Trotz berechtigter Kritik: Warum die Berlinale ein fortschrittliches Festival ist

Berlinale 2019
© Berlinale/Pandora Film/Liman Film
Berlinale 2019
09.02.2019 - 10:30 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Die Berlinale gerät oft in die Kritik - und zu Recht. Trotzdem ist die Berlinale auch ein fortschrittliches Filmfestival, das Maßstäbe setzt und mit seiner Vielfalt von Jahr zu Jahr zu beeindrucken weiß.

Die Berlinale 2019 markiert die 69. Ausgabe des Filmfestival an der Spree sowie die letzte Runde unter der Aufsicht von Dieter Kosslick. 18 Jahre fungierte dieser als Festivaldirektor. Nicht selten geriet die Berlinale während dieser Zeit in die Kritik. Gleichzeitig handelt es sich um eines der fortschrittlichsten Filmfestivals, was auch in diesem Jahr mehr als deutlich wird. Vielfalt, Inklusion und Gleichberechtigung sind die großen Themen, die das geradezu gigantische Programm zu bieten hat. Doch wie kommt der Fortschritt konkret zum Ausdruck? Wir haben einige Punkte gesammelt, die uns an der Berlinale begeistern.

Die Berlinale mit dem Ziel der Gleichberechtigung

Erst vor wenigen Tagen berichteten Branchenblätter wie Variety  und Hollywood Reporter  von einem Gender Pledge, der nach dem Vorbild von Cannes und Venedig im vergangenen Jahr am 09.02.2019 unterzeichnet werden soll und von der WIFTG (Women in Film and Television Germany) in die Wege geleitet wurde. Dabei geht es nicht darum, bestimmte Quoten zu erfüllen. Ziel ist es trotzdem, ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis im Management sowie weiteren Ebenen der Berlinale zu schaffen. Darüber hinaus soll mehr Transparenz im Hinblick auf die eingereichten Filme sowie die Mitglieder der Auswahlkomitees geschaffen werden.

Jury-Präsidentin der Berlinale 2019: Juliette Binoche

Jetzt schon bietet die Berlinale auf ihrer Website einen Einblick in die Zahlen  für die aktuelle Ausgabe des Festivals. Für Leitungspositionen liegt in der Saison 2018/2019 ein Geschlechterverhältnis von 63,3 Prozent weiblich und 36,7 Prozent männlich vor. Übertragen auf alle Bereiche ergeben sich sogar ein Verhältnis von 81,25 Prozent weiblich und 18,75 Prozent männlich. Die Geschlechteroption "non-binär" wurde derweil von keiner Person angegeben. Ab nächstem Jahr ist die Berlinale zudem das einzige A-Festival mit einer paritätischen Spitze: Nach Dieter Kosslick fungiert die Film-Managerin Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin, während der ehemalige Locarno-Chef Carlo Chatrian die kreative Gestaltung übernimmt.

Die Berlinale als Festival der Vielfalt von Kino und Menschen

Was die Berlinale von Filmfestivals wie Cannes und Venedig außerdem abhebt, ist die Nähe zum Publikum. Als sogenanntes Publikumsfestival treffen hier nicht nur Filmschaffende und die Kritiker aufeinander, sondern jeder Interessierte erhält Zugang zu einem Kino, das die Welt in beeindruckender Vielseitigkeit präsentiert - vorausgesetzt die Tickets sind noch nicht ausverkauft. Rund 400 Filme laufen dieses Jahr wieder auf der Berlinale und decken dabei das gesamte Spektrum ab: Vom Oscar-Anwärter bis hin zum experimentellen Kunstfilm versteckt sich alles im Programm, wenn man solche Kategorisierungen bemühen will. Auch das Medium übergreifend geht die Berlinale einen Schritt voraus und besitzt etwa längst eine eigene Sektion für Serien, die weit über den Tellerrand des von US-Serien dominierten Markts hinausblickt.

Im Wettbewerb: Der Boden unter den Füßen von Marie Kreutzer

Am Puls der Zeit sind Netflix-Produktionen kein Thema und Auswirkungen der #MeToo-Bewegung in jeder Faser des Festivals spürbar. Da wäre etwa der Wettbewerb, der dieses Jahr die Werke von insgesamt sieben Regisseurinnen zeigt. Bei einer Zahl von 17 teilnehmenden Filmen ist das zwar immer noch nicht die Hälfte, im Gegensatz zu den jüngsten Jahrgängen der anderen A-Festivals (Cannes mit drei Regisseurinnen und Venedig mit nur einer Regisseurin) aber definitiv eine lobenswerte Steigerung. Dazu wirft die Retrospektive der Berlinale dieses Jahr ein besonderes Licht auf das Schaffen von Filmemacherinnen in Deutschland zwischen 1968 und 1999, die im Schatten der bekannten Namen viel zu selten in den Geschichtsbüchern auftauchen.

Die Berlinale als verbindender Abenteuerspielplatz des Kinos

Dass Kino von Diversität profitiert ist kein Geheimnis mehr. Die diesjährigen Oscar-Nominierungen zeigen wie aufregend, geradezu unberechenbar die Filmlandschaft sein kann, wenn alte Traditionen durchbrochen werden und neue Stimmen eine Plattform erhalten. Auf der Berlinale können viele dieser Stimmen, unabhängig ihres Alters, ihres Geschlechts und ihrer ethnischen Herkunft, entdeckt werden - und zwar von jedem. Auch für Menschen mit Einschränkungen setzt sich die Berlinale ein, sorgt für Barrierefreiheit und begleitet das Programm mit Gebärdensprache und Audiodeskription, während die Generation, nun ja, die Generationen zusammenbringt. Was entsteht, ist ein Dialog, der Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart des Kinos vereint.

In der Retrospektive: Bandits von Katja von Garnier

Klar, all diese Voraussetzungen garantieren noch kein perfektes Programm und die bestmöglichen Filme, die in der Welt zu finden sind. Auch darüber hinaus gibt es genügend Baustellen, die das Festival in den kommenden Jahren zu bewältigen hat (und bei der neuen Leitung dürfen wir mehr als gespannt sein, wie die Ausgabe 2020 ausfallen wird). Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Denn trotz gewisser Mängel gelingt es der Berlinale jedes Jahr, für elf ereignisreiche Tage einen Abenteuerspielplatz zu schaffen, der Menschen im Zeichen des Kinos zusammenführt - sei es für ein Selfie am roten Teppich, die Gespräche nach einem gesehen Film oder das stundenlange Anstehen vor dem Ticket-Counter, um den neuen Lav Diaz dort zu sehen, wo er hingehört, nämlich im Kino.

Welche Berlinale-Erfahrungen konntet ihr bisher sammeln?

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