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Moviepilot Speakers' Corner

Alexej Balabanow, der Regie-Rock 'n' Roller

21.11.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Regisseur Balabanow
© Олег Беляев
Regisseur Balabanow
Moviepilot-User Jack_Torrance nutzt die sich ihm bietende Möglichkeit, um in der Speakers’ Corner auf den ihm nahen Regisseur Alexej Balabanow aufmerksam zu machen.

Ich kenne genug Filme, in denen ich mich bei den Protagonisten wiedererkannt fühle, so war es bei Hallam Foe – This Is My Story, so war es bei Submarine. Aber dass es auch Regisseure gibt, bei denen ich mir denke: “Wow, der ist so wie ich!”, das hätte ich mir nie im Leben träumen lassen – bis ich Alexej Balabanow kennengelernt habe, eine echte Ausnahmeerscheinung unter den Regisseuren Russlands, ach was, unter den Regisseuren des ganzen Weltkinos. Kommen wir jetzt aber mal zur Frage: Inwiefern fühle ich mich Balabanow so nahe? Es ist seine Zurückgezogenheit, er liebt die Einsamkeit, wobei ich mir direkt dachte: “Endlich mal jemand, der meinen Lebensstil nachvollzieht!”. Immer, wenn ich behaupte, dass ich die Einsamkeit liebe, werde ich von allen schief angesehen, wenn nicht gar verachtet. Immer wieder musste ich mir dann anhören, wie toll Menschen sind und wie wichtig es für mich ist, sich mit anderen zu unterhalten. Diese Haltung stößt bei mir zumeist auf Unverständnis, denn bis auf einige wenige Ausnahmen hasse ich es, mich mit anderen zu unterhalten, weil in meinem Umfeld einfach zu viele Menschen sind, die auf einem anderen Kosmos zu leben scheinen (Ich will mich nicht hervorheben, aber meistens treffe ich eben Leute, die komplett anders sind als ich oder in deren Gegenwart ich mich unangenehm fühle).

Balabanow habe ich kennengelernt, als ich von diesem ganzen belehrenden Gutmenschengeschwalle, in dem mir gesagt wurde, wie ich mich zu verhalten habe, komplett angewidert war und letztendlich verspürte ich Genugtuung, weil ich jemanden kennenlernte, von dem ich Bestätigung bekommen habe…
Ich war so unendlich glücklich, als ich endlich jemanden gefunden habe, der mein Weltbild nachvollzieht und nicht mit dem üblichen „Menschen sind toll, du musst nur lernen, dich mit ihnen zu unterhalten“-Gehabe kommt. Vielleicht ist Alexej Balabanow der Regisseur, von dem ich mich am ehesten verstanden fühle…

Aber noch einmal alles auf Anfang: die 80er, Gorbatschow, Perestroika, Viktor Zoi, Rockmusik – und mittendrin ein Filmregiestudent, der nichts anderes tut als Dokumentarfilme über Rockbands zu drehen – und dafür von den Behörden gehörig eine auf die Mütze bekommt. Dieser Regiestudent heißt – man ahnt es schon – Alexej Oktibrianowitsch Balabanow. Dieser Regiestudent will eigentlich nicht provozieren. Er will einfach nur Filme über das drehen, was er liebt: über Rock ‘n’ Roll; nicht umsonst bezeichnet er sich selbst als “Regie-Rock ‘n’ Roller”…

Von Rock ‘n’ Roll ist in seinem ersten Spielfilm Happy Days aber überhaupt nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Balabanow bewegt sich hier auf einem sehr artifiziellen Weg, obwohl er selbst sagt, dass er es hasst, wenn man in seine Filme zu viel hineininterpretiert und in der Tat: Das Gezeigte spricht in Balabanows Filmen immer für sich. Allein schon, wenn man das Beispiel Happy Days nimmt: Wenn sich der Hauptcharakter am Ende in einen Sarg schlafen legt, dann hat es nichts Übersinnliches zu bedeuten, denn es ist eine Tatsache, die für sich spricht. Auf der Ebene bewegt sich Balabanow auf der selben Ebene wie Béla Tarr. Beider Filme geben Raum zur Interpretation, obwohl es nichts zu interpretieren gibt, denn das Gezeigte spricht immer für sich…

Noch 16 Jahre bis zum Meisterwerk
1994 bewegt sich Alexej Balabanow vorläufig auf kafkaeskem Terrain, ach was, er verfilmt Kafkas ‘Das Schloß’ – und ist im Nachhinein mit seinem Film sehr unzufrieden, aber wieso eigentlich? Der Film schafft es sehr vorzüglich Kafkas Surrealismus auf Film zu bannen.

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