American Gods: Mit dem Vorschlaghammer zur Game of Thrones-Brutalität

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American Gods
19.03.2019 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Nach einem mehr als holprigen Start in die 2. Staffel nimmt American Gods endlich Fahrt auf. Dabei lässt die Serie ihren Ballast fallen. Das ist nicht elegant, aber effektiv.

Letzte Woche kullerte ein von innerem Kampf gezeichnetes, blutverschmiertes Etwas zurück auf die Serienbühne, das nur schwer als American Gods zu erkennen war. In Folge 2, The Beguiling Man, steht das neue American Gods auf und macht seine ersten eigenen Schritte auf wackeligen Beinen.

Die zweite Folge kann, um die Metapher zur letzten Folge aufzugreifen, zwar noch nicht so recht die Flügel ausbreiten. Aber sie kann endlich geradeaus vorwärtslaufen und im Vorbeigehen ein paar alte Hindernisse aus dem Weg räumen. The Beguiling Man ist eine Kurskorrektur, zwar so subtil und elegant wie ein Güterzug, aber effektiv und stellenweise erstaunlich emotional.

Staffel 2 wird zur Road Movie-Buddy-Cop-Lovestory

Über Shadow erfahren wir diese Folge endlich etwas mehr.

Nach wie vor scheint American Gods unter dem Motto zu laufen: "Wisst ihr, im Roman kamen so viele Figuren als Beispiel für die verschiedenen Glaubensrichtungen und Kulturen in Amerika vor. Das war so schön dosiert und hat die Welt ausgebaut, ohne vom Hauptcharakter abzulenken...Ja, lasst uns all diese Charaktere in den Mittelpunkt stellen."

Das erscheint nach wie vor nicht unbedingt wie die naheliegendste Entscheidung, doch uns wurde mehr Hintergrund zu allen Figuren versprochen. Und dieses Versprechen wird gehalten: Nach dem Attentat von Mr. World wird die unhandliche Kerntruppe aufgesprengt und ergibt plötzlich mehrere Handlungsstränge mit einem bunten Blumenstrauß an Genres:

  • Mr. Wednesday (Ian McShane) und Mr. Nancy (Orlando Jones) machen sich auf, ein wichtiges Opfer für Odin vorzubereiten: Buddy-Cop-Komödie/Green Book mit Göttern.
  • Salim und sein geliebter Dschinn machen sich auf die Suche nach Odins Speer Gungnir: Lovestory/Road Movie/Eat, Pray, Love mit Dschinns?
  • Shadow (Ricky Whittle) findet sich gekidnappt in den Klauen von Mr. Worlds Handlanger Mr. Town wieder, gefesselt an ein Erinnerungs-Folter-Fessel-Kreuz: Psychothriller/Drama/Shades of Grey (zumindest sieht die Aufhängung für Shadow aus, als hätten Technical Boy und Christian Grey sie gemeinsam entworfen)
  • Laura (Emily Browning) und Sweeney (Pablo Schreiber) ziehen los, um Shadow zu retten: Buddy-Komödie/Rom-Com.
Mr. Wednesday

Mehr und zugleich weniger Persönlichkeit für Shadow Moon

Durch die Aufteilung der vielen Charaktere in kleinere Gespanne ergibt sich die Möglichkeit, genauer auf einzelne Schicksale einzugehen. Der passivste und uninteressanteste dabei ist nach wie vor Ricky Whittles Shadow, der kaum mehr tut, als ab und an gequält zu blinzeln.

Dafür tritt Vergangenheits-Shadow auf den Plan. In mehreren Rückblenden wird endlich seine Hintergrundgeschichte näher beleuchtet. Gabriel Darku verkörpert den Shadow, der unsere Sympathien verdient: Der sich mit Fäusten aus seiner Ohnmacht herauskämpft, der versucht, an eine bessere Welt zu glauben, auch wenn sie ihn mit Füßen tritt. Ein Mann, der als Mischling und Nomade nirgendwo und überall hinzupassen scheint.

Wie Shadow seine Liebe zu Zaubertricks entdeckte.

Leider beginnt sich der Zuschauer dadurch zu fragen, an welcher Stelle dieser charakterstarke junge Mann seine Persönlichkeit verloren hat. Shadow hat gelernt, sich anzupassen, doch das ist ja nicht gleichbedeutend mit Charakterlosigkeit. Die frühere Energie muss sich in den nächsten Folgen dringend auf Gegenwarts-Shadow übertragen.

Buchstäblicher Stilbruch: American Gods verliert seine Subtilität und gewinnt Substanz

Gerade die Flashbacks mit ihren Konflikten aufgrund von Shadows ethnischem Hintergrund sind vieles, aber ganz sicher nicht subtil. Viele Momente der neuen Folge sind eher eine Faust ins Gesicht als ein Bei-der-Hand-Nehmen. So wird der aggressive Mr. Town ganz stereotyp von Bad Cop Dean Winters verkörpert, der fröhlich Klischees ausspuckt.

Auch die Gewalt wird vom Hannibal-esquen Tanz zur Game of Thrones-Brutalität degradiert, wie eine Köpfe zertretende Laura verstörend beweist. Nein, behutsam geht hier niemand mehr an die behandelten Themen heran. Doch im Gegensatz zu immer wieder eingestreuten, ätherischen Andeutungen ist ein Holzhammer immerhin effektiv.

Auf Kosten des transzendenten Fuller-Stils der 1. Staffel sorgt Staffel 2 nun für (etwas) mehr Substanz. Alter Ballast wird über Bord geworfen. Wir bewegen uns langsam wieder Richtung Ausgangsmaterial. Und wer genau hinsieht, bemerkt, dass American Gods zwar nicht mehr so psychedelisch aussieht, aber immer noch schöne Momente zu bieten hat.

Sweeney

Die Gewinner der neuen Folge American Gods

Der junge Shadow: Charakterstärke und Tragik werden mit einer Prise Mysterium zu erfolgreichem Foreshadowing.

Technical Boy: Schon in Staffel 1 bekam Techboy (Bruce Langley) ein Update zur faulen, fetten Romanvorlage und wurde zum trotzigen, eingebildet-selbstgefälligen Miststück, das die heutige Technologie nunmal ist. Dies wird jetzt fortgeführt, und nach Mr. World letzte Woche darf er diesmal einen richtig schönen Bösewicht-Monolog vortragen.

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Mr. World: Er rückt zurück in die Schatten und beschränkt sich auf einen kurzen Auftritt, der der armen Bilquis eine verzweifelte Träne abringt - und vor bizarrer sexueller Spannung knistert.

Mad Sweeney und Laura: Prügeln sich gemeinsam fröhlich zu Shadows Befreiung, wogegen Sweeneys erster Barkampf geradezu lächerlich aussieht. Außerdem können sich selbst hartgesottene Laura-Hasser (wie die Autorin dieses Textes bekennenderweise eine ist) dem Charme dieses ungleichen Duos nicht länger erwehren.

Die Story: Durch zahlreiche Schauplätze und Handlungsstränge wird sich die Geschichte zwar nicht viel schneller entwickeln, aber doch fokussierter und strukturierter. Mit dem Weg zu Shadows Rettung wird sogar ein Deus Ex Machina-Moment des Buches sinnvoll gelöst.

Mr. World tritt zurück in die Schatten und wird wieder unheimlich.

Die Verlierer der neuen Folge American Gods

Der erwachsene Shadow: Bleibt ein Spielball aller anderen Handelnden und muss immer noch mehr aufpassen, nicht vom Sweeney-Laura-Gespann als Herz der Handlung verdrängt zu werden.

Die Subtilität: Staffel 2 bricht mit der Vergangenheit von American Gods. Dabei werden alte, visuelle und geheimniskrämerische Gewohnheiten aufgegeben, was nötig, aber unelegant ist. Wie gut das auf Dauer funktioniert und wie sehr die Serie dabei ihren Charakter verliert, wird sich in den nächsten Folgen zeigen.

Mr. Ibis: Die samtige Erzählstimme von Mr. Ibis wird in dieser Folge schmerzlich vermisst.

Mr. Ibis (Demore Barnes) ist in The Beguiling Man nicht zu hören.

Göttliches und Gottloses am Rande:

  • Laura und Sweeney wollen, nachdem sie Shadow gefunden haben, einen Teufel in New Orleans suchen gehen. Heißt das, wir bekommen womöglich noch Baron Samedi zu Gesicht?
  • "Love is the most powerful weapon of war."
  • "You know the truth of who you are, Shadow." - Shadows Mutter, die ihm offen ins Gesicht lügt.
  • Der wahre MVP der ganzen Serie: Techboys Hairstylist.
  • Mit Black Betty stirbt nicht nur ein Auto, sondern die Reinkarnation von Odins achtbeinigem Ross Sleipnir. Ein überraschend emotionales Opfer.

Die neuen Folgen American Gods erscheinen hierzulande immer montags auf Amazon Prime, wo ihr verfolgen könnt, wie sich die 2. Staffel weiterentwickelt.

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