Tatort Kritik

Tatort - Willkommen in Hamburg mit Til Schweiger

10.03.2013 - 21:45 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Til Schweiger geht unter die Tatort-Kommissare
© ARD/NDR
Til Schweiger geht unter die Tatort-Kommissare
Til Schweiger schreit mit seiner Großmaul-Attitüde geradezu nach Verrissen. Dabei verstecken sich in seinem ersten Tatort aus Hamburg Ansätze eines unterhaltsamen Actionkrimis, der an seinem Blockbuster-Anspruch zerschellt.

Tatort: Willkommen in Hamburg in Grund und Boden zu schreiben, wäre ziemlich einfach. Schon durch den Hickhack rund um die vermeintliche Modernisierung des Formats hat sich Til Schweiger im Vorfeld dieses Tatorts ein kreatives Loch gegraben, aus dem ihn mancher Kritiker vielleicht nicht mehr entlässt. Dabei wäre an einem jährlichen Action-Tatort nichts auszusetzen, würde er neben dem Komödien-Tatort (Münster), dem Schmelztigel der Kulturen-Tatort (Wien) und diversen Problem-Tatorten doch der Krimi-Vielfalt gut tun. Leider begnügen sich Schweiger, Regisseur Christian Alvart und Autor Christoph Darnstädt nicht mit dem BumBum und forcieren ein Blockbusterformat (Vater-Tochter-Drama! Lustiger Sidekick! Zoff mit den Vorgesetzten! Der böse Ex-Partner! Penis-Witze!), das auf der kleinen Mattscheibe nicht scheitern muss, aber in diesem Fall die dramatischen wie komödiantischen Talente aller Beteiligten deutlich überdehnt. Tatort – Willkommen in Hamburg will die Konkurrenz gnadenlos versenken, feuert aus allen Klischee-Rohren, landet aber viel zu wenig Treffer.

Lokalkolorit: Vergammelte Wohnblocks, leer stehende Fabrikgebäude und die Baustelle der Elbphilharmonie bevölkern diesen Tatort aus Hamburg, der sich weniger um regionale Feinheiten, mehr um eine ansprechende Kulisse für Schießereien sorgt. Je düsterer desto besser, lautet offenbar das Motto, weshalb die Lokalitäten letztlich austauschbar sind. Zu den imposanteren Sequenzen gehört ein Schusswechsel im Treppenhaus, eine Verfolgungsjagd, in der Nick Tschiller (Til Schweiger) einem Kleinbus hinterherrennt und ihn (natürlich) einholt, sowie die finale Schießerei, in der er mal eben durch ein Fenster springt und so das Stockwerk wechselt. Beeindruckend sind die Actionszenen teilweise, leider stellen sie sich durch ihre Schein-Plansequenzen, den damit zusammenhängenden Einsatz von C.G.I. und der beschwipsten Kameraführung selbst ein Bein, was dem Prozedere ein B-Movie-Feeling verleiht, das den Ambitionen der Macher zuwiderläuft.

Plot: Nick Tschiller zieht seiner Tochter zuliebe von Frankfurt nach Hamburg und killt nebenbei drei Helfershelfer des Astan-Clans. Das gefällt seinen neuen Kollegen gar nicht und so lässt er eine Untersuchung über sich ergehen. So richtig funzt das Teamwork trotzdem nur zwischen ihm und Sidekick Yalcin Gümer (humoristischer Hoffnungsschimmer: Fahri Yardim), der ihm vom Krankenbett als Hacker zur Seite steht und sich im Finale als überraschend nützlich erweist. Gemeinsam kommen sie Menschenhändlern auf die Spur, die von Nicks Ex-Partner Max Brenner (schmierig stoppelig: Mark Waschke) tatkräftig unterstützt werden. Wird Nick die bösen Buben vor Ende der 90 Minuten zusammenschießen? Kommt es zur großen Konfrontation mit seinem alten Freund? Und wird er seiner Tochter endlich ein ordentliches Frühstücksei vor die Nase setzen?

Unterhaltung: Aufs einfachste heruntergebrochen besteht der neue Tatort mit Til Schweiger aus einer ganzen Reihe von Szenen, in denen sich Nick Tschiller im Alleingang mit bösen Buben anlegt, Beulen davon trägt, mit missmutiger Schnute herumgrummelt, während die stets zu spät kommende Polizei ihren Job tut, um schließlich von seinem Vorgesetzten (Tim Wilde) eine deftige/respektvolle/anerkennende Rüge einzustecken. Leider wird die Parade von Til Schweiger-Freunden (gibt es dafür schon einen Wikipedia-Eintrag?) von komödiantischen Einlagen durchsetzt, die im schlimmsten Fall auf ein weiteres nuschelndes Familienmitglied des Kommissars/Stars zurückgreifen. Selbstironie ist hier eine willkommene Abwechslung, allzu oft verlegt sich der Actionkrimi jedoch mit einer krankhaften Fixierung auf Penis-Jokes, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Misshandlungsgeschichten der minderjährigen Prostituierten Tereza (Nicole Mercedes Müller) deplatziert, wenn nicht gar dumm und geschmacklos wirken; von dem schmerzend stümperhaften Subplot zwischen Tschiller, seiner liebeskranken Tochter Lenny (Luna Schweiger) und einem Frühstücksei mal ganz abgesehen.

Tiefgang: Wenn es jemals einen Tatort gab, der die Kategorie Tiefgang überflüssig macht, dann ist es Willkommen in Hamburg. Das ist nicht abwertend gemeint. Als kurzweiliger Event-Tatort, in dem größtenteils Scheiben und Knochen zerbrochen werden, hat der Schweigersche Auftritt durchaus seine Existenzberechtigung. Der unausgegorene Mix aus Komödie, Action und Drama ließ mich gegen Ende trotzdem den Alternativ-Krimi herbeisehnen, in dem wir Schweiger-Freund Wotan Wilke Möhring aus der Herren-Toilette folgen und Nick Tschiller ein für alle Mal hinter uns lassen. Der Tatort-Star selbst macht in den körperbetonten Szenen eine gute Figur und wirkt in seinen schnippischeren Momenten so natürlich, wie ihm das eben möglich ist. Nach Ansicht von Tatort – Willkommen in Hamburg schloss sich trotzdem die Vorstellung an, wie viel besser der Fall mit einem Mehmet Kurtulus ausgefallen wäre, mit einem Star also, der sich in dem Format wohlfühlt und nicht dagegen ankämpft; ein Urteil, das auf Schweiger in diesem wohl auch deshalb zerfahren wirkenden Krimi nicht zutrifft. So bleibt die Hoffnung auf den echten Hamburger Tatort-Kommissar Wotan Wilke Möhring.

Mord des Sonntags: In der Badewanne liegt sie und zwar mit weit aufgerrissenen, nach oben starrenden Augen, wie übrigens jede weibliche Leiche in diesem Tatort. Immerhin rettet Nick sie vor der Explosion, so viel Sentimentalität für die Ex muss sein.

Zitat des Sonntags: “Wir waren doch nur Tropfen auf dem heißen Stein. Schlecht bezahlte Tropfen. Da bin ich lieber’n heißer Stein geworden.” – “Nee, du bist’n Arschloch geworden.”

Potenzial versteckte sich tatsächlich in diesem Tatort mit Til Schweiger, aber es wurde mit Pauken und Trompeten verschenkt. Oder hat euch der Krimi zugesagt?

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