Zum Tod von Artur Brauner - Der Traum vom deutschen Kino

Artur Brauner in der Sendung Berliner Begegnungen 1999
© ZDF/3sat
Artur Brauner in der Sendung Berliner Begegnungen 1999
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

In seiner Filmografie stand Fritz Lang neben Jess Franco, reihten sich in der Spanne eines Jahres De Sicas Der Garten der Finzi Contini und Vampyros Lesbos - Die Erbin des Dracula ein, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Vielleicht, weil es genau das war in der langen Karriere des Filmproduzenten Artur Brauner, der deutsche und internationale Zuschauer von der Nachkriegszeit bis über die Wende hinaus ins Kino lockte. Gestern ist Artur Brauner im Alter von 100 Jahren gestorben.

Die späten Jahre von Artur Brauners Karriere werden häufig mit seinen Filmen über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg assoziiert, etwa Agnieszka Hollands Bittere Ernte und Hitlerjunge Salomon. Es waren persönliche wie biografische Anliegen des 1918 in Łódź geborenen Juden Artur Brauner. Mit seinen Eltern und Geschwistern gelang ihm 1940 die Flucht in die Sowjetunion, doch viele Mitglieder seiner weiteren Verwandtschaft wurden Opfer der Massenvernichtung der Nazis.

Artur Brauner als einer der wichtigsten Produzenten des BRD-Kinos

Vor diesem Hintergrund erscheint Artur Brauners Niederlassung in Deutschland umso bemerkenswerter. Der vielfach mit Unterhaltungskino assoziierte Filmproduzent begann seine Karriere in der Nachkriegszeit mit der leichten Komödie Sag’ die Wahrheit, doch schon 1948 kam Morituri in die Kinos, der neben dem fast zeitgleich entstandenen Lang ist der Weg als erster deutscher Film über den Holocaust gilt. Es blieben rare Versuche der Vergangenheitskonfrontation im deutschen Kino. Die Reaktionen reichten von Desinteresse bis zu virulenter Abneigung. Ein williges Publikum schien es dafür nicht zu geben.

In den Folgejahren wurde sein Name und das dreifache C im Logo von Artur Brauners Central Cinema Compagnie zum Aushängeschild für hochkarätige Massenunterhaltung. Als "Opas Kino" wurde dieser Unterhaltungsfilm der 50er später abgetan, und was will man entgegenhalten bei Titeln wie Liebe, Tanz und 1000 Schlager und Liebe, Jazz und Übermut?

Aus heutiger Sicht lassen Schlagerfilme natürlich ebenso tief in die (west)deutsche Befindlichkeit jener Jahre blicken wie Robert Siodmaks Die Ratten, den Brauner im selben Jahr ins Kino brachte wie Falk Harnacks Der 20. Juli - Das Attentat auf Hitler. Filme wie Die Halbstarken, Es geschah am hellichten Tag und das in seinen lesbischen Untertönten entschärfte Remake Mädchen in Uniform mit Romy Schneider und Lilli Palmer zählen zu den bekanntesten Brauner-Produktionen der 1950er Jahre.

Monumentalkino aus Deutschland

Die doppelte Großproduktion Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal von 1959 legt in mancherlei Hinsicht die Statur von Artur Brauner als Produzent frei. Der große Fritz Lang kam nach seiner Hollywood-Karriere nach Deutschland zurück, um an seine Stummfilmepen wie Metropolis und Die Nibelungen anzuschließen. Er hatte schon bei der ersten Verfilmung von Joe May mit Thea von Harbou am Drehbuch gearbeitet. Nun sollte alles größer und vor allem bunter werden.

Brauner mischte sich ein in die Arbeit seiner Regisseure, auch bei einem wie Fritz Lang. Er hatte etwas vom Selbstverständnis eines Jack L. Warner und Louis B. Mayer, den Studio-Mogulen des Klassischen Hollywood-Kinos, und passte die kleinere Leinwand des Filmlands Deutschland an seine Vision an. Die beiden grandios überbordenden Indienepen legen davon Zeugnis ab. Altmodisch und angestaubt wirken sie zunächst, wenn Deutsche in Indien auf beiden ethnischen Seiten aufspielen.

Die Sehnsucht nach einem direkten Anschluss zwischen den Stummfilmtagen und den ausgehenden 50er Jahren schwingt mit. Ebenso die Unmöglichkeit dieses Anliegens, weshalb es in beiden Filmen gewissermaßen hypnotisch vibriert unter den exquisiten Studio-Oberflächen. Zwei Epen haben Fritz Lang und Artur Brauner da hervorgebracht, wie sie im deutschen Kino Seltenheitswert haben, gerade weil sie mit ihren deutschen Stimmen in der exotischen Fremde so klein im Großen wirken, so bekannt im Unbekannten. Nur zerbrechen sie darunter nicht. Die monumentale Vision von Produzent und Regisseur hielt den Druck aus.

Zwischen Sexfilmen und mahnender Erinnerung

Artur Brauners Riecher entgingen die Edgar Wallace- und Winnetou-Erfolge, wobei er versuchte, auf den von seinem Ex-Mitarbeiter Horst Wendlandt befeuerten Zug aufzuspringen.

Mit den freizügigeren Moralvorstellungen schlichen sich dann auch Titel wie Josefine, das liebestolle Kätzchen zwischen Monumentalepen wie Siodmaks Zweiteiler Kampf um Rom. Der finanziellen Krise des deutschen Unterhaltungskinos begegnete Artur Brauner Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre mit deftigeren Stoffen, gerne als europäische Koproduktion. So wandert dann auch ein Jess Franco in die Filmografie, ganz nach dem Motto "Gelobt sei, was hart macht" [ein echter Filmtitel, Anm. d. Red.].

In den 80er Jahren verschwand auch dieser Trend, den Brauner erkannt und ausgenutzt und hinter sich gelassen hatte. Mit Die Spaziergängerin von Sans-Souci produzierte er 1982 den letzten Film von Romy Schneider, die er wie so viele seiner Kollegen der 50er und 60er überlebte. Dann kamen die filmischen Erinnerungen zurück, diesmal für eine Zuschauerschaft, welche sich zumindest in Teilen offener gegenüber der Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit zeigte. Konflikte gab es hier jedoch ebenfalls, so beim Eklat über die verweigerte Auswahl von Hitlerjunge Salomon als deutscher Beitrag für den Besten fremdsprachigen Film.

Gestern ist Artur Brauner laut Angaben seiner Familie nach einem Schwächeanfall gestorben, wie der Spiegel bestätigte. Er hinterlässt eine Vita voller Erotik und Schlager, monumentalen Träumen und verfilmten Gräueln. Ein halbes Jahrhundert deutsches Kino.

Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
folgen
du folgst
entfolgen
Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
Deine Meinung zum Artikel Zum Tod von Artur Brauner - Der Traum vom deutschen Kino
437eab7e43d14bf8803f103f449f7b24