Dark bei Netflix – Eine Serie, die Hoffnung macht

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Dark
01.12.2017 - 08:25 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Die deutsche Netflix-Serie Dark ist ein Paukenschlag. In den ersten zwei Folgen, die wir sehen durften, entfaltet sie einen mysteriösen Entführungsplot, der auf durchdachte Zeitreisekonzepte zurückgreift.

Ist Dark eine Netflix-Serie, die zufällig auch eine deutsche Serie ist, oder eine deutsche Serie, die zufällig auch eine Netflix-Serie ist? Als im September erste Dark-Kritiken vom Toronto Filmfestival, wo die Serie als Weltpremierie gezeigt wurde, eintrudelten, kamen die Überschriften selten ohne die Schlagwörter "Netflix" und "German" (und "Stranger Things")  aus. Sie waren nüchterne Gutachten, sie diagnostizierten Dark Netflix-typische Merkmale, der Netflix-Stall überstrahlte die Nationalität. Deutsche Serien mit internationalem Appeal, von denen es in den letzten Jahren dann doch viele gab, teilten allesamt eine verhuschte, tiefsitzende Angst, abschätzig beobachtet zu werden, zusammen mit einem rauchenden Willen, sich und allen deutschen Serienschauern, von denen es ebenfalls immer mehr gibt, zu beweisen, dass wir es auch können, Serienmachen. Und nicht nur Weltmeister werden.

Serien wie You are Wanted, Morgen hör ich auf und auch zuletzt Babylon Berlin entstanden in den längst verbrannten Küchen deutscher Film- und Serienkunst. Dark dagegen ist eine deutsche Seriengeburt im Reagenzglas. Netflix stellt hoffnungsvollen Filmschaffenden für unbelassenes kreatives Entdecken sterile Voraussetzungen zur Verfügung, die auch für Dark galten, wie ihr Schöpfer Baran bo Odar schon bei der ersten Wasserstandsmeldung im Frühling zu Protokoll gab. Netflix überwindet auf diese Weise störende nationale Neurosen und Bedrängnisse, die ihren Entertainment-Endprodukten schaden könnten. Die Serien sollen von nationalen wie internationalen Zuschauern gemocht werden, sie müssen also reingewaschen werden, bis sie dem Netflix-Blingbling entsprechen, sollen die Rückstände ihres Lokalkolorits jedoch behalten. Dark ist jetzt der Netflix-Versuch, eine deutsche und gleichzeitig nicht-deutsche Serie zu drehen. Man könnte auch sagen, deutsch, aber bitte in gut. Die mit weitreichender gestalterischer Macht ausgestatteten Showrunner Jantje Friese und Baran bo Odar haben die institutionelle Netflix-Freiheit mit vollen Händen ergriffen. Erzählen darf ein Autor bei Netflix alles, und wie es ihm gefällt. Dark fühlt sich unter der Führung seiner Showrunner deshalb an, wie sich vielleicht noch nie eine deutsche Serie anfühlte; sie ist wie eine dieser bizarren Figuren, die beim Bleigießen entstehen, und sie will genauso gedeutet und entschlüsselt werden.

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Noch bevor in Dark überhaupt irgendwas passiert, setzen Baran bo Odar und Jantje Friese einige nicht ganz unwichtige physikalische Regeln außer Kraft: Wir sollen alles vergessen, was wir über Zeit wissen, sie verläuft nicht linear, sondern kreisförmig, erzählt ein alter Mann im Vorspann, und ein dazu passendes, aufblendendes Albert Einstein-Zitat verschafft den folgenden Gedankenspielen deutsche Dichter-und-Denker-Plausibilität. So werden dunkle Höhlen im Wald zu schwarzen (Wurm)Löchern, die ferne Zeitebenen miteinander verknüpfen, und Déjà-vus sind Fehler im System wie bei Matrix, die Realität also auch nichts weiter als eine schnöde Konstruktion, also lesbar. Nichts stimmt hier und alles muss hinterfragt werden. Der unbedingte Erzähldrang von Dark erobert Kosmen wie in einem Nolan-Film.

Eine Science-Fiction-Murder-Mystery

Dark wird so zur in Form gebrachten Version eines dämmrigen, weingeschwängerten Gespräches über Gott und die Welt, oder eben die säkularisierte Version davon, Wissenschaft und Welt. Die Form ist der Entführungskrimi, Grenzen gibt es aber sonst keine, bis auf den Lokalkolorit, der eingehalten und gezeigt werden muss. Das schlägt sich auch im Stil nieder, denn im krümmbaren Raum sind kontinuierliche Schnitte egal. Ein verwirrt sirrender, unangenehmer Ton begleitet fast jede gruselige Szene - oder erschafft sie erst bei der Schnitzeljagd durch den düsteren Märchenwald. Wir sehen Brandenburg und den fiktiven Ort Winden, um den herum wildes Kraut wächst und dunkle Kiefernwälder. Viele Landstriche in Brandenburg sind wilder und undurchdringlicher, dünner besiedelter und weiter als sonst irgendwo in Deutschland. Anstelle von Bergen ragen immerzu gespenstisch dampfende Kernkraftkühltürme über die Rücken der Wipfel als energieliefernde Pendants zu den Wasserfällen in Twin Peaks.

Das Geheimnis von Winden

Genau wie in Twin Peaks passiert in Winden überhaupt nie etwas und natürlich erfreut sich die Kleinstadt Winden einer niedrigen Kriminalitätsrate. Sie hat ihre bewegte Vergangenheit unter wattigem Schweigen begraben. Tatsächlich ist durchaus allerlei passiert in Winden, vor drei Jahrzehnten, die sich nun mit der Gegenwart verweben. Wenn in dieser Stadt jemand sagt, dass irgendwas nichts mit irgendwas anderem zu tun hat, hat dieses irgendwas ganz bestimmt mit dem anderen irgendwas zu tun.

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Entführung über Zeiten und Dimensionen hinweg

In Winden, der Stadt im waldigen Nichts, verschwand Erik Obendorf vor mehr als einer Woche spurlos. Die Witwe des Mannes, der sich in der ersten Szene sehr sachlich erhängt, schläft mit dem ermittelnden Polizisten im Fall Erik, welcher gleichzeitig mit der Leiterin der örtlichen Schule verheiratet ist. Halbwaise Jonas (Louis Hofmann), Sohn des Erhängten und der Witwe, kennt Erik in der Schule lediglich vom Sehen. Er und seine Freunde, eine bunt zusammengestellte Breakfast Club-Clique, interessieren sich weniger für dessen Verschwinden als für das Gras, das er womöglich zurückgelassen haben könnte, jetzt aber definitiv nicht mehr wegrauchen kann. Über verwachsene, stillgelegte Gleise (der Location-Scout hat ganze Arbeit geleistet) gelangen sie zu einer Höhle, die sich schnell als logistisches Zentrum des Geschehens entpuppt und 2017 mit 1987 verknüpft.

Winden und die Ermittler Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) haben es mit einem Entführer zu tun, der über Zeitebenen hinweg Kinder entführt. Bald müssen sie sich mit zwei verschwundenen Jungen und einer Jungenleiche, die zu keinem der beiden gehört, herumschlagen. Die vorliegende Leiche könnte glatt durch die Zeit gesendet worden sein, sie ist, voll so 1980, in ein Sweatshirt mit "Atomkraft? Nein Danke"-Aufschrift gewickelt. Zwischen Borke und Laub finden sich noch allerlei weitere ultimative 1980er-Requisiten: Eine Raider-Verpackung (heute Twix), ein Walkman und ein Pfennig, Nenas Irgendwie Irgendwo Irgendwann läuft, auch als Verweis auf physikalische Ungewissheiten, rauf und runter. Das sind keine einfachen Nostalgiekommentare. Dark gelingt vielmehr eine der klügsten Reflektionen des 80er-Sogs in der gegenwärtigen Popkultur. Die Serie zeigt die 80er als Planet, auf den man als Astronaut reisen kann, wie es auch schon Black Mirror mit der Episode San Junipero tat.

Die größte Hoffnung für die deutsche Serie seit langem

Die Kehrseite dieser reizvollen Sujets und Konzepte ist auch eine Krankheit der Nolan-Filme Inception und Interstellar: Zwischen die mysteriösen Arcs schleichen sich schwere Expositions-Poller. Es muss leider viel erklärt werden, was wiederum an andere deutsche Serien und deren filmsprachlichen Analphabetismus erinnert. Man kann Informationen auch anders vermitteln als durch Monologe, erklärende Kommentare aus dem Off, Vorträge von Schülern und Therapeutengespräche. Zur Not könnten Informationen vielleicht auch mal weg- und füllbare Leerstellen gelassen werden. Der Mut zum absoluten Vertrauen in den Zuschauer fehlt Dark an manchen Stellen.

Aber diese Mischung aus Donnie Darko-Wurmlöchern, Twin Peaks-Angst und Stranger Things-Leichtigkeit wird ihre Zuschauer bei Netflix natürlich finden. Auch so hat Dark schon jetzt seine 2. Staffel mehr oder weniger sicher, Netflix lässt seine lokalen Filialen nicht verhungern. Nur bleibt uns zu hoffen, dass die Geburt im Reagenzglas kein Sturm im Wasserglas bleibt.

Alle 10 Folgen von Dark sind ab dem 01.12.2017 bei Netflix verfügbar.

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