Skandalfilm im Kino: Der Goldene Handschuh ist extrem eklig, aber das ist es wert

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© Warner Bros.
Der Goldene Handschuh
22.02.2019 - 09:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Seit gestern läuft der umstrittene Serienkillerfilm Der goldene Handschuh in den deutschen Kinos. Lest hier, warum sich der brutale Film nach wahren Begebenheiten lohnt.

Kaum wieder zu erkennen ist Jonas Dassler in Der goldene Handschuh. Dassler spielt in dem neuen Film von Fatih Akin (Gegen die Wand) den realen Serienmörder Fritz Honka, der in den 70er Jahren mehrere Frauen umbrachte. Die Reaktion der Kritik auf den Berlinale-Film war extrem. Es hagelte Verrisse ob der Brutalität und Aussichtslosigkeit des Films. Regisseur Akin wurde mancherorts das Ende seiner Karriere prophezeit. Aber warum spaltet Der goldene Handschuh dermaßen? Seit gestern läuft der Film im Kino. Lest hier, warum Der goldene Handschuh so viel Staub aufwirbelt - und warum sich der Kinobesuch lohnt.

Worum geht es in Der goldene Handschuh?

Fritz Honka, Flüchtling aus der DDR, arbeitet in Hamburg in einer Werft. Sein zweites Heim ist die Spelunke Zum Goldenen Handschuh, wo man sich zu den Klängen von Heintjes "Du sollst nicht weinen" volltrunken in den Armen liegt.

Hier trifft er auch seine Opfer, meist Prostituierte, die er in seiner Dachbodenwohnung totschlägt. Ihre Leichenteile lagert Honka teilweise in seinen eigenen vier Wänden. Doch niemandem fällt das Verschwinden der Opfer auf. Sie gehören zu den Verlierern der Nachkriegsgesellschaft. (Außerdem: So verwandelt ich Jonas Dassler in den Killer)

Fritz Honka gab es wirklich. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, die von Heinz Strunk in dem gleichnamigen Roman verarbeitet wurde.

Warum gibt es so viel Aufregung um den Film mit Jonas Dassler?

Jonas Dassler in Der goldene Handschuh

Seine Premiere feierte Der goldene Handschuh bei der Berlinale. Die Kritiken waren nicht durchweg negativ, doch der Film polarisierte wie kein anderer im Wettbewerb. Das ist auf die ausgeprägten Gewaltdarstellungen zurückzuführen. Die Gewalt richtet sich in Der goldene Handschuh meist gegen Frauen und obwohl Akin beileibe keinen Splatter-Film gedreht hat, besteht der Film aus langen Szenen sexueller Erniedrigung, Vergewaltigung und der Mordversuche Honkas.

So kam es zu Vorwürfen der Frauenfeindlichkeit (Time Magazine ), Verliebtheit in die eigene Gewalt und Vergleichen mit Uwe Boll (Indie Wire ). Als Skandalfilm der Berlinale wurde der Film gar bezeichnet (Quotenmeter ). "Die gute Nachricht ist", schrieb Kritiker Jordan Cronk bei Twitter , "dass Der goldene Handschuh endlich Fatih Akins Karriere killen könnte."

Was erwartet euch in Der goldene Handschuh?

Einmal mit der Zunge über Pinkellachen und erbrochene Bockwurststückchen auf der Reeperbahn fahren und ihr habt einen Vorgeschmack davon, wie sich Der goldene Handschuh anfühlt.

Der goldene Handschuh

Tatsächlich ist Der goldene Handschuh einer der brutalsten deutschen Filme eines großen Verleihs aus den letzten Jahren. Und das obwohl die blutigsten Szenen außerhalb des Bildes stattfinden. Ein differenziertes Psychogramm eines Serienmörders wie in Der Totmacher solltet ihr nicht erwarten. Fritz Honkas Vergangenheit wird kaum ergründet und auch der Blick auf die Hamburger Gesellschaft ist begrenzt - begrenzter als im Roman von Heinz Strunk.

Honka wird wie in Henry: Portrait of a Serial Killer durch seinen mörderischen Alltag charakterisiert. Anders als die Killer in The House that Jack Built, American Psycho oder Mann beißt Hund folgt Honka keiner Philosophie und versteht seine Taten nicht als Zeichen für ... irgendwas.

So entwickelt sich in Der goldene Handschuh eine erdrückende Atmosphäre triebgesteuerter Brutalität, die mit dem trockenen Humor der Buchvorlage aufgeweicht wird.

Warum sich Der goldene Handschuh trotzdem lohnt

Lasst euch von der Kontroverse nicht abschrecken! Der goldene Handschuh ist Fatih Akins interessantester Kinofilm seit Langem, gerade weil seine Perspektive so stark auf das Trinkermilieu der Reeperbahn begrenzt ist.

Die detailgenaue Auferstehung dieses Milieus beeindruckt ebenso wie die Konsequenz, mit der uns Honkas Perspektive aufgezwungen wird. Es gibt keine rettenden Lichtgestalten in diesem Film, keine Polizisten oder Hobby-Detektive, die uns zwischen den Mordszenen aufatmen lassen.

Der goldene Handschuh

Der goldene Handschuh strotzt vor Liebe zu seinen gescheiterten Existenzen. Das Hamburger Trinkermilieu mit seinen verlorenen Seelen entwickelt sich nach dem Roman von Heinz Strunk zum Biotop von Charakterköpfen. Hinter jedem Äderchen in den aufgedunsenen Gesichtern versteckt sich eine (deutsche) Geschichte.

Dadurch generiert die vermeintlich sinnlose Mördergeschichte erstaunlich viel Empathie für die skurrilen Trinker und vor allem die weiblichen Opfer Honkas, welche von Polizei und Presse ignoriert wurden. Sie waren keine "wichtigen" Opfer und in Fatih Akins Film wird ihnen der Wert ihres Menschseins zugestanden.

Nicht zuletzt gab es lange keinen Film mehr, der sich so effektiv als Werbespot gegen den Alkoholmissbrauch gibt. Nach Der goldene Handschuh sorgt jede Flasche Korn im Umkreis von 10 Metern für einen Brechreiz. Wenn das keine attraktive Empfehlung ist!

Werdet ihr euch Der goldene Handschuh im Kino ansehen?

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