Zarah - Wilde Jahre: Die ZDF-Serie um eine Journalistin im Check

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"I want what happened in the movie last week to happen this week; otherwise, what's life all about anyway?" (The Purple Rose of Cairo)

Wild wirkt Hamburg im Jahr 1973 nicht. Eher grau, bieder und ein wenig trist. Für Aufruhr will die junge Zarah Wolf (Claudia Eisinger) sorgen, als sie in der ersten Folge der ZDF-Serie Zarah - Wilde Jahre das Großraumbüro der wöchentlich erscheinenden Illustrierten Relevant betritt und die Männerdomäne des Printjournalismus als stellvertretende Chefredakteurin aufrüttelt. Zumindest ist das der Plan der Aktivistin und Feministin, die sich als Schriftstellerin mit den Werken Die ungehorsame Frau und Die dominante Frau einen Namen gemacht hat. Nach zwei aufregenden Jahren kehrt sie London den Rücken, und dem Ruf des Verlegers Olsen (Uwe Preuss), auch als "Titten-Olsen" bekannt, folgend in ihre hanseatischen Heimatstadt zurückkehrt. Selbst ihre engsten Freundinnen und Mitstreiterinnen ihrer Aktionsgruppe sind über Zarahs Berufswahl verwirrt. Denn das auflagenstärkste Magazin eines mächtigen Medienunternehmens behandelt vordergründig politische Themen und propagiert die Gleichstellung der Geschlechter, kommt aber nicht ohne nackte Brüste oder Frauenhintern auf dem Cover aus.

Genau das sei der Trick, denn dort könne sie noch etwas bewegen und das Magazin von innen umkrempeln. So denkt Zarah zumindest. Ihre männlichen Kollegen sehen das jedoch ganz anders. Die kotelettentragenden Chauvinisten kennen Frauen in der Redaktion lediglich als Vorzimmerdamen oder mit einem Tablett frisch gebrühten Kaffee in der Händen. "Ich wusste nicht, dass Emanzen auch Samt tragen", heißt es zur Begrüßung. Mit den Worten "Wenn Sie uns bitte nicht stören würden. Frau Wolf, wir sprechen gerade über Politik. Wenn Sie uns entschuldigen wollen" wird Zarah in der Kantine des Tisches verwiesen. Klischeebeladen sind nicht nur die dummen Sprüche der Männer in der ersten Folge von Zarah - Wilde Jahre, sondern auch der Auftakt zum Sechsteiler selbst. Die männlichen Redakteure verteidigen ihr Revier mit platten Floskeln bei Bier und Kippendunst am Stammtisch ("Eine Frau in so einer Position! Oder soll ich lieber Stellung sagen?"), während die feministischen Aktivistinnen auf einer Party von der Entdeckung der eigenen Vulva schwadronieren ("Komm, ich mach dich mal mit deiner Muschi vertraut")

Da wundert es auch nicht, dass Zarahs Mutter (Imogen Kogge) ihrer Tochter vorwirft, dass sie aufgrund ihrer Selbstständigkeit und ihres Berufes keinen Ehemann finden wird. Schließlich mögen Männer es nicht, wenn Frauen ihnen sagen wollen, wo es lang geht. Zarah reagiert harsch ("Ich bin eben nicht so wie du, dass ich mir für lächerliche 600 Mark im Monat die Füße in den Bauch stehe und dafür auch noch 'danke' sage."), bereut es aber in der nächsten Sekunde und verabredet sich zum gemeinsamen Kochen mit ihrer Mama, wie es sich für brave Mädchen gehört? In das gemeinsame Mahl platzt eine ehemalige Freundin von Zarah, die sich der RAF anschließt und die nichtsahnende Frau Wolf anscheinend für krumme Geschäfte benutzt. Offenbar darf diese Komponente in einer Serie über die BRD in den frühen 1970er Jahren nicht fehlen. Zarah mag eine attraktive, selbstbewusste Frau sein (die überzeugend von Claudia Eisinger gespielt wird), allerdings ist sie auch nicht besonders sympathisch oder gewillt, Empathie zu zeigen. Für ihr Vorhaben und ihren Aktivismus benötigt sie einen gewissen Biss, doch will sie die Belange der Frau anscheinend ohne ihre Mitstreiterinnen vertreten.

"Und mit wem soll ich das machen? Kannst du mir eine Frau in Deutschland nennen - außer mir - die schreiben kann?" wirft Zarah einer Freundin an den Kopf, als diese vorschlägt, ein Magazin von Frauen für Frauen zu gründen. Wie weit sie im Alleingang kommen wird, wird sich Verlauf der Serie noch zeigen. An Ehrgeiz und Selbstbewusstsein mangelt es Zarah nicht. Fünf Jahre nachdem die fiktive Feministin die Redaktion der Relevant enternt, also 1978, verklagte die reale Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer gemeinsam mit neun weiteren Klägerinnen das Magazin Stern (das der Relevant als Vorbild dienen dürfte) wegen frauenfeindlicher Titelbilder. Die Klage wurde vom Gericht abgewiesen. Bleibt abzuwarten, welche Erfolge die Drehbuchautoren der Serie ihrer Protagonistin zuschreiben.

Der Gedanke an amerikanische Vorbilder wie Mad Men oder Good Girls Revolt, die Amazon-Serie über Journalistinnen in den 1960ern, die nach nur einer Staffel wieder eingestampft wurde, drängt sich bei einem historischen Stoff auf, der zur Blütezeit des Printjournalismus in einer Redaktion spielt. Den wunderbaren Charme und das Gespür für das Gefühl einer Epoche, das in den Büros der Werbetexter greifbar wird und Mad Men zu einer der besten Serien der vergangenen Jahre macht, strahlt Zarah - Wilde Jahre nicht aus. Ein bisschen zu dick aufgetragen wirkt das Intro, das nicht zu dem Stil der Serie passen mag. Ein knallroter Lippenstift im goldenen Gehäuse schiebt sich phallushaft ins Bild und zerschießt eine Schreibmaschine, ein Cognac-Glas und eine dicke Zigarre, bevor die Titelheldin das Kosmetikuntensil - die Waffe einer Frau? - einfängt.

Die Serie Zarah – Wilde Jahre läuft seit dem 07.09.2017 donnerstags um 21:00 im ZDF. Die 2. Episode wird jedoch erst am 21. September ausgestrahlt. Die Folgen sind aber bereits einige Tage vorher online in der Mediathek des Senders abrufbar.

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