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Krieg im Film

Was ist Krieg? - Thesen von Georg Seesslen - Teil 1

02.09.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Zwischen Welten
© Majestic / 20th Century Fox
Zwischen Welten
Georg Seesslen, einer der produktivsten und streitbarsten Filmkritiker Deutschlands, hat einen Text zur Frage Was ist ein Krieg? zu unserer Themenreihe beigesteuert und wird euch 10 Thesen zum neuen Gesicht des Krieges präsentieren. Da der Text sehr lang ist, lest ihr heute den ersten Teil.

Auf die Frage Was ist ein Krieg? gibt es keine eindeutige Antwort. Genauer gesagt, es gibt eine Vielzahl von Antworten, die sich zu einem guten Teil auch widersprüchlich zueinander verhalten. Es gibt eine Antwort der Politik und eine Antwort der Psychologie. Eine Antwort der Moral und eine Antwort der Ökonomie. Eine Antwort der Philosophie und eine Antwort der Anthropologie. Es gibt menschliche und unmenschliche Antworten. Und es gibt die Antwort der Geschichte, in der nur eines klar erscheint: Es gibt gewisse Konstanten. Es geht um massenhaftes Töten und Sterben. Um die Entwicklung immer weiter reichender, zerstörerischer und heimtückischer Waffen. Es geht um Macht, Einfluss, Territorien, Rohstoffe, ökonomische Beute. Um den Ruhm der Sieger und die Demütigungen der Verlierer. Es geht um Zerstörung und Leiden. Und immer geht es auch um Propaganda, Lügen, Illusionen, Täuschungen. Was all das anbelangt, sind sich alle Kriege gleich.

Aber zugleich hat auch jeder Krieg seine eigene Gestalt, entwickelt eine eigene Dynamik, verläuft anders, als irgend jemand ihn berechnet hat. Krieg bedeutet, mit dem größtmöglichen Einsatz von Ordnung und Disziplin das größtmögliche Chaos anzurichten. Und jeder neue Krieg ist ein Versuch, alle Lehren aus den vorherigen Kriegen zunichte zu machen.

Und immer geht es im Krieg auch um Bilder. Um Bilder der Bedrohung, der Angst, der Täuschung des Feindes. Um Bilder der Vergewisserung, der Legitimierung, der Fanatisierung für die eigene Seite. Jeder Krieg, das ist eines seiner schrecklichsten Absurditäten, ist auch ein Schauspiel. Und es gibt sehr unterschiedliche Arten, dieses Schauspiel zu genießen. Während des amerikanischen Bürgerkrieges war es der Brauch, dass die reichen Familien zum Picknick zu Stellen fuhren, von denen aus man die Schlacht beobachten konnte. Inmitten des Ersten Weltkrieges wurden nicht nur süße Kinder in Uniformen gesteckt, um für Postkarten zu posieren, es wurde auch Mode, den feinen Damen Süßigkeiten zu schenken, die in Geschosshülsen von der Front verpackt wurden. In den Zeiten der Wiederbewaffnung zwischen 1951 und 1959 kamen in der Bundesrepublik Deutschland etwa 220 Kriegsfilme in die Kinos. Nach einer anderen statistischen Erhebung waren es zwischen 1954 und 1963 985 Kriegsfilme; ihr Anteil betrug also 14% des gesamten Film-Angebots, während insgesamt geschätzte 30% der Zuschauer durch das Genre angesprochen wurden. War da etwa schon wieder Propaganda am Werk? Oder wollte sich eine Gesellschaft vergewissern, dass die guten Soldaten an der Front nichts mit den üblen Nazis zu tun hatten?

Der süße Kriegskitsch ist heute so sehr wie die Landserseligkeit verpönt, da wir jeden Abend zur Tagesschau-Zeit, die neuesten Schreckensbilder von den Kriegen dieser Welt frei Haus bekommen. Aber natürlich wissen auch wir, dass es keine objektiven Bilder sind. Alle Bilder stehen in einem zweiten Krieg, dem Krieg der Propaganda. Und Bilder können vielleicht Kriege entscheiden, den Gegner entscheidend treffen, oder aber, ihn zu unüberlegten Handlungen provozieren. Bilder sind Kriegserklärungen. Sie sind Teil von Terror und Anti-Terror. Bilder von Tod, Schändung, Demütigung, Folter, Massaker erreichen uns als virtuelle Kriegserklärungen, doch diese gezielten Dokumente der Grausamkeit entfalten ihre Wirksamkeit aufgrund der Tatsache, dass sie in einem fiktiven Kontext schon vorbereitet sind. Die Grenzen zwischen einem durch die aktuellen Ereignisse erzeugten Bilderfluss und einem ewig laufenden Kriegsfilm im Kino, im Fernsehen, in den Computern, Spielkonsolen und Netzen sind fließend geworden. Und sie werden es immer mehr. In dem Maße, in dem die traditionellen Einschwörungen auf den Krieg, das Vaterland in Gefahr, die Religion, die bedroht ist, der Wille der großen Fürsten und Führer, ihre Hohlheit und ihre Pathologie offenbaren, zerfallen die alten rhetorischen Begründungen für den Krieg. Psychotischer Fanatismus auf der einen Seite, ein Krieg, der jedes Opfer wert ist, weil es ein Heiliger Krieg ist, Zynismus und moralische Hilflosigkeit auf der anderen Seite, wo man nicht mehr sicher sein kann, ob es um Menschenrechte, Freiheit und Zivilgesellschaft geht, oder doch eher um Energiequellen, Märkte und geopolitische Einflusssphären. 

Da ist das Bild, das man nicht mehr ertragen kann, und da ist zynisch genug, die Aussicht auf Beute oder das Kriegshandwerk ist, was einem bleibt, wenn man nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren hat. Unerträgliche Bilder aus der Wirklichkeit der neuen Kriege auf der einen Seite, die kulturelle Unerträglichkeit vom Krieg als Unterhaltung, von geiler Sensation in der nicht umsonst so genannten “Warnographie”, dem obszönen Schwelgen in Kriegsbildern. Wie kann es möglich sein, zwischen diesen Extremen so etwas wie einen ehrlichen Film über die Aktualität der Kriege zu drehen? Am Anfang steht wohl immer eine persönliche Wahrnehmung, ein Moment, in dem sich die Augen nicht mehr schließen wollen.

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Morgen könnt ihr am Beispiel des deutschen Films Zwischen Welten von Feo Aladag etwas über den modernen Krieg und die Veränderungen lesen.
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Georg Seesslen  ist einer der produktivsten Filmkritiker Deutschlands, er schreibt unter anderem für den EPD-Film und Die Zeit. Viele seiner Texte werden auch auf getidan  veröffentlicht, zudem schreibt er auf einem eigenem Blog . Die Liste seiner veröffentlichten Bücher ist lang, sie sind auf jeden Fall mehr als einen Blick wert (siehe perlentaucher ).

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