Ich habe Dark zwei Mal abgebrochen und hasse mich dafür

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© Netflix/Moviepilot
Dark
26.07.2020 - 08:59 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Kaum ein Serienabbruch war schmerzhafter als der von Dark. Nach dem Finale in Staffel 3 habe ich versucht, zu ergründen, warum Dark und ich nicht zusammengefunden haben.

Er hielt mich und Dark für das perfekte Match. Der Netflix-Algorithmus (der bei genauerer Betrachtung funktioniert wie eine Dating-Seite), liegt längst nicht immer richtig, wenn es darum geht, den Nutzern neue Filme und Serien zu empfehlen. Dieser Code hat mir Dark mit beeindruckendem Durchhaltevermögen vor die Stirn geklatscht. Trotzdem habe ich es nie über die 5. Folge hinausgeschafft.

Warum hat der Dark-Sog, dieses internationale Serienphänomen, mich nie erfasst? Diese Frage beschäftigt mich seit fast 3 Jahren. Dark ist bei weitem nicht die erste Serie, der ich nach ein paar Folgen den Rücken zugekehrt habe. Der Markt bringt immer mehr Special-Interest-Serien hervor und dass eine Serie den individuellen Geschmack eines Zuschauers nicht trifft, ist eher die Regel als die Ausnahme.

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Damit wir uns auf eine Serie wirklich einlassen, muss ziemlich viel zusammenpassen: Das Thema, die Figuren, die Atmosphäre, mitunter auch die Farbgestaltung. Und hier beginnt der Widerspruch, der mich so quält.

Phase 1: Die Unschuldige Dark-Liebe und der erste Abbruch

Dark schien wie geschaffen für mich. Ich war live dabei, als Co-Showrunner Baran bo Odar sein Geschöpf ein halbes Jahr vor dem Launch wie eine Mischung aus Stranger Things, Donnie Darko und Das weiße Band beschrieb. Showrunnerin Jantje Friese kündigte Dark an als "Phänomen, das die Verhältnisse von Raum und Zeit sprengt."

Mit dem Etikett "Zeitreise" kann man mir den letzten Mist verkaufen, außerdem schienen Friese und Odar zu wissen, wovon sie sprechen. Ich erwartete eine Serie, die Zeitreisen so ernst nimmt wie kaum ein Film oder eine Serie zuvor. Special Interest, ja, aber zugeschnitten auf mein spezielles Interesse, meine Nische.

Ich habe nach den ersten zwei Episoden für Moviepilot sogar eine euphorische Dark-Kritik abgeliefert. Ich entdeckte all das, was ich mir erhofft hatte und von dem bis heute Fans schwärmen, die bis zum Ende der 3. Staffel geschaut haben.

Erste Zweifel: Was mich an Dark genervt hat

Ich hätte allerdings nie gedacht, dass mir die Schwächen - oder eher die kleinen Macken - mit fortlaufender Zeit derart auf die Nerven gehen würden.

Uhrmacher in Dark

Ich ertrage es nicht, wenn Figuren in so einen bedeutungsschwangeren Dozier-Modus verfallen. Wenn mir offensichtlich gerade ein komplizierter Einfall der Autorin erklärt wird, der für einen Dialog zu sperrig ist, schalte ich meist aus Trotz ab. Die Figur H.G. Tannhaus (ein Uhrmacher!) raunt während der ersten Folgen ständig Quantenverschränkungsweisheiten wie "Nicht nur die Vergangenheit beeinflusst die Zukunft, sondern auch die Zukunft die Vergangenheit."

Außerdem sind die ersten Folgen mit ihren ständigen Andeutungen schrecklich dröge und, noch viel schlimmer, die Figuren, die sich in diesem Zeit-Looping zurechtfinden sollten, interessierten mich einfach nicht.

Später wurde mir (sehr) oft erklärt, dass es nach Folge 4 erst richtig interessant wird, also, puh, was ich über Dark zu wissen glaubte, ein Tropfen war, und was ich nicht über Dark wusste, ein Ozean ist.

Phase 2: Hoffnung - Der nächste Versuch mit Dark

Deshalb tat ich bei Dark, was ich mir sonst nie zumute: Ich startete vor dem Start der 2. Staffel einen neuen Anlauf und hoffte, dass mich Season 1 nur in schlechter Verfassung erwischt hatte. Dass ich mich für Dark nur richtig zu öffnen hatte. Mit anderen Worten: Ich war so überzeugt, Dark mögen zu müssen, dass ich den Fehler bei mir suchte.

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Aber es half alles nichts. Ich quälte mich nochmal durch die 4. Folge, zum Aufwärmen, und stach dann Folge 5 an, bis ich nach 20 Minuten merkte, dass das einfach nichts wird mit mir und Dark. Da waren wieder diese mürrischen Jugendlichen, die langen Einstellungen auf das Zeitloch (?) im Wald und diese ganzen Gesichter, die in dunklen Höhlen auftauchen und nie erklärt werden.

Diesmal hörte ich auf mit dem Wissen, dass es besser wird, dass ich einfach Geduld haben müsste. Die anderen haben es doch auch geschafft.

Phase 3: Selbstzweifel - Warum finde ich einfach keinen Zugang zu Dark?

Ich hasste mich, weil ich Dark nicht mochte. Was habe ICH falsch gemacht, damit MIR Dark nicht gefällt? Welche Ausfahrt nach Hype-Town, die ständig neue Bewohner findet, habe ich verpasst?

Ich leuchtete die Tropfsteinhöhlen meiner Serienseele aus, tastete nach Erklärungen.

  • Zunächst, nein: Ich habe keine Vorbehalte gegen deutsche Produktion.
  • Aber hatte Westworld womöglich meinen Bedarf an verrätselten Serien schon gedeckt?
  • Oder sättigte The Leftovers meinen Bedarf an emotionaler Mystery?
  • Bin ich denkfaul oder: Ist eine Serie, für die man sich einen Stammbaum aufs Sofa legen muss, wirklich gesund für mich?
  • Ist es das Netflix-Klima, das mich allmählich abstumpft? Schalte ich, wie der Pawlowsche Hund, wenn das Netflix-Logo aufblendet, automatisch in einen Modus der Indifferenz, des passiven Hin- und Wegschauens, für den Dark einfach nicht geeignet ist?

Wirklich befriedigend ist das alles nicht.

Phase 4: Frustration - Die Dark-Abschlussparty

Mittlerweile ist Staffel 3 da und ich musste zuschauen, wie die Dark-Superfans Max, Esther und Andrea aus dem Moviepilot-Team scheinbar das größte Serienevent des jungen Jahrzehnts feiern. Zum Schmerz eigener Unzulänglichkeit gesellte sich das unangenehme Gefühl, ausgeschlossen zu sein.

Ich machte meiner Frustration mit einer Reihe zynischer Tweets Luft, die eigentlich nur den Neid ausdrücken, den ich empfinde, wenn Esther, Max und Andrea ihren blö... ihren epischen 2-Stunden-Podcast zum Dark-Finale aufnehmen.

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Dazu müsst ihr vielleicht wissen, ich liebe solche vibrierenden Phasen in der Serien-Society, wenn Fan-Communities gemeinsam ein Finale erleben. Ich habe Game of Thrones und Breaking Bad aufgeholt, um bei den letzten Folgen live dabei zu sein und bei Gott, es hat sich gelohnt. Bei Dark fühlte sich das jetzt an wie eine Houseparty in der Nachbarwohnung, zu der ich rein theoretisch eingeladen bin, aus Bequemlichkeit aber nicht hingehe.

Hätte ich einfach durchhalten, geduldiger sein sollen? Hätte ich mir mehr Mühe geben sollen bei der Betrachtung des monumentalen Kunstwerkes Dark? Diese Frage wird mich für immer verfolgen.

Hier ist der epische Dark-Podcast zum Finale

Was wir wissen, ist ein Tropfen. Was wir nicht wissen, ein Ozean. Wir versuchen im Streamgestöber-Podcast auch bei Dark trotzdem von Anfang bis ... Anfang zu erklären und aufzuschlüsseln:

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Die drei Dark-Fans Esther, Max und Andrea schlüsseln Jonas' Werdegang chronologisch über alle drei Staffeln hinweg auf, entwirren die Stammbäume, interpretieren das emotionale Ende und beantworten eure offenen Fragen.

Seid ihr auch an Dark verzweifelt?

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