Wermut - Netflix' CIA-Doku-Drama mit Peter Sarsgaard im Serien-Check

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Wermut
16.12.2017 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Netflix' frisch gestartete Miniserie Wermut verschmilzt Dokumentarisches mit Fiktion und nimmt sich eines LSD-Skandals um die CIA in den 1950ern eigenwillig an.

"Nach der Wahrheit zu streben ist ein großes Ziel – Ich glaube daran als eine Bestimmung." - Regisseur Errol Morris über seine Netflix-Serie Wermut (via Rolling Stone )

(US-)Geheimdienste genießen bei Weitem keinen schmeichelhaften Ruf. Die nicht selten als undurchsichtige Schattenmächte verschrienen Behörden lieferten der Weltöffentlichkeit in den vergangenen Dekaden überaus verwertbares Material zur Kritik, wie etwa die systematische Bürgerausspähung durch die National Security Agency (NSA) oder die in den 1970er- und 80er-Jahren von der Central Intelligence Agency (CIA) bereitgestellte Unterstützung bei der Installation totalitärer Regime in Mittel- und Südamerika. Letzterer Informationsdienst steht nun auch im Zentrum von Netflix' neuster Miniserie Wermut, die mit der Vermengung von Dokumentation und Fiktion eine überaus eigensinnige Aufarbeitung um einen in den USA stattgefundenen LSD-Skandal aus den 50ern abliefert. Wir haben uns die erste Folge angesehen und verraten euch unseren Ersteindruck.

Am Anfang steht der Selbstmord

Das hauptsächlich für seine psychedelischen Effekte bekannte und heute vor allem in der Partyszene zirkulierende Lysergsäurediethylamid (kurz: LSD) nahm die CIA in den 50ern zum Anlass, seine Wirkung als mögliches Mittel zur Gedankenkontrolle und der Kriegsführung an jungen Männern, darunter Soldaten und Studenten, zu testen, zum Teil ohne deren Wissen. Ein 1953 stattgefundener Versuch an CIA-Mitarbeiter Frank Olson (Peter Sarsgaard) sollte neun Tage später verheerend enden: Der Bakteriologe und im Bereich der biologischen Kriegsführung arbeitende Wissenschaftler stürzte aus dem Fenster eines New Yorker Hotels in den Tod. Offizielle Todesursache: Selbstmord. Andere vermuten gar Mord durch den Geheimdienst.

Wermut

Regisseur Errol Morris, der sich der Inszenierung aller sechs Episoden von Wermut annahm, lässt kaum Zeit verstreichen, dem Zuschauer einen hinreichenden, historischen Kontext zu errichten. Dafür gibt er die inszenatorisch rasch sich abspulende Richtlinie früh vor, indem er die dramatischen Ereignisse um Peter Sarsgaards Olson mit Interviews des echten Sohns Eric sowie in den Vorfall involvierten Personen, darunter Anwälte, in einem hohen Tempo zusammenschneidet. Hinzu kommen Archivaufnahmen der Familie Olson, deren traumatischer Verlust erst 1975 zum öffentlichen Ereignis wurde, als die CIA ihre illegitime Beteiligung am Tode Frank Olsons zugeben musste. Inmitten einer ohnehin durch Ex-Präsident Richard Nixons Watergate-Affäre erschütterten amerikanischen Öffentlichkeit entschuldigte sich zudem dessen Nachfolger Gerald Ford im Oval Office des Weißen Hauses bei den Hinterbliebenen. Ein bis heute einmaliges Ereignis, das die ganze Tragweite des Falles offenbart und Netflix' Wermut politische, gesellschaftliche Brisanz verleiht. Denn letztlich ging es der CIA auch um die Vermeidung einer strafrechtlichen Verfolgung, die 2012 durch die Olson-Söhne Eric und Frank neu angestrebt, 2013 allerdings fallengelassen wurde.

Wermut als audiovisuelles Stakkato

Die Miniserie stellt, so suggeriert es jedenfalls die Auftaktfolge, damit bei allem dem Ereignis inneliegenden Polit-Thrill in erster Linie eine Art Vergangenheitsbewältigung dar. So spricht denn auch Olson-Sohn Eric in den zahlreichen eingestreuten Gesprächen von der Wucht des Vaterverlustes, den er augenscheinlich nicht einordnen konnte, und der ihn bis heute verfolgt. Denn dieser sei plötzlich einfach weg gewesen, ohne Abschied, ohne Er- oder Aufklärung. Errol Morris und sein Schreibteam um Snowden-Autor Kieran Fitzgerald, Steven Hathaway und Molly Rokosz versuchen diesem Wirrwarr aus Empfindungen, diesem Verlorensein, mit einem Stakkato filmsprachlicher Mittel gerecht zu werden. Durch Splitscreen-Aufnahmen, schnellen, Raum und Zeit überwindenden Schnitten, der bereits erwähnten Doku-Fiktion-Natur sowie der Mosaik-artigen Erzählung entsteht denn auch ein Gefühl von Überlastung, oder im Negativen: Überfrachtung.

Wermut

Denn nach Erstsichtung der Premierenepisode von Wermut mag sich der Eindruck nicht vollends lösen, dass Regisseur Morris zuweilen zu stark an den inszenatorischen Zügeln zieht und die Pferde mit ihm durchgehen genau dort, wo ihm ein wenig mehr Freiraum zu womöglich stimmungsvolleren Momenten verholfen hätte. Kaum eine Szene bzw. Sequenz vermag sich in diesem Feuerwerk aus ständig neuen Eindrücken, Örtlichkeiten und Filmformatswechseln entfalten, da viele auf den Zuschauer einprasselnde visuelle wie auditive Reize abzulenken drohen. Unter all der Bilderflut sowie dem zuweilen an Hammerschläge erinnernden Soundtrack droht der Erzählung ein Rhythmus- und Zusammenhangsverlust, wenngleich Morris die historischen Hintergründe mit ihrem persönlichen, familiären Impakt emotional zu vermitteln versteht.

Grundsätzlich bleibt damit zunächst die anerkennende Faszination für diese Eigensinnigkeit, diese fast schon mehr aus assoziativen Eindrücken bestehenden Geschichte, die überdies nicht den Versuch scheut, das Innenleben des ungewollten LSD-Opfers Frank Olson mit surrealen Momenten greifbar zu machen. So löst sich Wermut erfrischend aus eingefahrenen Erzählmustern und versucht zumindest, auf eigenen narrativen wie inszenatorischen Beinen zu stehen. Wie weit sie diese in den folgenden fünf Episoden tragen mögen, vermag die etwas schwerfällige erste Folge nicht aufzulösen. Die ersten vielversprechenden Schritte sind jedenfalls getan.

Werdet ihr euch Netflix' Wermut mit Peter Sarsgaard ansehen?

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