Berlinale 2016 - Better Call Saul und die Ungewissheit vor Breaking Bad

Better Call Saul - S02 Premiere Promo (English) HD
0:30
Betterl Caull Saul auf der Berlinale 2016Abspielen
© AMC
Betterl Caull Saul auf der Berlinale 2016
15.02.2016 - 16:10 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
0
2
Nachdem im vergangen Jahr die erste Staffel von Better Call Saul ihre Premiere im Rahmen der Berlinale feierte, ist dieses Jahr die zweite Runde des Breaking Bad-Spin-offs am Start. Doch was erwartet uns bei den Abenteuern von Jimmy McGill 2.0?

Bereits im vergangenen Jahr bereicherte die Präsenz von Jimmy McGill aka Saul Goodman (Bob Odenkirk) das Berlinale-Programm. Auch dieses Jahr ist der verruchte Anwalt wieder mit einer Episode auf dem Filmfestival vertreten. In der Kategorie Special Series feiert die zweite Staffel von Better Call Saul ihre Premiere im Haus der Berliner Festspiele und wir haben für euch einen Blick auf den Auftakt der nächsten zehn Episoden geworfen. Ab morgen werden wir außerdem die zweite Staffel parallel zur Ausstrahlung auf Netflix mit wöchentlichen Recaps (aus der Feder von Pfizze) begleiten.

So this is what a midlife crisis looks like?

Das Bild zieht auf und Billy Walkers sanfte Stimme ertönt. Funny How Time Slips Away  singt er und in erlesenen Schwarz-Weiß-Bildern verfolgt die Kamera recht aufmerksam die Tätigkeiten eines Mannes, der gerade die Theke seines Ladens in einer Mall sauber macht. Obwohl der Schnurrbart irritiert und Fragen aufwirft, an welchem Ort und zu welcher Zeit genau die Eröffnung in der Timeline von Better Call Saul angesiedelt ist, beantwortet sich die Frage nach der Identität des Ladenbesitzer binnen weniger Minuten: Jimmy McGill ist hier und entlässt mit melancholischen Blick seine zwei Mitarbeiterinnen in den Feierabend. Bevor er selbst den Arbeitsplatz verlässt, gilt es noch, den Müll wegzubringen. Aufgrund eines ärgerlichen Missgeschicks sperrt er sich jedoch in einem Hinterraum ein. "If you exit this door you will activate the alarm and the police will be notified" steht warnend auf der Notausgangstür geschrieben.

Jimmy zögert für den Bruchteil einer Sekunde, dann lässt er ab und übt sich in Geduld. Aus Angst? Aus Bescheidenheit? Draußen im Flur tickt die Uhr und Billy Walkers Stimme betont weiterhin mit Ruhe und Gemütlichkeit, wie tragisch und gleichermaßen komisch es ist, dass die Zeit so schnell vergeht. Lediglich das Surren der Neonlichter stört die Idylle der Einsamkeit. Niedergeschlagen nimmt Jimmy auf einer Kiste Platz. Als er sich später wieder erhebt, um durch eine glückliche Fügung des Schicksals seinem Gefängnis zu entkommen, ist es allerdings ein anderer Mensch, der den Raum verlässt. Nur langsam traut sich die Kamera, die unsichtbare Verwandlung zu enthüllen, obgleich sie - wie erstarrt - in einer Einstellung direkt darauf zusteuert. Doch zu diesem Zeitpunkt hat sich der Protagonist längst aus dem Staub gemacht: "SG was here."

Was auch immer mit Jimmy in den nächsten zehn Episoden passiert, dass er irgendwann an diesen Punkt gelangt: Serienschöpfer Vince Gilligan lässt uns vorerst im Dunkeln und setzt in puncto Narration exakt an jener Stelle an, an der die Geschichte zuletzt endete. Direkt übernimmt er die Einstellung aus dem Finale, in der Jimmy mit gesenktem Kopf in der unteren Hälfte des rechten Bildrands versinkt. Nun erhebt sich aber sein Haupt und Jimmy blickt nach oben, nach vorne, in die Zukunft - nicht zuletzt winkt ihm endlich die lukrative Anstellung als Anwalt bei Hamlin, Hamlin & McGill, auf die er so lange hingearbeitet hat. Während es Howard (Patrick Fabian) gar nicht abwarten kann, den Deal unter Dach und Fach zu bringen, keimen bei Jimmy allerdings erste Zweifel auf, besonders hinsichtlich seiner Beziehung zu Kim (Rhea Seehorn). Letzten Endes gewinnt die Unsicherheit und er lehnt das großzügige Angebot ab.

Warum? Diese Frage stellt auch Kim, als sie Jimmy später Cocktail-schlürfend im Pool entdeckt. "So this is what a midlife crisis looks like?" - wenngleich es Jimmy ein Leichtes ist, die sarkastische Nachfrage gekonnt zu kontern, muss er sich eingestehen, dass er sich tatsächlich in einer Krise befindet. Hin- und hergerissen zwischen zwei Welten ist er ein Getriebener, der sich nicht entscheiden kann. Vince Gilligan hat einen einfachen Mann geschaffen, der sich vor der Bodenständigkeit fürchtet und - aus teilweise unerklärlichen Gründen - nicht aufhören kann, über die Was-wäre-wenn-Frage nachzudenken. Im Gespräch mit Mike (Jonathan Banks) kommt die Überlegung zum ersten Mal direkt ans Tageslicht. Rückblickend auf die 1,6 Millionen Dollar will Jimmy ein Gedanke einfach nicht aus dem Kopf gehen: Warum haben wir das Geld nicht behalten? Warum haben wir es nicht geteilt? Einfach so - niemand hätte jemals etwas davon mitbekommen.

Für Mike hingegen stellt sich die Frage überhaupt nicht, denn der macht nur seinen Job, bis er erledigt ist. Im Gegensatz zu Jimmy hat Mike seinen Platz in der Welt gefunden, sieht die Dinge mit klarer Sicht und vermutlich ist es genau diese Klarheit, die ihn immer wieder mit Jimmy, dem Suchenden, zusammenbringt. Klar, auch Mike hat seine Opfer gebracht, wie wir es eindrucksvoll im Rahmen der ersten Staffel von Better Call Saul erfahren haben. Dennoch gehört er mittlerweile zu den Glücklichen, die über den Menschen/Dingen in ihrem Leben stehen. Jimmys persönliche Odyssee hat diesen Gipfel der Selbstsicherheit noch lange nicht bestiegen. Deswegen entzieht er sich vorerst komplett der Realität, verliert sich in der Belanglosigkeit des Paradieses und löst sich von allem los - auch vom herbeigesehnten Jobangebot. Jimmy albert herum, genießt das Leben und die Liebe. Die Gemütlichkeit scheint geradezu absurd - wird die Seifenblase jemals platzen?

Das Aufregende an Better Call Saul ist, dass wir die Antwort auf diese Frage unlängst erfahren haben - bevor wir sie überhaupt jemals gestellt haben. Breaking Bad schwebt wie ein Damokles-Schwert über dem Spin-off. Trotzdem ist Vince Gilligan und seinem Autorenteam das Kunststück gelungen, eine gewisse Ungewissheit vor der Mutterserie heraufzubeschwören. Mit Jimmy McGill betrat vor einem Jahr eine komplett neue Figur die Straßen von Albuquerque, die nicht mit dem zwielichtigen Machenschaften eines abgeklärten Saul Goodman gemein hatte. Stattdessen erleben wir die Midlife-Crisis eines Mannes, der seine - durchaus naive wie aufrichtige - Einstellung aufgrund seiner Erfahrungen in der Welt nicht mehr aufrechthalten kann und folglich Angst hat - sogar vor seinem eigenen Bruder, Chuck (Michael McKean). Sobald dieses Grundvertrauen zerstört ist, kann Jimmy gedankenverloren in den Wahnsinn und gen Saul Goodman driften.

Am Ende senkt Jimmy wieder sein Haupt, blickt auf den Boden und geht (im übertragenen Sinn) einen Schritt zurück. Ein Versuch, sich anzupassen, sich einzugliedern - doch vergebens: Denn dann gibt es da immer noch diese unberechenbare Seite von Jimmy, die ihn niemals zur Ruhe kommen lässt. Sie ist der Grund, warum er ständig auf den Nachbartisch schielt und nie zufrieden ist. Stets existiert die Möglichkeit (und Ablenkung), das eigene Potential anderweitig besser einzusetzen und es wäre ein Ärgernis, eine solche verheißungsvolle Chance ungenutzt zu lassen. Genau deswegen betätigt Jimmy zum Schluss einen Schalter seines neue Büros, der ausdrücklich mit folgenden Worten markiert ist: "Alway leave on!!! Do not turn off!" Warum? Weil er es kann und neugierig ist. And time slips away.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News