Von Godzilla bis King Kong: Monster als Spiegel unserer Angst

King Kong
© Universal Pictures
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03.10.2018 - 07:30 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Ein Ungeheuer erhebt sich aus der Schlucht und hat es auf die Menschheit abgesehen. Der Monsterfilm reicht bis zu den Anfängen der Filmgeschichte. Als Spiegel unserer Ängste fungieren die Kreaturen, die unsere Welt in Atem halten.

Irgendwo zwischen Horror-, Science-Fiction- und Katastrophenfilm hat der Monsterfilm sein Zuhause gefunden. Seit den Anfängen des Kinos fasziniert die Schöpfer bewegter Bilder die Möglichkeit, etwas Gewaltiges auf jene Leinwand zu bannen, die in ihrer schieren Größe geradezu dafür prädestiniert ist. Kein Wunder also, dass der Monsterfilm auch in unserem Themenspecial Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 eine Rolle spielt. Auf den Zug, der trotz stummer Aufnahmen die Menge in Panik versetzt, wenn er unaufhaltsam in den Bahnhof La Ciotat einfährt, folgte rund zwei Dekaden danach die Ankunft des Golems. Wie er genau in die Welt kam, diese Geschichte wurde zwar erst später erzählt. Paul Wegeners Stummfilm aus dem Jahr 1915 lieferte dem Kino dennoch sein erstes Monster, ehe der expressionistische Film Deutschlands mit einem Vampir in Nosferatu und einem Drachen in Fritz Langs Nibelungen-Verfilmung dem Gothic-Horror und seinen verschiedensten modernen Variationen den Weg ebnete.

Der Monsterfilm und die Dämonen unseres Unterbewusstseins

Frankenstein, Dracula und die Mumie sorgten ab den 1930er-Jahren als Universals Monster in Hollywood für Angst und Schrecken, während sich ein zunehmend konkreterer Begriff des Monsterfilms formte, der fortan in die unterschiedlichsten Richtungen sprießen sollte. Das Monster als Spiegel unserer Ängste avancierte im Zuge dessen zum beliebten Motiv, da es Filmemachern ermöglichte, ihre Furcht einflößenden Attraktionen mit aufwendiger werdenden Effekten zum Leben zu erwecken. Dadurch entwickelte sich der Monsterfilm auch zum Schmelztiegel eines Kinos, das weiterhin damit beschäftigt ist, seine Möglichkeiten zu begreifen und seine Grenzen auszuloten. Wenn King Kong als Stop-Motion-König begleitet von Max Steiners triumphaler Filmmusik das Empire State Building erklimmt, steht diese Eroberung stellvertretend ebenso für ein Genre, das tief in unser Unterbewusstsein eindringt.

King Kong und die weiße Frau

Was sich tief in unserem Unterbewusstsein versteckt, das fördert der Monsterfilm in überdimensionaler Größe ans Tageslicht. Die menschlichen Figuren im Film können sich für gewöhnlich gar nicht gegen die drohende Gefahr wehren, sondern werden schlicht von dieser überrascht. Was folgt, ist ein Überlebenskampf, der freilich seine Opfer fordert, vielmehr aber noch als Appell an all jene gelesen werden kann, die sich für die Kreation des Monsters zu verantworten haben. Als zentrales Motiv des Monsterfilm dient nicht nur der Mensch, der von einer unbekannten Bestie verfolgt wird, sondern vor allem der Mensch, der von einer selbst geschaffenen Bestie verfolgt wird. Entgegen der fälschlichen Annahme, dass der Monsterfilm stumpf den niederen Trieben frönt und auf haltlose Zerstörung pocht, verstecken sich in den Geschichten um Godzilla, King Kong und Co. tiefschürfende Traumata.

Von der Lust am Zerstören und der Allegorie dahinter

Selbstverständlich erzählen Monsterfilme bis zu einem gewissen Grad auch von der Versuchung und der puren Lust am Zerstören. Spannend wird der Angriff der Monster, im japanischen Kino übrigens Kaiju genannt, aber erst, wenn sich hinter dem Ungeheuer eine ganze Welt an Ängsten offenbart, die aus den unterschiedlichsten Quellen sprudeln. Dass Godzilla, der 1954 zum ersten Mal auf der großen Leinwand wütende, als direkte Allegorie auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki knapp zehn Jahre zuvor gelesen werden kann, ist kein Geheimnis mehr. Wo die Atombombe in der echten Welt für Angst und Schrecken sorgte, übernahm die Riesenechse diese Rolle im Kino und fordert sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum in seinem Handeln heraus. Im Verlauf der Zeit kann sich die Rolle des Monsters ebenfalls wandeln: Godzilla stieg von der Weltuntergangs-Fantasie zur Ikone der japanischen Popkultur auf und kämpfte später Seite an Seite mit der Menschheit gegen andere (monströse) Gefahren.

Godzilla

Nicht selten entlarvt sich der Mensch als das wahre Monster der Geschichte, womit erneut unsere Furcht geschürt wird, denn nichts treibt die Protagonisten eines Monsterfilms dermaßen tragisch in den Niedergang wie ihr eigenes Versagen. Das Scheitern als größte Sorge des Menschen findet sich fast in jedem Monsterfilm. Ein Experiment, das schiefgeht, bietet sich als Genre-Trope an. Genauso aber die Entführung aus dem natürlichen Lebensraum, wenn das Monster in ein von Menschenhand geschaffenes Gefängnis gesperrt wird. Der Monsterfilm als Spiegel unserer Ängste stellt im gleichen Atemzug auch den Spiegel unserer Träume da. Wenn Carl Denham King Kong entdeckt, erstarrt er nicht bloß vor Ehrfurcht, sondern will die Bestie sogar erobern, die einer Schönheit gleicht, am Ende des Films jedoch an selbiger zugrunde geht, genauso wie ihr vermeintlicher Eroberer.

Ein (filmisches) Monster, das wir nicht sehen, aber fürchten

Die Eroberung des Monsters ist für gewöhnlich jedoch zum Scheitern verurteilt, ähnlich wie die Ängste, die sich nicht greifen lassen, ganz egal, wie groß oder Furcht einflößend sie sind. Der weiße Hai aus Steven Spielbergs gleichnamigen Meisterwerk ist für die meiste Zeit des Films nicht zu sehen. Auf diesem Weg wird permanent mit unseren Erwartungen gespielt, während in unserer Vorstellung ein nervenaufreibendes Bild des Ungetüms entsteht, sodass wir vor Spannung nicht mehr durchatmen können.

Der weiße Hai

Der Spiegel unserer Ängste greift auch hier, denn Spielbergs durchs Wasser schleichender Störenfried fungiert als Projektionsfläche einer beachtlichen Palette an schweißtreibenden Emotionen, die sich sowohl in der Zeitgeschichte als auch aus einer zeitlosen Perspektive lesen lassen. Der weiße Hai kann alles sein: Eine Reaktion auf den Vertrauensbruch durch Watergate, ein Symbol für den Klassenkampf Amerikas oder das Gesicht des Kommunismus im Kalten Krieg, der sich unerkannt in die eigenen Reihen schleicht, bevor er genauso plötzlich wie erbarmungslos zuschlägt und wieder unter der Meeresoberfläche verschwindet.

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Womöglich schlummern unter dieser Meeresoberfläche bereits seit Jahrhunderten gefährliche Kreaturen, die nur darauf warten, geweckt zu werden. Wir Menschen sind (uns) fremd in der eigenen Welt und der Monsterfilm bietet unzählige Möglichkeiten, um diesen Zwiespalt mit erschreckender Konsequenz auf die Leinwand zu bringen.

Von welchem Filmmonster lasst ihr euch am liebsten Erschrecken?

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