Tatort Kritik

Tatort - Die chinesische Prinzessin in Münster

20.10.2013 - 20:15 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Tatort - Die chinesische Prinzessin
© WDR/ARD
Tatort - Die chinesische Prinzessin
In Münster wird’s ernst, könnten wir meinen. Aber selbst ein unter Mordverdacht stehender Professor Boerne hält das beliebteste aller Tatort-Duos nicht von dusseligen Scherzen und dem tiefen Griff in die abgewetzte Kiste kultureller Versatzstücke ab.

Das Beste an Tatort: Die chinesische Prinzessin, dem neuen Fall aus Münster, ist die Idee, dem pingeligen Professor Boerne (Jan Josef Liefers) die Kontrolle aus der Hand zu reißen. Außer Gefecht gesetzt, muss er von seinem hohen Ross absteigen, sodass Liefers die dauerbelustigende Karikatur zur Abwechslung mit etwas Menschlichkeit abrunden kann. Darüber hinaus bietet der garantierte Quoten-Hit von Regisseur Lars Jessen (Fraktus) und Autor Orkun Ertener (KDD – Kriminaldauerdienst) bemüht wirkende Versuche, den Tatort bloß nicht zu ernst aussehen zu lassen und eine knapp 90-minütige Wanderung durch so gut wie alle Gemeinplätze, die einem zur chinesischen Kultur einfallen.

Lokalkolorit: Wer eine Idee für ein neues Trinkspiel braucht, kann jedes Mal einen Kurzen kippen, wenn jemand in Tatort – Die chinesische Prinzessin seitlich von einem mysteriösen roten Licht angestrahlt wird, das die orientalisch angehauchte Angespanntheit der Situation markieren soll. Das ist zumindest meine Deutung ausgehend vom versierten Umgang mit Klischees in diesem Tatort. Vielleicht sollten aber auch Scully und Mulder Münster mal einen Besuch abstatten.

Plot: In einem Wald bei Münster wird ein Mann erschossen. Wenig später wird Boerne neben der Leiche der chinesischen Künstlerin und Aktivistin Songma gefunden, Koks im Blut und eine Ermittlung wegen Mordverdacht in Aussicht. Eigentlich wollte Boerne, so wie es sich für ihn gehört, die Dame in der Pathologie verführen. Stattdessen gerät er in ein Komplott, in dass die Triaden, der chinesische Geheimdienst und so manch andere zwielichtige Gestalt verwickelt sind. Durch das Gewirr an Verschwörungstheorien kämpft sich Thiel, um seinen Kollegen zu entlasten sowie uns durch seinen möglichen One Night Stand mit Kollegin Krusenstein vom Ernst der Lage abzulenken. Bleiben wir optimistisch: Wenigstens wurde kein lustiger chinesischer Sidekick eingebaut.

Unterhaltung: Wer bisherige Münster-Tatorte lustig findet, wird auch über diesen hier lachen. Statt einer detailierten Analyse des Unterhaltunsfaktors folgt deshalb eine Aufzählung der wahlweise auf Asien im allgemeinen oder China im besonderen maßgeschneiderten Stereotype, die der Krimi aus der Mottenkiste holt und teilweise zum Wohle des Witzes bis zum Erbrechen durchkaut: Chinesische Namen sind schwer auszusprechen; Chinesen sehen alle gleich aus; Chinesen lieben Feuerwerk; Chinesen essen alles, was sich bewegt; die Gelbe Gefahr ist dank der Unterwanderung durch Geheimdienst und Triaden so lebendig wie eh und je; und die Dragon Lady – fangen wir gar nicht erst von der Dragon Lady an… Der Münsteraner Tatort lebt von der Überzeichnung. Aber muss sie so plump und unlustig sein?

Tiefgang: Beim Verwerten nicht mehr ganz so tagesaktueller Schlagzeilen hat Tatort – Die chinesische Prinzessin offenbar die Uiguren-Karte gezogen. Der Konflikt um die chinesische Provinz Xinjiang und seine internationalen Auswirkungen bietet genügend Zündstoff für dutzende Krimiplots, doch die Münsteraner können sich hier auf keinen so richtig einlassen. Irgendwie ist das Schicksal von Künstlern und Dissidenten interessant, irgendwie aber auch die Einflussnahme der Volksrepublik über ihre Landesgrenzen hinweg und irgendwie auch der Schmuggel von Kulturgütern. Dass es den Mordverdacht um Boerne aus der Welt zu schaffen gilt, entlastet die wie erwartet stets oberflächlich bleibende Story nicht. Dabei gehören die Szenen zwischen dem gebeutelten Prof und seiner Assistentin Haller/Alberich zu den bewegenderen im dauergrinsenden Münsteraner Krimiland.

Mord des Sonntags: Mit aufgeschnittener Kehle liegt die Leiche praktischerweise in der Pathologie.

Zitat des Sonntags: “Was ist daran jetzt so irsinnig komisch?”

Ein Münsteraner Tatort, der sein Potenzial verspielt, war das oder was meint ihr?

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