alain ist der Begriff "Leben" dagegen nur noch ein Wort, das als vage Erinnerung vor seinem geistigen Auge bereits verblasst ist. In den Schwarz-Weiß-Bildern des Films, die von trister Verlorenheit und wunderschöner Erhabenheit gestützt werden, irrt der Protagonist durch die melancholischen Überreste seiner Existenz, der in der Gegenwart jeglicher Sinn abhanden gekommen ist.

10 Jahre zuvor war Alain noch Teil dieses guten Lebens, wie es sein Arzt bezeichnet. Wo der 20-Jährige in Paris auch auftauchte, war er in der Regel mit einem Drink in der Hand und einer Frau an seiner Seite zu sehen. Auch zu Beginn, direkt in der Eröffnungsszene, ist Alain zu sehen, wie er mit einer attraktiven Dame im Bett liegt. Von Leidenschaft oder sexueller Lust ist in diesem Moment aber nichts mehr zu spüren. Alain selbst wird sein großes Dilemma, bei dem er sein Innerstes nach außen kehrt, später im Film mit genau diesem Zustand umschreiben. Selbst wenn seine Finger noch etwas ertasten, er seine Hand auf den Körper eines anderen Menschen legt, ist er nicht dazu imstande, noch irgendetwas zu empfinden.

Maurice Ronet und Léna Skerla in Das Irrlicht

An den Spiegel in seinem Klinikzimmer schreibt Alain das Datum, an dem er sich das Leben nehmen will. Zuvor wird er allerdings noch einmal hinausgehen, in jenes Paris, das seine Begleitung aus der Anfangsszene des Films als verlorene Stadt bezeichnet, während Alain und sie im Auto aus dem Fenster blicken. Ein letztes Mal will die Hauptfigur den Spuren ihrer Vergangenheit nachspüren und sich mit jenen treffen, die von ihm ein ganz bestimmtes Bild im Kopf haben. Im Gespräch mit einem alten Freund, der früher ebenso wie Alain ein harter Trinker war und jetzt mit Frau und Kindern im gut situierten Mittelstand angekommen ist, bekommt er von diesem abschließend geraten, die Mittelmäßigkeit doch einfach zu akzeptieren.

An ein Umstimmen im letzten Moment ist in Louis Malles Film, der den Betrachter von Beginn an in Alains aschgraue Lebenswirklichkeit zieht, aber nicht zu denken. Alain schreitet nicht durch die Straßen von Paris, um einen letzten Strohhalm zu finden, an den er sich klammern kann. Die größte Errungenschaft von Das Irrlicht ist es, dass der Zuschauer des Films mit fortwährender Dauer genauso wie die Hauptfigur gar nicht mehr nach solch einem Strohhalm Ausschau hält. Louis Malles Werk ist auf seine Weise einzigartig, denn einen Film, der so tief in das Bewusstsein eines suizidalen Depressiven vordringt und dessen Gefühlen, die keine Gefühle mehr sind, mit empathischem Verständnis begegnet, hat es in der Filmgeschichte vor Erscheinen des Werks im Jahr 1963 noch nicht gegeben.

Maurice Ronet in Das Irrlicht

In den leeren Augen der Hauptfigur vernimmt der Zuschauer erst wieder Anzeichen von Lebenslust, als sich Alain an den Tisch eines Cafés setzt und die Menschen um sich herum beobachtet. All das Leben, das hier nur noch ohne ihn stattfindet, treibt ihn dazu, sich doch wieder ein Glas Alkohol zu bestellen. Nachdem er dieses ausgetrunken hat, scheinen seine Augen zu funkeln, wonach er beseelt und unbeholfen zugleich durch die nahegelegenen Straßen torkelt. Gegen Ende des Films findet sich Alain auf einer Party wieder, wo ihn ebenfalls einige anwesende Leute kennen. Nostalgisch erzählt die Gastgeberin Solange ihren Gästen davon, dass sie früher einmal sogar in Alain verliebt gewesen sei. In einer kurzen Szene, die den womöglich bewegendsten Moment von Das Irrlicht darstellt, geht Solange auf Alain zu, um ihm eine Tasse Kaffee zu reichen. Durch die Augen von Alain betrachtet die Kamera das Gesicht der Frau, die von Alexandra Stewart gespielt wird. Eine blonde Schönheit, die mit hochgesteckten Haaren, dem feinen Schmuck und vor allem ihren milde tröstenden Augen etwas in Alain auszulösen scheint. Bevor sie weiter an ihm vorbeiläuft, berührt er ihre Schulter, schaut sie an, will noch etwas sagen – und bekommt doch kein Wort über die Lippen. Weiterhin ist Alain das Irrlicht, das in geisterhaftem Unvermögen auf der Schwelle zum Tod gefangen bleibt. Bis zum Schuss.

Alexandra Stewart in Das Irrlicht

Bei einem Sprung durch die Filmgeschichte gelangt man schließlich zu Oslo, 31. August von Joachim Trier. Darin erzählt der norwegische Regisseur die Geschichte von Anders. Der 34-Jährige wird in zwei Wochen aus der Entzugsklinik entlassen, nachdem er seit 10 Monaten keinen Alkohol mehr getrunken und keine Drogen konsumiert hat. Für ein Bewerbungsgespräch bei einer Osloer Zeitung wird er für einen Tag aus der Klinik entlassen. Ein Tag, an dem Anders durch die Straßen der norwegischen Hauptstadt läuft, um alte Weggefährten und gute Freunde oder Bekannte zu treffen und Bilanz zu ziehen. Eine Bilanz, die einem Schlussstrich gleichkommt. Mit seinem Film ist Joachim Trier eine eindringliche, erschütternde Studie einer verlorenen Seele gelungen, die mit ihrem Leben abgeschlossen hat und nur noch auf den Ausstieg zusteuert. Es ist die Geschichte von Alain Leroy, der als Wiedergänger diesmal in Farbe zurückgekehrt ist, um noch einmal zu gehen. Vielleicht gelingt es der Hauptfigur aus Louis Malles Klassiker, der einerseits so schmerzt und andererseits so wärmt, dass ich ihm nur schweren Herzens mein Herz gebe, endlich zur Ruhe zu kommen.

Wenn ihr euch von der Thematik betroffen fühlt, kontaktiert umgehend die Telefonseelsorge . Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110-111 oder 0800-1110-222 erhaltet ihr Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen aufzeigen konnten.

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