Beyond Skyline ist ein Film, der existiert, und das ist gut so

Ein Bild, das traurigerweise nur 30 Prozent von Beyond Skyline wiedergibt
© XYZ Films
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Gegen 5 Uhr morgens wurde das Publikum langsam zu müde, um jede Gesangsnummer in Anna and the Apocalypse zu beklatschen. Mühe hatte es sich redlich gegeben. Das schottische Zombie-Weihnachts-Musical feierte letzten Monat beim Fantastic Fest in Austin, Texas Premiere, um von dort seinen Streifzug durch die Festivals, DVD-Regale und feuchtfröhlichen Filmabende dieser Welt anzutreten. Als der vermutlich am besten als Partyfilm funktionierende Beitrag vorüber war, schlurfte ich durch die verwinkelten Straßen von Sitges, vorbei an lallenden Partygängern und taumelnden Kinobesuchern, während Bierdosen die Gassen Richtung Strand hinunter kullerten. Für einen Zombie Walk braucht es, so meine Erkenntnis nach einer Woche beim Festival des Phantastischen Films in Sitges, gar nicht so viel Schminke, wie immer gedacht. Ein Besuch im Kino tut es auch.

Anna and the Apocalypse ist wie geschaffen für die Midnight Screenings, die beim Festival gegen 1 Uhr beginnen und aus Kurzfilmen und mehreren Spielfilmen bestehen. Man verzeiht einem Film erstaunlich viel, wenn einen der Enthusiasmus des restlichen Publikums ansteckt bzw. Koffeintabletten und Schokokekse ihre Wirkung entfalten. Vor ein paar Tagen lief hier Beyond Skyline, das Sequel von Skyline aus dem Jahre 2010, nachdem niemand gefragt hat. Nun ist es trotzdem da und erscheint in einem Monat in Deutschland auf Blu-ray. Der Titel klingt völlig nichtssagend und trifft es trotzdem perfekt. Die erste Hälfte von Beyond Skyline spielt in Los Angeles und erzählt die Alien-Invasion aus Sicht von Frank Grillo, der sicherlich einen Charakternamen hat, aber erstens bin ich zu müde, um nachzuschlagen und zweitens hat er den nur, weil jemand seinen letzten Rest Anstand aufgegeben und sich der Drehbuch-Konvention unterjocht hat, anstatt das Anständige zu tun: der Welt einen Film zu schenken, in dem Frank Grillo als Frank Grillo namenlosen Aliens in die Fresse schlägt. Dem geht er leider erst in der zweiten Hälfte des Films mit voller Konsequenz nach. Zuvor muss Grillo ansehen, wie sein Filmsohn von den blau leuchtenden Erntemaschinenaliens vom Erdboden weggesaugt wird. Also tut Grillo, was ein Grillo tun muss. Er macht sich auf ins Alien-Schiff, sagt sehr oft Bitch oder Shit, bevor er auf ein Alien ballert und bringt im Bauch (hihi) des Raumschiffs ein Kind zur Welt.

Besagte Geburtsszene ist das erste Anzeichen, dass Beyond Skyline irgendwo tief in seinem Innern einen Zug absoluten Wahnsinns unterdrückt. Obwohl dem leider nie vollkommen nachgegeben wird und obwohl die CG-Aliens aussehen wie der Teil in Mass Effect 2, in dem man nicht mit den anderen Crewmitgliedern flirtet, überflügelt Beyond Skyline das Original ohne Probleme. Dank der Gesetze internationaler Koproduktionen landet Grillo nämlich in Indonesien und wenn man einen Film schaut, der in Indonesien spielt, an dem XYZ Films beteiligt ist, dann kann das nur eines heißen: Iko Uwais. Sein The Raid-Co-Star Yayan Ruhian (Mad Dog) ist auch mit von der Partie beim indonesischen Alien-Fight. Das klingt in seinen Grundzutaten viel großartiger, als es am Ende ist. Regisseur Liam O'Donnell, der auch den ersten Teil geschrieben hat, hegt aus irgendeinem Grund Interesse an dieser Skyline-Sache und an riesigen Raumschiffen und solchem Zeug, während er mit den beiden Silat-Kämpfern, Frank Grillo und Plastik-Alien-Anzügen waschechtes B-Movie-Gold in den Händen hält. Die Herren dürfen glücklicherweise gegen Ende das machen, was sie am besten können und dann deutet Beyond Skyline äußerst ungeniert und spaßig an, was hätte sein können. Im Abspann gibt es in bester Jackie Chan-Manier sogar Outtakes! Ist es dieses Finale wert, durch den Rest des Films nach Indonesien zu waten? Wahrscheinlich nicht. Dank Frank Grillo zieht die Reise schnell und ohne Jetlag an einem vorüber, vor allem wenn das Publikum jeden Alien-Kill beklatscht. Wo das bei der IMDb gelistete Budget von 20 Millionen Dollar hingeflossen ist, lässt sich bei Beyond Skyline allerdings nicht erklären.

Zurück zu Anna and the Apocalypse, der wahrscheinlich bessere Kritiken als Beyond Skyline kriegen wird, weil er mit seinem Genremix origineller erscheint, aber dessen Alles-ist-möglich-Mentalität vermissen lässt. Immerhin bietet uns das Zombie-Musical Paul "Thoros of Myr" Kaye als Schulleiter und lebendiger Schurke, der hier offenbar seinen Kindheitstraum wahrmacht, einmal in einem Rock-Musical von Andrew Lloyd Webber aufzutreten. Entsprechend enthusiastisch ist er jedenfalls bei der Sache, was er seinen Ko-Stars voraus hat, bei denen die High School Musical-Nummern wie Hausaufgaben aussehen. Habt ihr die Auftaktsequenz des Dawn of the Dead-Remakes gerade vor Augen? Ja? Dann subtrahiert den Horror, lasst Sarah Polley vergnügt ein paar Lieder trällern und die Essenz von Anna and the Apocalypse liegt vor euch. Anna (Ella Hunt) und ihre Freunde stehen vor wichtigen Entscheidungen über ihre Zukunft. Wollen sie auf die Uni gehen oder in Australien backpacken? Welchen Rentier-Pullover ziehen sie an? Sowas eben. Aus ungeklärten Gründen machen sich Zombies in ihrem Städtchen breit und so müssen sie in der örtlichen Bowling-Halle und der Schule ums Überleben und gegen den verrückt gewordenen Schulleiter kämpfen, dem die Ausrottung der nervigen Teenies gelegen kommt.

Dazwischen wird viel gesungen und ein wenig getanzt, allerdings ohne die Zombies in irgendeiner Weise ins Prozedere zu integrieren. Deren monotoner Rhythmus, das Schlurfen über den Asphalt, das Grummeln durch die verwesende Kehle - in Anna and the Apocalypse ist das wenig mehr als Atmo-Geräusche, weshalb der Horror-Aspekt dem Film als kaum zu Ende gedachte High Concept-Idee aufgepfropft wird. Das äußert sich zudem in eintönigen Zombie-Kills, denen es an der choreografischen Detailverliebtheit eines Shaun of the Dead mangelt. Höhepunkt der Gefühle ist die obligatorische Blutfontäne aus einem frisch filetierten Zombie-Nacken. Das größte Problem des recht amüsanten Filmchens dürfte allerdings die Musik sein, was bei einem Musical eher suboptimal ist. Die zahlreichen Songs sind, abgesehen von Paul Kayes betont fiesen Auftritten, von der poppig-nichtssagenden Variante. Nach jeder Gesangsnummer erwartet man einen bissigen Kommentar von Simon Cowell und ich bin mir ziemlich sicher, dass Anna and the Apocalypse nicht das zweite One Direction geworden wäre. Ein schicker Bandname ist es allemal.

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