Pilot-Check

Togetherness - Unser erster Eindruck

Togetherness - S01 E01 Clip (English) HD
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Togetherness - Mit Kind & KegelAbspielen
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Togetherness - Mit Kind & Kegel
13.01.2015 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Am Sonntag startete HBO fulminant in die neue Season. Neben der vierten Staffel von Girls und der zweiten Staffel von Looking gab es auch einen Neustart zu bestaunen, namentlich Togetherness. Wir haben uns den Pilot der Dramedy von Jay und Mark Duplass angesehen.

Gestern startete HBO selbstbewusst in die bevorstehende Season. Drei Serien sind am Start, zwei davon mittlerweile altbekannte Gesichter im Repertoire des Kabelsenders. Während Looking frohen Mutes in die zweite Staffel  stürzte, manövrierte Lena Dunham ihre Girls in die vierte Runde . Und dann waren da noch Jay  und Mark Duplass, zwei Brüder, die als prägende Pioniere des Mumblecores mehr als einen dezenten (ja, einen regelrecht polarisierenden) Fußabdruck in der Filmwelt hinterlassen haben. Gemeinsam entwickelten die beiden in den vergangenen Monaten eine Serie, die sich hinsichtlich ihrer Prämisse kaum von einer der konventionellen Sitcoms unterschiedet, wie sie jeden Tag im Programm großer Networks à la CBS oder ABC zu finden sind. Eine Ehe mit Problemen und Kindern, dazu gesellt sich die zerstreute Schwester der Ehefrau und der erfolglose Schauspieler als Sidekick: Vier Chaoten auf engem Raum und trotzdem frönen Jay und Mark Duplass weder flachem Humor und eingespielten Lachern, noch der Oberflächlichkeit von Stellvertreterkonflikten und Fremdschamkonstellationen zugunsten der nächsten Pointe. Nein, Togetherness reiht sich tadellos als vorzügliche Vollendung in das Triple-Feature mit Looking und Girls ein und fällt dabei sogar fast einen Tick düsterer aus als seine Serien-Kollegen.

But I don't think you're seeing anything from my point of view right now.

Während gerade in Girls (noch) die Illusion der Endzwanziger existiert, dass irgendwann im Leben alles an dem Punkt angelangt, an dem es gut ist, hat Togetherness diesen Punkt längst passiert. Egal in welcher Lebenskrise sich Lena Dunham befindet und egal wie niederschmetternd das (Liebes-)Leben in New York City sein mag: Am Ende gibt es diesen einen Funken Hoffnung, dass es nur darum geht, durchzuhalten. Die Figuren in Togetherness befinden sich jedoch nicht mehr in jener Phase, die auf Antworten hoffen lässt. Vielmehr befinden sich die Figuren in genau jener Phase, wo ihnen klar wird, dass diese Antworten in solch greifbarer Form überhaupt nicht existieren. Sprich erwachsen werden und feststellen, dass nichts so ist, wie man es sich immer vorgestellt hat. Doch die Sache ist die: Niemandem ist diese utopische Verwirklichung seiner Träume und Vorstellungen zuteil geworden. Eine Erkenntnis, die genauso beruhigend wie beunruhigend ist. Folgerichtig eröffnet Togetherness mit dem Erwachen zur frühesten Morgenstunde – als wäre Brett Pierson (Mark Duplass) soeben aufgrund eines Albtraums aufgeschreckt. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass kein Albtraum für den unwohle Gefühl verantwortlich war, sondern schlicht die Einsicht: Das ist mein Leben.

Alex (Steve Zissis) und Tina (Amanda Peet)

Bei Brett hat die Ermüdung des Seins eingesetzt. Mit seiner Frau, Michelle (Melanie Lynskey), und zwei Kindern lebt er in einer ansehnlichen Wohnung in Los Angeles. Sex findet bei dem Ehepaar nicht mehr gemeinsam statt, sondern nur verklemmt und alleine. Ein herkömmlicher Plotmechanismus, um die zerbrechende Ehe zu inszenieren, allerdings lassen sich die Duplass-Brüder von der einfachen Steilvorlage nicht verführen, indem sie die eingerosteten Annäherungsversuche von Brett und Michelle lediglich auf einen Awkward-Moment hinauslaufen lassen. Ganz im Gegenteil: In Togetherness wird der Awkward-Moment so lange durchgestanden, bis die eigentliche Tragik der Beziehung nicht mehr mit einer fixen Pointe zu ignorieren ist. Weiterhin gesellt sich zum Figurenkabinett der Serie Tina (Amanda Peet), die Schwester von Michelle. Ihr Freund hat soeben per Textnachricht Schluss gemacht. Obgleich Michelle den Schmerz ihrer Schwester nicht sofort nachvollziehen kann, trifft sie wenige Sekunden später ebenfalls der Schlag: Die Angst davor, gescheitert zu sein und jegliche Chance der (offensichtlich nicht ewig währenden) Jugend vertan zu haben. Darüber hinaus komplettiert Alex (Steve Zissis, Co-Creator des Formats) die überschaubare Runde. Auch er ist gescheitert und hat versagt – als Schauspieler, der alles auf eine Karte gesetzt hat und sich kurz davor befindet, wieder in die schützenden Arme seiner Mutter zu begeben.

Dass diese Flucht zur Mutter keinen Zweck hat, das hat Brett erkannt. Er überredet den guten Freund, bei ihm zu bleiben. "I need you here. I have to go to family day and be at the beach and pretend like it’s fun." Keiner ist hier wirklich glücklich. Kurzerhand befinden sich also alle vier Figuren – so stereotyp ihre Ausgangspositionen auch sein mögen – in einer echten Welt mit echten Problemen. Exakt darin liegt die Stärke von Togetherness. Jay und Mark Duplass gelingt es nur mit wenigen Blicken, Worten und Andeutungen, eine dermaßen lebensnahe Umgebung zu erschaffen, dass aus dem Stereotyp binnen weniger Minuten ein wahrhaftiger Charakter mit nachvollziehbaren Problemen wird, vollkommen egal wie (un-)originell diese sind. Sobald die vier Hauptfiguren unter einem Dach und die Grundkonflikte ausgerollt sind, geht es richtig los. Aus der Not heraus, nicht zu wissen, was man überhaupt miteinander anfangen soll, gehen Brett, Michelle, Tina und Alex zusammen essen. Ein bisschen Überredungskunst gespickt mit dem nötigen Maß an Verzweiflung und kurzerhand sitzen die Enddreißiger gemeinsam im Restaurant zu Tisch. Das darauffolgende Gespräch kommt so schwer in Fahrt, wie der Kommunikationsversuch zweier Backsteine unterschiedlicher Schutthaufen. Zwar redet keiner über das Wetter, aber Alex bemerkt ganz naiv: "I like yogurt." Und Michelle schmeißt dankbar für die Unterbrechung des unangenehmen Schweigens ein "It’s so good. The toppings. Yeah." ein.

Brett (Mark Duplass) und Michelle (Melanie Lynskey)

Die Unbeholfenheit dieses Augenblicks kann nicht übertroffen werden. Es braucht jedoch die Absurdität der Situation, um das Eis zu brechen. Dann sind sie (wieder) ganz lebendig, die Figuren, die eben noch beinahe in ihrer eigenen Alltagsdepression ertrunken sind. Tinas Ex-Freund taucht zufällig mit seinem neuen Date auf und plötzlich platzt es aus Alex heraus: Um Tina aus der misslichen Lage zu befreien, macht er sich sprichwörtlich zum Affen und überquert dabei eine Linie, die die vier schon lange nicht mehr überquert haben. Party im Auto; als wären sie 16 Jahre alt und dürften nicht von ihren Eltern erwischt werden. Dank einer ordentlichen Portion Alkohol fliegt bald das Klopapier im hohen Bogen durch die Gegend – begleitet von Skid Rows Youth Gone Wild . Daraufhin kommt es zur Flucht vor den Erwachsenen, jener fremdartigen Spezies, der die Protagonisten laut gesellschaftlicher Norm längst angehören sollten. Letztendlich lässt Tina zögerlich das durchblicken, was sie tapfer zu verstecken versuchte und schockierenderweise nicht selbstverständlich ist: "Would y’all mind if I stayed with you for a little longer?" Da weder Michelle noch Brett sofort antworten, folgt ein: "They seem really excited." Die Antwort gibt es erst kurze Zeit später, eben weil sich Brett diese gewissenhaft und gut überlegt hat: "Yeah, of course. Of course you can stay. You’re family."

Für eine Millisekunde existiert sie also wieder, die unverständliche Selbstverständlichkeit. Genau das Gefühl, das sich Alex so sehnlichst wünschte, als er Brett entrüstet begegnete, dass er die Schnauze voll hat und endgültig zurück zu seiner Mutter nach Detroit will. Der perfekte, weil unerwartete (?) Abend, würde ein Außenstehender womöglich behaupten. Trotzdem verschwindet sie nicht, die peinliche Stille, die schon am Anfang beim Essen die Atmosphäre dominierte. Im Hintergrund zirpen Grillen – ohne jedoch unfreiwilliger Komik zu dienen, sondern um die vorherrschende Tristesse unerbittlich zu veranschaulichen. "Why don’t you want to have sex with me anymore?", bringt Brett endlich über seine Lippen. Pause, Grillenzirpen. Michelle, geradezu hauchend: "I don’t know." Nur einsetzende Musik und ein harter Schnitt können diesem unerträglichen Augenblick erschütternder Unendlichkeit ein Ende setzen. Nachdenklich begleitet Fleetwood Macs Never Going Back Again  die Figuren in den Abspann. Und dann gibt es noch die zwei Kinder, das eine im Babykorb, das andere im Grundschulalter. Trotzdem haben beide keine Ahnung von dem, was da vor sich geht. Sie haben keine Ahnung von den Enttäuschungen, dem Frust und dem Scheitern. Die Kinder hatten einen perfekten Tag am Strand mit Otherside  von Family Portrait und nicht einmal den haben sie in seiner Gänze mitgekriegt.

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