Kommentar der Woche
Von Zeit zu Zeit wandelt ein Film vollkommen unerkannt unter uns, hat hier und da vielleicht schon jemanden im Bekanntenkreis verführt - aber wenn wir ihn dann selbst sehen, reißt er uns trotzdem nahezo unerwartet mit, öffnet uns fast schon gnadenlos die Augen, zieht uns an und stößt uns ab, verstört und begeistert uns. Kurzum: er geht uns unter die Haut. So wie es lieber_tee mit Under the Skin gegangen ist:
Unter der oberflächlichen Hülle seelenloser Begegnungsfantasien findet das schwarze "Es" innere Schönheiten, Humanität, verwandelt sich in eine empathische "Sie" und schreit nach natur-mystischer Befreiung. Jonathan Glazers handlungsreduziertes, assoziatives Essay über die Innen- und Außenseite unserer (Geschlechter-) Gesellschaft ist Mitternachtskino par excellence. Der Motiv-Mix aus SF, Körperhorror, Alltagsdokumentation, Gender-Paradoxien, Experimentalfilm arbeitet clever mit optischen und inhaltlichen Verunsicherungen, Aussparungen um die Transformation in Menschlichkeit bis zur Selbstauflösung sinnlich erfahrbar zu machen. Emotionslos-grausame Szenen stehen neben liebevollen Momentaufnahmen, werden mit abstrakt-surrealen, träumerisch-poetischen Sequenzen kombiniert. Mit der Kraft von Kubrick, Lynch und von Trier erlebt ein für sperriges Kunstkino offener Zuschauer den ultimativen Kick. Der intensive audio-/visuelle Sog brennt seine Bilder für immer in die cineastische Hirnrinde. Wenn Arthouse, dann so. Meisterwerk.
Den Originalkommentar findet ihr übrigens hier.
