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Coraline - Einer der größten kleinen Filme

27.06.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Coraline ist misstrauisch
© Universal Pictures
Coraline ist misstrauisch
Unheimlich, faszinierend, nicht wirklich für Kinder geeignet – das ist die Kurzbeschreibung des Films Coraline. Dass zu diesem Werk noch weit mehr geschrieben werden kann, beweist moviepilot-User Joone44.

Es ist immer wieder ein kleines Ärgernis, wenn ich Kommentare lese, in denen Tim Burton für Nightmare Before Christmas und Coraline gelobt wird, obwohl er bei keinem der beiden Filme Regie führte, bei letzterem war er nicht mal in irgendeiner Art und Weise beteiligt. Doch der eigentliche Regisseur, Henry Selick, darf sich geschmeichelt fühlen. Denn Tim Burton hat insbesondere in Sleepy Hollow eine fantastische und schaurig-schöne Atmosphäre kreiert.

Ursprünglich sollte der Film, der auf Neil Gaiman s lesenswertem gleichnamigem Roman basiert, nicht einmal ein Trickfilm werden, sondern ein Live-Action-Film. Zu bedrohlich, dachten sich die Produzenten. Aber mal ehrlich: Wäre Coraline mit Menschen statt Puppen, hätte ich mich wahrscheinlich nicht hoffnungslos in diesen Film verliebt.

Wie ich Coraline damals kennenlernte, war ein glücklicher Zufall. Als ich damals ins Kino gegangen bin, um (eher unfreiwillig) Harry Potter und der Halbblutprinz zu sehen, sah ich das Plakat des Films. Coraline in großen gelben Buchstaben. Das O ähnelt einem Knopf. Ich musste dreimal hingucken, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen. Aber nein, sie scheint Coraline zu heißen und nicht Caroline. Der Untertitel verspricht, dass es sich hierbei um ein unbeschreibliches Abenteuer handele. „Dass ich nicht lache…“ dachte ich. Das Plakat erinnerte mich damals eher an eine Ami-Version von Lauras Stern. Doch später in der Vorschau (und ich bin glücklich, dass der Trailer dort lief, denn sonst hätte ich diesen Film bis jetzt wahrscheinlich immer noch nicht gesehen) sah ich dann die bewegten Bilder dazu. Ich war hin und weg. Diese schönen Farben, die liebevollen Animationen, spannend scheint das Ganze auch noch zu sein. „Das musst du dir ansehen!“ war mein nächster Gedanke zum Film, der meiner vorherigen Einstellung mal eben einen ordentlichen Tritt in den Hintern gegeben hat.

Am 13. August 2009 war es nun endlich soweit. Das Mädchen mit den blauen Haaren und der Libellenhaarspange lernt auch in den deutschen Kinos, dass man vorsichtig sein soll, was man sich wünscht. Ich schleppte meine Cousine mit, die hat nie von dem Film gehört, aber was soll’s, er hat ja gute Kritiken bekommen, damit konnte ich sie überzeugen. In der ersten Vorstellung des Tages saßen überraschend viele Kinder mit ihren Eltern. Ich hätte das nicht erwartet, denn für Kinder kann dieser Film doch gar nicht interessant sein. Im Laufe des Films wurde aber deutlich, dass er „zu interessant“ war. Das Ergebnis: Einige Eltern haben das Kino mit ihren Kindern verlassen, weil es einfach unerträglich wurde.

An dieser Stelle spreche auch ich nochmal meine Warnung aus: Dieser Film ist nichts für Kinder! Und das ist auch gut so. Coraline ist überraschend makaber. Als die Eltern die 11-jährige Titelheldin darum bitten, ihre Augen durch ein Paar stylishe Knöpfe auszutauschen (hey: sie durfte sich immerhin die Farben aussuchen), fängt der Grusel erst an. Coraline ist genau das, was Kinder dazu bewegt, schreiend in das Bett ihrer Eltern zu rennen: Ein Alptraum. Dieser Film ist ein einziger Alptraum. Und das ist als Kompliment zu verstehen. Denn bereits die Opening Credits sind auf eine eigenartige Weise grotesk: Hände, die aus aneinander haftenden Nadeln bestehen, schneiden eine Puppe äußerst präzise auf und nähen sie um. Im Hintergrund hört man ironischerweise ein Lied, das „Mechanical Lullaby“ heißt. Es hört sich albern an, aber genau dieser seltsame Einstieg bereitet einen gut darauf vor, dass dieser Film in der zweiten Hälfte gefahrvoll und düster wird.

Coraline hat mich in seinen Bann gezogen. Mit der sympathischen und hin und wieder auch rotzfrechen Hauptfigur fiebert man gerne mit. Man kann ihre Gefühle immer nachvollziehen. Und obwohl man schon vom Trailer erfährt, dass die andere Welt doch nicht so fantastisch ist wie sie scheint, freundet man sich gerne mit ihren „anderen Eltern“ an. Und das ist mein voller Ernst: Immer, wenn ich die DVD sehe, falle ich wie Coraline darauf rein.

Die Musik von Bruno Coulais und They Might Be Giants unterstreichen jeden einzelnen Moment perfekt. Auch die Bildsprache ist skurril und farbenfroh. Die vielen Details, die der Film bietet und gerade in der anderen Welt auftauchen, faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Stop-Motion-Filme im Allgemeinen sehe ich am liebsten. Nicht nur, weil diese Tricktechnik einen nostalgischen Touch hat, sondern auch, weil ich es immer wieder erstaunlich finde, dass die Macher solcher Filme es immer wieder schaffen, mich in ihre Miniatur-Welten zu entführen.

Ich hoffe, dass der ein oder andere mal in der Videothek vor diesem Film stehen bleibt und ihn sich mitnehmen wird. Denn es lohnt sich wirklich. Für großartige Filme braucht man nicht unbedingt große Figuren: Die Puppen in Coraline sind kaum größer als 80 mm.

Übrigens: Die Macher von Coraline, die für Laika-Entertainment arbeiten (die Firma, die diesen Film gedreht hat), bringen auch in diesem August einen Spielfilm raus. Er heißt ParaNorman und der Trailer verspricht einen genialen Zombie-Spaß.


Vorschau: Was ihr nächste Woche zu lesen bekommt? Lasst euch überraschen…


Dieser Text stammt von unserem User Joone44. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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