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Tatort-Review

Wenn die Kunst von der Moral erschlagen wird

27.09.2010 - 07:00 Uhr
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Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen
© ARD
Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen
Die beiden Berliner Tatort-Kommissare mussten gestern dem Tod eines berühmten Künstlers auf die Spur kommen. War es Freitod oder Mord? In jedem Fall ein guter Krimi mit einer berührenden Parallelgeschichte und einer leicht schwächelnden Auflösung.

Ein kaputtes Bett, eine herabgestürzte Panzerglasscheibe, dazwischen eine etwas matschige Leiche. Im gestrigen Tatort war Hans Helge (Max von Thun) einer der größten Künstler Deutschlands und verstarb beim Werkeln an einer Installation. Für die beiden Berliner Tatort-Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) stellte sich nun die Frage, ob es sich dabei um einen Unfall, Selbstmord oder doch Mord handelte. Außerdem stellten sie sich der Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen. So poetisch wie der Titel geriet dann auch der gesamte Krimi, der sich gegen Ende hin immer mehr hin zum Künstlerisch-Philosophischen drehte.

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Dieser Tatort überzeugte zunächst durch einen hervorragenden Kontrast: Der bodenständige und etwas barsche Till Ritter sollte sich plötzlich mit “diesem Kunst-Gedöns” befassen und auch noch die Werke des Künstlers interpretieren. Dass er nur genervt reagieren konnte, weil sein Kollege Felix Stark ständig mit der ihn um zwei Köpfe überragenden Galeristin (Karoline Eichhorn) flirten musste, machte ihn umso sympathischer. Die Zuschauer für sich gewonnen hatte er jedoch spätestens, als er von dem völlig unverhofften Selbstmord seines Onkels erfuhr: Da konnte er nur noch ausflippen und das Unverständnis über den Verlust eines Angehörigen ungeheuer authentisch rüberbringen.

Schuld und Verantwortung

Die Parallelgeschichte dieses Tatort-Krimis, der Tod von Onkel Klaus Ritter (Tilo Prückner), war nicht nur ein nettes Feature, sondern ebenso als kontraststiftendes Mittel unbedingt notwendig. Während sich im Fall Hans Helge allmählich eine heiße Spur ergab, musste Till Ritter erkennen, dass es hinter dem Tod seines Onkels keine Rache, keine Geldgier und keine Verschwörungen gab. Sein Onkel war aus Einsamkeit gestorben – und der Ermittler selbst fühlte sich schuldig. Dieser Tatort bot deshalb so viel Moralität, weil er nahelegte, dass es nicht für alle Geschehnisse einen Sündenbock gibt.

Vernachlässigte Vaterschaft

Im Fall Hans Helge wurde dann jedoch ein Sündenbock gefunden, der gegen Ende natürlich eingelocht wurde. Überraschend war es, dass das schöne Aktmodel Anna Linde (Brigitte Hobmeier), welches irgendwie an die Loreley erinnerte und obendrein eine Dissertation über den Künstler verfasst hatte, für den Unfall mit der Panzerglasscheibe verantwortlich war. Etwas schwammig kam dagegen das Motiv daher: Der begnadete Künstler Hans Helge war zugleich der Vater ihres kleinen Sohnes. Da Papa Hans keine Zeit für den gemeinsamen Sohnemann hatte und lieber seiner Kunst frönte, kam der jungen Mutter Anna Linde dieses erschlagende Argument aus Glas in den Sinn. Beim Schauen stellte sich die Frage, wie viele alleinerziehende Mütter es in Kauf nehmen müssen, dass der Vater sich nicht die Bohne für den gemeinsamen Sprössling interessiert. Viele jedoch haben vermutlich keine schwere Panzerglasscheibe zur Hand.

Resümierend war dieser Tatort dennoch ein Genuss – und das nicht nur für Künstleraugen. Mit seinen zwei Geschichten deckte er sowohl die Bedürfnisse der Krimi-Liebhaber als auch die melancholische Frage nach Schuld und Verantwortung ab. Der Titel Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen stellte sich bald als gar philosophisch heraus, denn der Krimi machte deutlich, dass nicht nur der Tod unvorstellbar ist, sondern manchmal auch die dazugehörigen Gründe.

Und was meint ihr: War Tatort: Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen eher ein Höhen- oder Tiefflug der Berliner Tatortreihe?

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