Aang macht die Avatar-Serie auf Netflix kaputt: Der Held des Fantasy-Epos entpuppt sich alle 5 Minuten als Nervensäge

04.03.2024 - 14:30 UhrVor 1 Monat aktualisiert
Gordon Cormier als Avatar bei NetflixNetflix
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Ich mag Aang, ich mag das Avatar-Original und dessen grandiose Fantasy-Welt. Aber in der Netflix-Adaption des Zeichentrick-Meisterwerks fängt der Protagonist an, mich ziemlich zu nerven.

Netflix bewegt sich seit einigen Tagen auf dünnem Eis. Der Streamingdienst hat mit Avatar: Der Herr der Elemente seine Adaption des gleichnamigen Zeichentrick-Epos veröffentlicht, das viele für die beste Animationsserie aller Zeiten halten. Die gigantische Fangemeinde verspricht gigantische Streaming-Zahlen, will ihre heißgeliebte Kindheitserinnerung aber auch respektvoll behandelt wissen. Ich zähle mich dazu. Und leider geht mir ausgerechnet der Netflix-Avatar selbst gegen den Strich: Aang nervt.

Avatar Aang ist bei Netflix ein nerviger Besserwisser

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Schauspiel von Hauptdarsteller Gordon Cormier ist nicht das Problem. Das Casting der Serie ist brillant und sichert ihr den Charme des Originals. Das Problem ist, dass Aangs Besserwisserei nicht zu seiner Rolle in der Netflix-Umsetzung passt.

Schaut euch hier den Trailer zu Avatar an:

Avatar: Der Herr der Elemente - S01 Finaler Trailer (Deutsch)
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Aang ist fröhlich und herzensgut und aufgeschlossen, aber er ist auch ein kleiner vorlauter Erklärbär. Das gilt für die Vorlage wie für die Adaption. Wann immer die Rolle des Avatars oder die Bedeutung des südlichen Lufttempels dargelegt werden müssen, setzt sich Aang sprichwörtlich seine Professorenbrille auf und doziert. In der Netflix-Serie stören mich vor allem die Szenen, in denen Aang Katara (Kiawentiio) im Wasserbändigen berät.

Denn wenn Aang in der Netflix-Serie seine Professorenbrille aufsetzt, ist er kein weltgewandter Avatar und Elite-Luftbändiger, sondern ein vorlautes Kind. Wenn er Katara den Zusammenhang zwischen Psyche und Techniken des Bändigers erklärt, habe ich nicht das Gefühl, dass er Weisheiten austeilt. Sondern eher, dass er Aufmerksamkeit braucht und die nächstbeste Person unaufgefordert vollquatscht.

Dem Netflix-Aang fehlt der Humor der Vorlage

Ein Grund dafür ist schlicht der Sprung zum Realfilm. In der Zeichentrick-Vorlage ist Aang ebenfalls ein Besserwisser, aber die Eigenschaft wird durch einen Humor gedämpft, der nur animiert funktioniert. Wenn Katara ihm eine Standpauke hält oder Aang sich tollpatschig benimmt, sind das Momentaufnahmen, kurze Sketche. Sofort danach kann wieder eine ernste Szene folgen, ohne das Publikum zu irritieren.

Gordon Cormier als Aang bei Netflix

Realfilm dagegen suggeriert Realität. Und in dieser Realität wirken ständige Stimmungswechsel verwirrend. Wenn Aang in der Netflix-Serie den Erklärbären gibt, bleibt der Ton ernst, seine vorlaute Art wird nicht ironisch gebrochen. Sie ist keine gutmütige Marotte mehr, sondern ein etwas unangenehmer Teil seines Charakters.

Aang wird auf Netflix mit harten Schicksalsschlägen bombardiert

Für die Figur des Avatars gibt es in der Netflix-Serie noch ein zweites Problem. Strenge Vorgaben zu Budget, Zeit und Storyline machen in der Adaption eine Straffung der Geschichte notwendig. Das führt dazu, dass die Hauptfigur in viel kürzeren Intervallen mit Schicksalsschlägen und harten Wahrheiten konfrontiert wird.

Kaum hat Aang seine 100 Jahre Winterschlaf verdaut, kämpft er mit dem Massaker an den Luftbändigern. Kyoshi (Yvonne Chapman) drängt ihn, ein knallharter Krieger zu werden. Bumi (Utkarsh Ambudkar) bombardiert seinen alten Freund mit Vorwürfen. Für Klamauk bleibt kaum Zeit. Der Avatar der Netflix-Serie ist eine deutlich ernstere Figur. Und das ist ein Problem.

Aang in der Avatar-Zeichentrickserie

Cormiers tragischem Helden nimmt man die vorlaute Spitzfindigkeit viel weniger ab. Die luftigere Dramaturgie der Vorlage erlaubt Aang, naiv zu sein. Aber das Stakkato an traumatischen Erfahrungen in der Adaption treibt der Figur alles Kindliche aus. Ihre Neugier, ihre Impulsivität und Ignoranz nerven statt zu rühren.

Aangs Monolge reißen mich aus meinem Fantasy-Abenteuer

Die Straffung der Story führt außerdem zu viel Exposition, die oft genug auf Cormiers Schultern landet. Möglichst schnell und unvermeidlich plakativ bringt er den Zuschauer auf den Stand der Dinge, etwa wenn es um die Vergangenheit der Erdbändiger-Stadt Omashu geht.

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Für Kenner:innen der Vorlage sind solche Momente ohnehin überflüssig. Aber ich vermute, dass sie auch auf den Rest des Publikums nicht besonders organisch wirken. Die Dramaturgie steht still für den Informationsbeschuss per Monolog. Plötzlich folge ich keinem fantastischen Abenteuer mehr, sondern bin Empfänger einer kalkulierten Abfolge von Details. Die Stimmung leidet darunter.

Am Ende wirkt der Netflix-Aang nicht mehr wie aus einem Guss. In der Vorlage ist er ein fröhliches Kind, dass sich unter einer immensen Bürde nach oben stemmt. Die Adaption schenkt ihm eine feierliche Tiefe, gegen die seine kindlichen Weisheiten wie dramaturgische Lückenfüller wirken.

Dennoch halte ich die Realfilm-Umsetzung im Großen und Ganzen für gelungen. Mit den Gegensätzen in Cormiers Figur lässt sich arbeiten. Insbesondere, wenn Netflix den Startschuss für eine zweite Staffel gibt. Und das dünne Eis dank des Vertrauens der Fans etwas dicker geworden ist.

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