She Said-Regisseurin Maria Schrader über den Fall Weinstein, Vergewaltigungsszenen und "Komplizenschaft" deutscher Fernsehsender

Maria Schrader (Mitte) führte bei She Said Regie
Universal / Christine Fenzl
Maria Schrader (Mitte) führte bei She Said Regie
09.12.2022 - 10:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Mit She Said verfilmte Maria Schrader den größten Hollywood-Skandal unserer Zeit. Im Interview verrät sie, was der Film bewusst nicht zeigt – und warum Übergriffe nicht nur in den USA ein Problem sind.

Für die Netflix-Serie Unorthodox bekam sie eine Emmy, mit ihrer Sci-Fi-Liebesgeschichte Ich bin dein Mensch gewann Maria Schrader den wichtigsten deutschen Filmpreis. Doch keins ihrer bisherigen Projekte ist so ambitioniert wie She Said, der seit dem 8. Dezember 2022 in deutschen Kinos läuft. Die Adaption des gleichnamigen Bestsellers arbeitet auf, wie die Journalistinnen Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan) mit einem Artikel den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein zu Fall brachten. Ein Skandal, der die Filmbranche in ihren Grundfesten erschütterte.

She Said ist ein auf gleich mehreren Ebenen wichtiger Film, der neben der harten Arbeit der Journalistinnen vor allem den unfassbaren Mut der Frauen herausstellt, die sich trauten, ihre traumatischen Erfahrungen mit Weinstein öffentlich zu machen. Der Produzent hatte über Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell belästigt und angegriffen. 2020 wurde er deswegen zu über 20 Jahren Haft verurteilt.

Wir haben mit Maria Schrader darüber gesprochen, warum nicht nur Hollywood ein Problem mit sexueller Gewalt und Machtmissbrauch hat und wieso der Film für die Regisseurin ein persönliches Anliegen ist.

Maria Schrader zeigt in She Said keine einzige Vergewaltigungsszene – und das hat einen guten Grund

She Said - Trailer (Deutsch) HD
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Moviepilot: Hast du vor dem Start der Dreharbeiten besonderen Druck verspürt, diesem schwierigen Thema gerecht werden zu müssen?

Maria Schrader: Ja, und auch der Tatsache, dass jeder von dieser Geschichte weiß. Es gab Dinge, über die wir uns in der Vorbereitung Gedanken gemacht haben, die Entscheidungen, was erzählt wird und wie es erzählt wird, ich bin ja auch nicht allein. Es ist insgesamt ein sehr kollaboratives Projekt gewesen, und es herrscht Einigkeit zwischen der Produzentin, der Drehbuchautorin, den beiden Journalistinnen, auf deren Buch der Film basiert, und mir.

Es wird keine Vergewaltigungsszene geben. Wir werden kein Opfer an einem Tatort zeigen. Und es wird auch keine nackte Frau zu sehen sein. Das waren die drei “Neins”, an die wir uns von vornherein halten wollten. Ich habe außerdem von meinen Erfahrungen bei Unorthodox profitiert, da ging es ja auch um die Kollision von Intimität und Öffentlichkeit.

Worüber hast du dir dann Sorgen gemacht?

Der Druck lag in der Verantwortung, die wir alle gespürt haben: Jede Figur, die in diesem Film vorkommt, ist eine real existierende Person, der wir gerecht werden wollten. Diese Journalistinnen haben uns anvertraut, auch die private Seite ihres Lebens mitzuerzählen, die sie aus dem Buch bewusst rausgehalten haben. Ihre Männer, ihr Zuhause. Jodie Kantors Wohnung wurde nachgebaut und zwar detailgenau. Sie haben ihre Kleiderschränke für uns aufgemacht und wir wussten, was sie an welchen Tagen getragen haben. Ihre Eheringe wurden nachgebaut. Die Namen ihrer Kinder kommen in diesem Film vor.

Auch die Zeuginnen, die sich bereit erklärt haben, uns ihre intimen und traumatisierenden Erlebnisse anzuvertrauen, haben uns einen riesigen Vertrauensvorschuss gegeben. Und die New York Times hat das erste Mal für einen Spielfilm die Tür aufgemacht und uns in ihrem Büro drehen lassen. Wir hatten 350 Statisten, die so getan haben, als seien sie Journalisten. Die Echten waren alle im Homeoffice.

Ich finde es super, wie der Film explizit keine Übergriffe zeigt und stattdessen mit Tonaufnahmen und Kamerafahrten durch Räume arbeitet. Es lief mir trotzdem eiskalt den Rücken runter und gleichzeitig dachte ich mir: Wie schön, dass ein Film nicht mal die erste Chance nutzt, eine Vergewaltigung zu zeigen. Da frage ich mich nämlich oft: Wozu brauchen wir die Bilder dazu? Wir wissen doch, was jetzt passiert.

Das glaube ich auch. Man sieht diese Menschen erzählen, man sieht ihre Gesichter, ihre Emotionen, die Journalistinnen, die ihnen zuhören. Wir erleben ein Gespräch mit, während in unseren eigenen Köpfen Bilder entstehen und ganz unterschiedlich aussehen können. Ich glaube an die persönliche Imagination, an die individuelle Visualisierung von dem, was erzählt und nicht gezeigt wird. Das muss keine weniger große Kraft haben als ein Abbild.

Bei den Weinstein-Enthüllungen verschwimmt die Grenze zwischen beruflicher Recherche und Privatleben

Maria Schrader am Set von She Said in New York

Ihr habt She Said in New York bei einem Filmfestival gezeigt und du hast auf dem Roten Teppich in einem Interview gesagt, dass der Film sich für dich nach etwas Persönlichem anfühle. Inwiefern?

Wenn ich das so höre, klingt das schon ein bisschen abgeschmackt. Wie ein Klischee. [lacht]

Es ist nicht abgeschmackt, wenn es wahr ist.

Es ist wahr. Ich weiß von keiner Frau, die nicht selbst Erlebnisse hatte, an die sie von diesem Film wieder erinnert wird, und sei es auch nur eine kleine Situation, die mit Sexismus und Einschüchterung zu tun hatte. Wir haben da wahrscheinlich alle biografische Erlebnisse, auch ich. Und insofern hat der Film auch für mich etwas Persönliches. Es existiert eine breite Skala, die von unangenehmen Situationen über Belästigung zu Gewaltverbrechen reicht. Die Abstufungen und vormals Graubereiche werden neu definiert und das finde ich auch richtig. Allein, dass es sexuelle Belästigung als Begriff gibt … Das nannte sich jahrhundertelang "Kavaliersdelikt"!

Allein darin unterscheidet sich das Thema schon von einem Film wie Die Unbestechlichen: Das, was Jodi und Megan von Zeuginnen anvertraut wurde, waren so intime und persönliche Geschichten, die haben ein Echo im Privatleben, das lässt du ja nicht einfach in der Redaktion und machst dann Feierabend. Du kommst nach Hause, guckst dir deine neugeborene Tochter an und fragst dich: Wie sieht die Welt eigentlich in 20 Jahren aus? Was passiert, wenn ich das alles erfahre und nicht veröffentlichen kann? Oder noch schlimmer: Was, wenn sich niemand dafür interessiert?

Ich habe mich während des Films immer gefragt: Wenn ich in der Position der betroffenen Frauen aus dem Film wäre, hätte ich das öffentlich gemacht und meine Karriere riskiert? Wäre ich so mutig gewesen?

Es ist schön, dass du das sagst, weil so empfinde ich das auch. Man stellt sich zwingend diese Fragen. Ein Freund von mir hat gesagt, dass er es schön findet, wie mit Tränen im Film umgegangen wird. Es sind oft Erleichterungstränen, weil man sich zwar an schreckliche Erlebnissen erinnert, aber gleichzeitig froh ist, das mit jemandem teilen zu können. Wir alle wissen, dass viele Geschichten unveröffentlicht geblieben sind. Wie viele Menschen haben bis heute nicht über das gesprochen, was ihnen passiert ist? Ich wünsche mir, dass der Film ermutigend ist. Alles ist besser als Isolation und Scham.

In Deutschland gibt es "ähnliche Vorgänge und Vertuschungen" wie in Hollywood

Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan) versuchen, einen Skandal aufzudecken

Es gab 2018 diese Vorwürfe gegen Dieter Wedel, ein richtiger Prozess hat durch seinen Tod dann nie stattgefunden. Aber insgesamt hatte ich das Gefühl, dass diese filmbranchenbezogene MeToo-Welle in Deutschland selbst gar nicht so wahnsinnig groß war. Sind die Strukturen hier einfach anders? Gibt es diese allmächtigen Produzenten einfach nicht?

Vielleicht hätte man Bernd Eichinger als mächtigen Produzenten bezeichnen können, aber das war ein ganz anderer Mensch als Weinstein. Du hast recht, so monolithische Herrscher oder Studiobosse gibt es in Deutschland nicht. Was die Zeit aber damals über Wedel aufgedeckt hat, war wirklich auch schockierend. Auch, wie lange es gebraucht hat, dass dieser Prozess überhaupt in Gang gekommen wäre. Auch da konnte man ja über Komplizenschaft von Fernsehsendern lesen, das sind ähnliche Vorgänge und Vertuschungen.

Glaubst du, es hatte irgendeinen Einfluss, dass du als deutsche Regisseurin mit einer größeren Distanz auf das Thema Weinstein blicken kannst als jemand, der vielleicht schon mal mit Leuten wie ihm zusammengearbeitet hat?

Ich glaube, dass ich vor allem wegen Unorthodox das Angebot bekommen habe, diesen Film zu machen. Gleichzeitig hat es aber dem Geist dieses Projekts entsprochen, dass ich maximal entfernt war von Hollywood und von Harvey Weinstein. Er ist ja eine fast symbolische Figur und es gibt einige Momente im Film, die über diese spezifische Recherche hinausragen und das Thema vergrößern zu: Woher kommt das eigentlich? Wie ist das gesellschaftlich verankert? Wie viele dieser Geschichten existieren, in wie vielen anderen Arbeitswelten, und wie viele weniger mächtige Personen missbrauchen ihre Position und die Abhängigkeit von Angestellten?

Ich glaube, dass fast alle, die Karriere in Hollywood gemacht haben, früher oder später Weinstein begegnet sind. Ich war zumindest frei vom Zweifel der Befangenheit, weil ich mit dem Mann nie irgendwas zu tun gehabt habe.

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Was meint ihr: Hat die deutsche Filmbranche ähnliche Probleme von Machtmissbrauch wie Hollywood?

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