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Aufreger der Woche

Schwer verlogen statt Schwer verliebt

03.12.2011 - 08:00 Uhr
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Bei aller Liebe...
© Sat.1/moviepilot
Bei aller Liebe...
Es gibt Phasen, da wird die Option, den Fernseher einfach aus dem Fenster zu werfen, immer verführerischer. Da der jedoch Geld gekostet hat, rege ich mich lieber über das ärgerliche Programm auf und lasse das Gerät an seinem Platz stehen.

Der Ärger brodelt schon seit Wochen, jetzt ist der Moment, den Vulkan ausbrechen zu lassen, denn was uns auf Sat.1 sonntäglich vorgesetzt wird, lässt höchstwahrscheinlich nicht nur mich fassungslos zurück.

Die Kuppelshow Schwer verliebt ist der diesmalige Aufreger der Woche, denn Sat.1 hat die Schraube damit deutlich überdreht.

Die Suche nach dem (Un)Glück
Liebe ist nicht nur ein seltsames Spiel, sondern ganz offensichtlich auch quotenträchtig. Dass die TV-Nation dabei viel lieber Menschen auf der Suche nach dem großen Glück zuguckt, die irgendwo zwischen liebenswert skurril und herzig naiv liegen, hat der Sender RTL zuerst erkannt. Bauer sucht Frau und Schwiegertochter gesucht sind bis heute Erfolgsformate. Überwiegend einfache Menschen suchen dort einen Lebenspartner, und von Zeit zu Zeit finden die einsamen Herzen auch zueienander, so wie im Fall von Josef und Narumol, die sich bei Bauer sucht Frau kennenlernten, mittlerweile verheiratet sind und gemeinsam ein Kind haben. Wie rührend.

Nicht selten sehen sich diese Formate aber dem Vorwurf ausgesetzt, Menschen vorzuführen. Während die RTL-Sendungen sich da noch, wohlwollend betrachtet, in einer moralischen Grauzone befinden, hat die Sat.1-Kopie Schwer verliebt den Bogen mehr als überspannt. Kandidatin Sarah erhebt Fake-Vorwürfe und setzt sich mit Hilfe der Rhein-Zeitung auf ihrer Internetseite zur Wehr.

Betrug und Bereicherung
Die Regalservicekraft behauptet, dass es sich mitnichten um Reality-TV handelt, sondern nach Drehbuch agiert wurde. Sie selber soll dabei bewusst bloßgestellt worden sein. Sat.1 bestreitet das selbstredend. Was beim Unterföhringer Sender aber offensichtlich niemanden kratzt, ist, dass bei der Jagd nach einer vergleichbarer Quote wie die der Kuppelformate, die RTL im Programm hat, keine Rücksicht auf Verluste genommen wird. Sarah ist offensichtlich nicht dazu befähigt, Entscheidungen solcher Reichweite zu treffen.

Es muss sogar die Frage erlaubt sein, ob sie ihr Leben ohne Hilfestellung adäquat bewältigen kann. Sat.1 nutzt diesen Mangel an intellektuellen Fähigkeiten schamlos aus, um sich daran zu bereichern – und verringert damit automatisch die Hemmschwelle für künftige Produktionen. Es ist eine Sache, naive Eigenbrötler vom Lande humoristisch bei der Partnersuche zu filmen, jedoch eine andere, sich über benachteiligte Personen lustig zu machen.

Quotengaffen
Das Fernsehkarrussel der Extreme dreht sich immer schneller. Die relativ beschauliche RTL-Sendung Bauer sucht Frau gibt sich mittlerweile auch nicht mehr damit zufrieden, unbeholfenen Landwirte in ihrer natürlichen Umgebung mit dem für sie unnatürlichen anderen Geschlecht zu konfrontieren. In der laufenden Staffel musste es schon ein Bauer sein, der durch einen Leistenbruch einen völlig deformierten Schritt hat. Gruselkabinett auf Kosten der Kandidaten. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Behinderter sucht Braut über die Mattscheibe flimmert, moderne Freakshows, die unberücksichtigt lassen, dass es sich um Menschen mit Gefühlen handelt, keine Objekte zum Angaffen.

Was Sat.1 hier auf uns losgelassen hat, ist nicht weniger als Missbrauch an denjenigen, die statt Häme und Lachern Hilfe und Mitgefühl bräuchten. Selbst wenn sich die Vorwürfe, dass vieles gestellt ist, als unzutreffend herausstellen würden – aber mal ehrlich: Wer glaubt schon daran, dass da alles mit rechten Dingen zugeht? -, ist der Schaden, den Sat.1 damit angerichtet hat, trotzdem riesig. Schwer verliebt hat die Grenze des Trash-TV überschritten. Es gilt zu hoffen, dass dies nicht zur Regel und zum dauerhaften Aufreger der Woche wird.

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