Tatort Kritik

Tödliches Kinderland im Tatort aus Leipzig & Köln

08.04.2012 - 21:45 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Schenk, Ballauf, Keppler und Saalfeld ermitteln gemeinsam
© MDR
Schenk, Ballauf, Keppler und Saalfeld ermitteln gemeinsam
Zu Ostern bietet uns der Tatort einen Doppelschlag. In zwei Crossover-Episoden arbeiten die Teams aus Leipzig und Köln zusammen. Los ging es mit dem gar nicht mal hundsmiserablen Tatort Kinderland aus Leipzig.

Der letzte Tatort aus Leipzig enttäuschte wie so einige davor. Frischer Wind tut bei den routinierten Herrschaften Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke) gut und so bekommen sie in Tatort: Kinderland Besuch von Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) aus Köln. Gemeinsam gehen sie dem Verschwinden von jungen Mädchen auf die Spur. Haben sie es mit einem Serienkiller zu tun? Wird Schenk für die Saalfeld seine Ehe riskieren? Gibt es in Leipzig überhaupt Currywurst?

Lokalkolorit: Mal abgesehen von der Überdramatisierung des hygienischen Zustands der Toiletten im Leipziger Hauptbahnhof präsentiert Tatort – Kinderland ein sonniges Bild der ostdeutschen Metropole, das auch die Herren Freddy Schenk und Max Ballauf erstaunen lässt. Einzig in Plattenbauten halten sich schlechte Mitten im Leben-Muttis und perverse Mordverdächtige auf. Aber das wussten wir schon längst. Zum ikonischen The Passenger von Iggy Pop reisen die Kölner undercover nach Leipzig, was am von Videokameras dokumentierten Straßenstrich (!) der Stadt zu Missverständnissen führt. Anders ausgedrückt: Andreas Keppler vermöbelt beinahe Ballauf, weil er denkt, dass dieser als Kunde, nicht Ermittler, bei den jungen Mädchen herumschleicht.

Plot: Ein junges Mädchen, das von Zuhause ausgerissen ist, verschwindet in Leipzig, eine andere wird tot aufgefunden und auch in Köln zieht die Polizei eine Leiche aus dem Wasser. Glauben wir zunächst, dass ein Serienmörder am Werk ist (z.B. creepy Olaf mit dem Hang zum Stalking Minderjähriger), offenbart der MDR-Tatort schon bald Fälle im Fall. Hier eine Kindesentführung, um Ersatz zu beschaffen, dort ein verzweifelter Vater, der die schwangere Freundin seines Sohnes umbringt, damit dieser die Familie nicht verlässt. Am Ende sind es nur hauchdünne Verbindungen im Milieu der Straßenkinder, die im Grunde eine Crossover-Episode gar nicht rechtfertigen. Wäre da nicht der Cliffhanger mit der jungen Anna, die nach den schrecklichen Erlebnissen bei Olaf auch noch in das mysteriöse Auto nach Köln einsteigt. Die Überkonstruiertheit schlägt wieder zu.

Unterhaltung: Bei der ersten Crossover-Folge von Ballauf/Schenk und Keppler/Saalfeld trifft Autor Jürgen Werner gleich die richtige Entscheidung. Nach anfänglich parallel laufenden Ermittlungen (Leiche in Köln, Schnitt, Leiche in Leipzig) geht es mit der Anreise der Kölner richtig los. Die Teams werden neu gemischt. Schenk flirtet mit Saalfeld. Ballauf und Keppler raufen sich zusammen und ergeben ein funktionstüchtiges und unterhaltsames Ermittlerduo. Martin Wuttke, sowieso der einzige, der in Leipziger Tatorten die Entertainment-Nulllinie abwendet, blüht im Spiel mit Behrendt geradezu auf. Wer braucht da noch Frau Thomalla?

Tiefgang: Eine Art Naturgesetz des Tatorts besagt: Wenn die Ermittler in der ersten halben Stunde bemüht sozialkritische Statistiken daherplappern, wird sich die restliche Stunde nicht über dieses Niveau heben. In Kinderland lernen wir, dass in Leipzig rund 50 Straßenkinder leben und diese möchtegern-investigative Themenfindung schwelt im Hintergrund weiter. Viel interessanter als der oberflächliche Blick auf dieses Phänomen ist jener auf die Eltern. Wie umgehen mit dem Verlust eines Kindes? Die eine Mutter verdrängt und stiehlt sich eine neue Tochter. Das Ehepaar Tremmel verschwindet unter einer Eisdecke. Die Frau unterkühlt, abweisend, der Mann derart fixiert auf die Sozialarbeit, dass er seinen verbliebenen Sohn Paul (gespielt von Leonard Proxauf aus Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte) vernachlässigt. Beide Fälle führen auf der Suche nach dem Kölner Täter nicht weiter. Sie ergänzen jedoch den Cliffhanger um eine befriedigende Auflösung, wie sie sich Krimi-Fans anscheinend ersehnen.

Mord des Sonntags: Den Tathergang bekommen wir nicht zu sehen, aber Vater Tremmels häusliche Ermordung der Freundin seines Sohnes gebührt dieser Rang.

Zitat des Sonntags: “Wegen dir musste ich laufen. Allein das ist schon ein Schwerverbrechen.” (Keppler, wer sonst?)

Kinderland war besser als erwartet, aber schaut ihr auch die Fortsetzung Tatort: Ihr Kinderlein kommet am Montag an?

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