Venedig 2018 - Meine am meisten erwarteten Filme des Festivals

Venedig 2018: A Star Is Born, Suspiria, Vox Lux
© Warner Bros./Capelight/Koch Media/Central/GEM Entertainment
Venedig 2018: A Star Is Born, Suspiria, Vox Lux
Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Als bester Jahrgang seiner Geschichte wird das Programm der Filmfestspiele von Venedig 2018 bereits gelobt, obwohl die Filme noch nicht einmal Premiere gefeiert haben. Grund sind die vielen großen Namen im und über den Wettbewerb hinaus. Dabei profitiert das Festival Venedig sowohl von dem Zwist zwischen Netflix und Cannes, aber auch von seiner zuletzt wieder gestiegenen Bedeutung als Sprungbrett für die kommende Oscar-Saison. Venedig ist sowas wie die inoffizielle Eröffnung der Awards Season. Letztes Jahr feierte hier Bester-Film-Gewinner Shape of Water Premiere, im Jahr davor der 30-Sekunden-lang-Bester-Film-Gewinner La La Land.

Ob der Jahrgang über die großen Namen hinaus in Erinnerung bleiben wird, wird sich zeigen, doch die Dichte der Festival-Darlings und Oscar-Hoffnungen ist schon beachtlich, was die folgende Auswahl von 15 Filmen nur noch erschwert hat. Neue Filme von Shin'ya Tsukamoto (Tetsuo), Carlos Reygadas (Post Tenebras Lux) und Mike Leigh (Mr. Turner) wirken beim Schmökern im Wettbewerb wie Nebendarsteller, die - natürlich - allen die Schau stehlen könnten. Als einziger deutscher Regisseur hat es Florian Henckel von Donnersmarck (Das Leben der Anderen) in den Wettbewerb geschafft. Da ich sein Werk ohne Autor schon sehen konnte, sei es hier nur am Rande erwähnt.

Die am meisten erwarteten Filme des Festivals in Venedig

The Ballad of Buster Scruggs - Joel und Ethan Coen

Ursprünglich wurde The Ballad of Buster Scruggs von den Coen-Brüdern als Anthologie-Serie für Netflix angekündigt. Dann kam bei der Bekanntgabe des Programms von Venedig die Überraschung: Die Coens haben einen Film draus gemacht. 132 Minuten ist die Anthologie-Geschichte lang, Tim Blake-Nelson spielt den Titelhelden. Die Segmente mit Darstellern wie James Franco, Zoe Kazan, Liam Neeson und Tom Waits tragen Western-affine Namen wie The Gal Who Got Rattled und All Gold Canyon. Nach dem Filmgeschäft (Hail Caesar!) kehren die Brüder damit wieder auf den wildwestlichen Boden von True Grit zurück.

Roma von Alfonso Cuarón

Mein meisterwarteter Film des Festivals heißt Roma und das nicht nur, weil Alfonso Cuarón Regie führt. Also eigentlich schon, aber es sei noch hinzuzufügen, was die Erwartungen steigert: Der Regisseur von Gravity hat zum ersten Mal seit seinem internationalen Durchbruch Y Tu Mama Tambien wieder in Mexiko gedreht; er kommt ohne Kameramann Emmanuel Lubezki aus, der bei all seinen Spielfilmen außer Harry Potter und der Gefangene von Askaban dabei war; und er wird selbst als Kameramann gelistet, in Sachen offizieller Credits zum ersten Mal seit den Tagen der Kurzfilme nach dem Studium.

The Nightingale von Jennifer Kent

Nur ein Film einer weiblichen Regisseurin wurde in den Wettbewerb von Venedig eingeladen, was das Festival in der Lagunenstadt noch schlechter aussehen lässt als das kritisierte Cannes und die um Besserung bemühte Berlinale. Freuen können sich die Besucher auf den Nachfolger eines der besten Horrorfilme der 2010er Jahre, Der Babadook von 2014. Jennifer Kents neuer Film The Nightingale verfolgt im Australien des Jahres 1825 eine junge Frau (Aisling Francios), die aus Rache einen britischen Soldaten durch die Wildnis jagt. Das klingt vom historischen Setting her, über die Rachegeschichte bis zum Claflin im Getriebe wie ein Film, der nur für mich gemacht wurde.

The Sisters Brothers von Jacques Audiard

Hand hoch, wer (erstens) sich erinnert, welcher Film 2015 die Goldene Palme gewonnen hat, und (zweitens) gern an Dheepan zurückdenkt! Für seinen ersten englischsprachigen Film The Sisters Brothers wagt sich Jacques Audiard jedenfalls ins nächste Genre, das amerikanische schlechthin. Für seine Verfilmung eines Romans von Patrick deWitt standen John C. Reilly (ein weiterer internationaler Auteur in Reillys Sammlung!), Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, die unzerbrechbare Kimmy Schmidt-Nachbarin Carol Kane und der legendäre Rutger Hauer vor der Kamera. Niels Arestrup, der Mentor aus Ein Prophet, ist auch wieder dabei.

The Favourite von Yorgos Lanthimos

Anne Stuart, Königin von Großbritannien Anfang des 18. Jahrhunderts, pflegte eine besonders enge Beziehung zur Gräfin von Marlborough, die irgendwann in die Brüche ging. Yorgos Lanthimos (The Killing of a Sacred Deer) und seine Autoren haben in The Favourite eine mögliche Erklärung: die Ankunft der Baroness Marsham. Trocken klingt das, doch in den Händen des Griechen und vor allem mit einer Besetzung um die großartige Olivia Colman sowie Rachel Weisz und Emma Stone könnte darauf ein perfider Historienspaß werden, wie ihn nur Lanthimos zu drehen im Stande ist. Auch interessant: Lanthimos arbeitet ohne Stammkameramann Thimios Bakatakis, der wiederum, die Abschweifung sei erlaubt, den neuen Film von der Ich seh', ich seh'-Macherin fotografiert.

The Other Side of The Wind von Orson Welles

Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal über einen neuen Orson Welles-Film schreiben darf. Aber Frank Marshall und Netflix sei Dank ist es bald so weit. Sechs Jahre drehte Welles an The Other Side of the Wind, in dem der alternde Hollywood-Regisseur John Huston einen alternden Hollywood-Regisseur nach dem Vorbild Ernest Hemingways gibt. Mangels Finanzierung schnitt Welles die Mockumentary danach selbst, vollenden konnte der 1985 gestorbene Welles ihn nicht. Das wurde nun von Marshall und anderen übernommen und von Netflix mit finanziert, die außerhalb des Wettbewerbs neben The Other Side of The Wind auch die Welles-Doku They'll Love Me When I'm Dead zeigen.

A Star is Born von Bradley Cooper

Clint Eastwood wurde mit A Star Is Born (und Beyoncé) in Verbindung gebracht, bevor sein American Sniper Bradley Cooper das Projekt aus der Produktionshölle rettete. Bis zum rauschhaften Trailer hatte ich keinerlei Erwartungen an das dritte Remake des (unerreichten) Originals von 1937. Diesmal spielt Lady Gaga die aufstrebende Künstlerin, während Regisseur Cooper ihren im freien Fall befindlichen Mentor gibt. Angesiedelt in der Country-Musikszene erinnert A Star Is Born zunächst an das Streisand-Remake aus den 70ern. Doch messen lassen müssen sich Cooper und Gaga an Namen wie Judy Garland, George Cukor, Fredric March und William A. Wellman.

Dragged Across Concrete von S. Craig Zahler

S. Craig Zahler hat mich als Regisseur noch nicht enttäuscht (wie auch, bei nur zwei Filmen), mit Bone Tomahawk und Brawl in Cell Block 99 hat er allerdings mächtig vorgelegt. Wieder spielt Vince Vaughn gegen seinen Comedy-Schatten an, diesmal neben Mel Gibson. Beide spielen Cops, deren brutale Methoden durch ein Video für öffentlichen Zündstoff sorgen. Parallelen zur Diskussion über Polizeigewalt in den USA drängen sich auf. In Dragged Across Concrete steigen die Cops nach dem Eklat in die "kriminelle Unterwelt" ab, was bei Zahler schmerzhafte Erinnerungen an auf Beton zerriebene Schädel und halbierte Cowboys wachruft.

American Dharma von Errol Morris

Nach Robert McNamara (The Fog of War) und Donald Rumsfeld (The Unknown Known) ist nun offenbar Steve Bannon dran. Der gescheiterte Filmproduzent und rechtsradikale Ideologe, der nach seiner Entlassung als Chefstratege Donald Trumps versucht, rechte Bewegungen in Europa zu einen, stand dem Oscarpreisträger Errol Morris für ein Interview zur Verfügung. Bannons Beschreibungen von Filmen wie Der Kommandeur dienen in American Dharma als Rahmung des Gesprächs. Dabei wird auch die Frage aufgeworfen, ob Bannon wirklich als Ideologe durchgeht oder schlicht als Opportunist, was Morris selbst laut eines Interviews mit der New York Times nicht final zu beantworten weiß.

Your Face von Tsai Ming-liang

"Dein Gesicht erzählt von der Liebe und den Orten, wo sie versteckt ist", schreibt Tsai Ming-liang (Das Fleisch der Wassermelone) im Festivalprogramm über seinen neuen Film Your Face. 76 Minuten ist er lang und soll ausschließlich aus Großaufnahmen von Gesichtern bestehen, darunter sein Stammdarsteller Lee Kang-sheng, aber auch Laien. Begleitet wird Your Face, der außerhalb des Wettbewerbs läuft, von Musik des Oscarpreisträgers
Ryuichi Sakamoto (The Revenant).

Charlie Says von Mary Harron

Seit American Psycho hat Mary Harron überwiegend im Fernsehen gearbeitet (zuletzt bei Alias Grace). Mit Charlie Says kommt sie gewissermaßen Quentin Tarantino zuvor, der gerade seinen eigenen Film über den Kriminellen Charles Manson dreht. Matt Smith aus Doctor Who und The Crown wird den Führer seines eigenen Personenkults spielen, doch Harron verlegt den Fokus auf eine junge Studentin, um zu untersuchen, wie ganz normale Mädchen unter Anleitung Mansons zu Mördern wurden.

Aufbruch zum Mond von Damien Chazelle

Ich bin nun nicht der größte Fan von Damien Chazelle, aber ausgehend von Trailer und Leben des Weltraumerkunders Neil Armstrong wird es in Aufbruch zum Mond (OT: First Man) keine Diskussionen über Jazz geben, was für Chazelle und mich vermutlich das Beste ist. Ryan Gosling gibt den ersten Mann auf dem Mond bzw. den Mann, der als erster Mann auf dem Mond in die Geschichte eingehen sollte. Denn vorher gingen acht Jahre harte und gefährliche Arbeit ins Land. Man stelle sich Whiplash vor, nur mit unangenehmen medizinischen Tests, Unfällen und Raumschiffen statt einem Schlagzeug. Oder so.

Suspiria von Luca Guadagnino

1977 spielt das Remake Suspiria, im Premierenjahr des Originals. Tilda Swinton übernimmt die Joan Bennett-Rolle. An ihrer Seite hüten unter anderem Angela Winkler, Ingrid Caven und Renée Soutendijk als die Schülerinnen ihrer Tanzschule in Berlin. Jessica Harper, verängstigter Star des Originals von Dario Argento, ist dabei, in ihre Fußstapfen tritt Dakota Johnson, die als Neuling in der Akademie auf dunkle Kräfte stößt. Dem Horror ist Regisseur Luca Guadagnino bisher allenfalls in den Beziehungsbeobachtungen von I Am Love und A Bigger Splash nahegekommen. Mehr Erfahrung hat Drehbuchautor David Kajganich (The Terror) vorzuweisen. Braucht es ein Remake von Suspiria? Eher nicht. Brauchen wir einen neuen Film von Luca Guadagnino? Immer doch.

Vox Lux von Brady Corbet

Heimlich, still und nicht ganz leise hat sich Brady Corbet eine Karriere als Dieser-Typ-in-Autorenfilmen aufgebaut, darunter das Funny Games-Remake, die Daft Punk-Schattengeschichte Eden, Höhere Gewalt und Melancholia. Sein Regiedebüt gab er mit der Kindheit eines Faschisten in The Childhood of a Leader, belohnt mit dem Preis als Bestes Debüt in Venedig 2015. Nun folgt mit Vox Lux ein alternativer A Star Is Born, der wieder eine fiktive Figur als Zeugin von Weltereignissen positioniert, diesmal in Form einer Popsängerin (Natalie Portman), die nach einer "nationalen Katastrophe" zu Berühmtheit aufsteigt. Angesiedelt ist das "historische Melodrama" zwischen 1999 und 2017. Neben Portman sind Jude Law und Jennifer Ehle dabei.

Non-Fiction von Olivier Assayas

Wieder mit seiner Die Wolken von Sils Maria-Darstellerin Juliette Binoche vereint, hat Olivier Assayas mit Non-Fiction eine Komödie gedreht. Wieder spielt Binoche eine Schauspielerin, die diesmal mit einem Publizisten (Guillaume Canet) verheiratet ist, der so seine Probleme mit der nicht mehr ganz neuen digitalen Welt, E-Books und dem ganzen Klimbim hat. Auf geisterhafte E-Reader-Nachrichten müssen wir vermutlich verzichten, aber der Regisseur von Personal Shopper macht allemal Lust auf die etwas abgedroschen klingende Prämisse.

Vom 29.08. bis zum 08.09. laufen die Filmfestspiele von Venedig. Für moviepilot werde ich euch täglich von den Entdeckungen, Enttäuschungen und allem, was sich dazwischen rumtreibt, berichten.

Auf welchen Film aus dem Programm von Venedig freut ihr euch?

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