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Aufreger der Woche

Alec Baldwin und der Maulkorb

24.09.2011 - 08:50 Uhr
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Alec Baldwin muss die Klappe halten
© Warner Bros. Pictures/moviepilot
Alec Baldwin muss die Klappe halten
Wie schön doch große Preisverleihungen sind. Nein, das ist falsch: sein könnten. Denn wie uns die Emmys wieder einmal zeigten, lässt die Zensur uns solche Shows gar nicht richtig genießen.

Die Oberen etwas frotzeln, satirische Bonmonts raushauen, mit Hintersinn kritisieren – das sind Eckpfeiler der Kunst und damit auch von Filmen, Serien und Veranstaltungen. Allerdings scheint das im Land der arg begrenzten Möglichkeiten niemanden mehr zu kratzen, denn da wird fröhlich geschnitten, zensiert und auf kompatibel gestutzt. Und das ist dermaßen zum Kotzen, dass eine Badewanne gefüllt werden könnte.

Der Aufreger der Woche bezieht sich auf Alec Baldwins zensierten Gag bei der Emmy Verleihung und geht darüber noch hinaus.

Der göttliche Rupert
Vor etwa einer Woche fand im Nokia Theater in Los Angeles die Emmy Verleihung statt. Es wurde wieder über rote Teppiche flaniert, in Kameras gegrinst und die Stars ließen sich feiern, bis der Arzt kommen musste. Alles wie gehabt also. Wäre da nicht etwas im Vorfeld geschehen, dass den ganzen Event in ein düsteres Licht stellt: Der Sender Fox nahm einen Witz von Alec Baldwin aus dem Programm, da der auf Kosten von Mogul Rupert Murdoch ging, der bekanntlich die völlige Kontrolle aller Medien anstrebt. Die Zeitungen und Fernsehsender, die schon dafür zuständig sind, seine ultrakonservative Weltsicht zu verbreiten, schrecken auch nicht davor zurück, durch illegale Aktivitäten wie dem Abhören von Prominenten an ihre Schlagzeilen zu gelangen. Es ist doch immer wieder fabelhaft, wenn solche Persönlichkeiten viel Einfluss besitzen. Da möchten wir doch am liebsten die rechte Hand erheben und einmal laut “Heil Murdoch!” rufen.

Das Ziel: Skandalfreiheit
Konsequenterweise sagte Alec Baldwin seine Teilnahme an der Gala ab. Allerdings wissen wir natürlich nicht, wieviele Stars die Richtlinie, den Sonnengott nicht zu erzürnen, einfach akzeptieren. Und auch wenn es nur ein Einzelfall war, ist der schon hart zu kritisieren. Wo kommen wir denn hin, wenn Personen mit Einfluss nicht mehr durch den Kakao gezogen werden dürfen? Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, der Gehorsam und Kritiklosigkeit vorgelebt wird? Moment, das ist ja schon längst der Fall! Wir erinnern uns doch alle noch an den “Skandal” (die Anführungszeichen sollen noch einmal demonstrieren, wie schwachsinnig das Aufbauschen war), den die gepiercte Brust von Janet Jackson beim 38. Super Bowl im Jahr 2004 ausgelöst hat. “Nipplegate” hatte zur Folge, dass große Veranstaltungen um einige Sekunden verzögert ausgestrahlt werden, um etwaige, ach so schlimme Ereignisse rausschneiden zu können. Anders ausgedrückt: Keine bösen Busen für die Amis. Dass das natürlich eine Verfälschung und Bevormundung bedeutet, scheint vielen schlicht egal zu sein.

Langeweile durch Moraldiktatur
Die abnorme Panik vor allem scheinbar Skandalösen trieb auch bei der letzten Oscar-Verleihung Blüten. Da wurde das Wort “Fuck”, das Melissa Leo über die Lippen rutschte, rausgeschnitten und auch Javier Bardem und Josh Brolin, die sich ein Küsschen auf den Mund gaben, wurden schnell aus dem Bild genommen. Ohne Unterlass wird also bei großen Shows zensiert, dass es schon den Anschein macht, als ob ein Diktator die Fäden in der Hand hält. Im Fall von Alec Baldwin und seinem Gag stimmt dies sogar, denn Rupert Murdoch ist nicht anders zu bewerten. Kein Wunder, dass diese Veranstaltungen immer fader werden. Wer hat denn schon einmal von einem glamourösen Mega-Event in Nordkorea oder dem Iran gehört? Niemand, weil auch dort Despoten an der Macht sind. Entweder ist es ein Rupert Murdoch oder die Fraktion der Moralapostel, die sich dazu berufen fühlt, nach ihrer Sicht das Programm zu ordnen. Und das geht ehrlicherweise ordentlich auf die Nerven.

Wie kann dem jedoch Einhalt geboten werden? In erster Linie natürlich durch einen öffentlichen Aufschrei und eine klare Haltung der Stars. Stellen wir uns einmal vor, die Oscar-Verleihung findet statt und keiner geht hin – das wäre ein Zeichen. So weit wird es jedoch garantiert nicht kommen, genausowenig wie es nachhaltigen Protest der Öffentlichkeit geben wird. Aber es gibt ja immer wieder Beispiele dafür, dass es doch noch Menschen gibt, die sich mit dieser Unhaltbaren Situation nicht abfinden wollen. Colin Firth äußerte sich sehr kritisch zur US-Zensur, Rupert Murdoch und seinen Propagandamedien wird in Die Simpsons regelmäßig an den Karren gefahren. Die Kultserie hat sich Narrenfreiheit erarbeitet und nutzt diese. Bei großen Shows geht das aufgrund der erwähnten Zeitverzögerung zwar nicht, aber irgendeine Möglichkeit, sich gegen Medien-Monster und Zensur-Befürworter zur Wehr zu setzen, fände sich bestimmt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das Thema ein Dauerbrenner beim Aufreger der Woche werden könnte.

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