Sacha Baron Cohen bei Netflix: The Spy verspielt viel Potential

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Redakteur bei Moviepilot. Hat (fast) alles, was er im Leben wirklich braucht, von Star Trek gelernt. Lässt sich am liebsten von Hitchcock thrillen und von alten Horrorfilmen gruseln.

Dass Gideon Raff, Schöpfer des Homeland-Vorbilds Hatufim, mit The Spy eine Netflix-Miniserie mit Borat-Darsteller Sacha Baron Cohen in der Hauptrolle inszeniert, ist weniger abwegig als es zunächst den Anschein hat. Schließlich basiert die Serie auf der Lebensgeschichte des Mossad-Spions Eli Cohen, und wer würde sich besser damit auskennen, eine fremde Identität anzunehmen als Baron Cohen?

Eli Coen, israelischer Volksheld

Wie Sacha Baron Cohen als Borat, Brüno und viele weitere stürzte sich auch Eli Cohen mit Haut und Haar auf seine Rolle: Als israelischer Spion brachte er es in den 60er-Jahren zum leitenden Berater des syrischen Verteidigungsministers und verhalf Israel so maßgeblich zum Erfolg im Sechstagekrieg.

Im Gegensatz zu möglichen Konsequenzen einer Demaskierung Sachas hatte die Enttarnung Elis allerdings schwerwiegende Folgen, denn er wurde 1965 in der syrischen Hauptstadt Damaskus öffentlich hingerichtet.

Eli Cohens Mission und ihr Ende bieten also eigentlich eine ideale Ausgangslage, um ein Spionagedrama zu erzählen, das die Beweggründe, Zweifel und Zwänge eines "echten" Protagonisten eingehend untersucht, anstatt auf ausgetretenen 007-Pfaden zu wandeln.

Bei The Spy ist alles offensichtlich

Zumindest die ersten drei von sechs Folgen von The Spy begnügen sich aber damit, ihre Spionage-Handlung hauptsächlich mit Agenten-Klischees zu füllen und Eli Cohen kaum mehr Tiefe zu verleihen als der Trailer.

Gerahmt wird die 1. Folge von Cohens letzten Stunden vor seiner Hinrichtung. Überdeutlich werden hier die beiden großen Themen von The Spy vorgestellt: Identitätsverlust ("Du weißt nicht mehr, wer du bist", sagt der Rabbi zu Cohen, als dieser seinen Abschiedsbrief an seine Frau nicht unterschreiben kann) und Überambitioniertheit (neben dem Brief liegt eine tote Motte, nachdem Cohen im Flashback zuvor eine lebendige fasziniert beobachtet, die um eine Laterne surrt).

Eli Cohen ist nicht zu fassen

Zwar wird Cohens mangelnde Akzeptanz in Israel als aus Ägypten stammender Jude als große Triebfeder seines Eifers bei der Agententätigkeit genannt. Ansonsten kommen wir ihm aber jenseits der bereits erwähnten Schlagworte wenig nahe.

Äußerlich erinnert er mit seiner Statur, seinem Schnurrbart, seinem tapsigen Lächeln und seinem Akzent teilweise irritierend an Borat. Sacha Baron Cohen spielt ihn aber jenseits seiner Interaktionen mit seinen Zielpersonen schüchtern-zurückhaltend, fast verloren in dieser für ihn neuen Welt der Spionage.

Diese Zielpersonen bei seinem Auftrag, gegen Israel gerichtete syrische Militärpläne zu erfahren, wickelt er hingegen durch forsches Auftreten und überdeutlich zur Schau gestellten Reichtum um den Finger, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt. Darin scheint er ein Naturtalent zu sein, denn eine andere Erklärung als sein Drang, es allen zu beweisen, gibt es nicht.

Gut abgehangene Spionage-Klischees

Die Spionage-Handlung der ersten drei Folgen besteht hauptsächlich aus Agenten-Klischees: Seine Blitz-Ausbildung unter Dan Peleg (den Noah Emmerich ähnlich besorgt wie Stan Beeman in The Americans spielt, nur mit Akzent) wird in einer ebenso flotten wie altmodischen Montage abgehandelt.

Bei seinem ersten Einsatz in Argentinien muss sich Cohen tatsächlich in einer Ecke verstecken, trotzdem führt seine Übereifrigkeit zu einer Verfolgungsjagd mit Todesfall. Die Einreise nach Syrien wird durch eine Standard-Suspense-Situation mit den Grenzposten erschwert (mit im Koffer: explodierende Seife!).

Mag sein, dass sich all das genau so zugetragen hat. Raff macht aber kaum deutlich, warum er nun gerade diese wahre Spionage-Geschichte adaptieren musste, wenn sich The Spy doch hauptsächlich auf Standards verlässt. Auch das zurückhaltende Spiel Sacha Baron Cohens steht zwar im Kontrast zu seinen sonstigen Darbietungen, ist aber für sich genommen eben "nur" zurückhaltendes Spiel.

Spiegel, Abendbrot und Butterdosen

Sparsam wird auch die Serie selbst über große Strecken inszeniert. Wenn doch einmal die Gefühlswelt der Figuren bebildert wird, dann wie in der Motten-Szene ohne jede Beherrschung:

Als Cohen zum ersten Mal in seinen Dienst-Anzug schlüpft und dadurch auch eine andere Identität annimmt, steht er zunächst in Unterwäsche vor der einen Tür eines Spiegelschrankes, neu eingekleidet dann vor der anderen: Huch, ein neuer Mensch!

Wenn Cohen und seine Frau ihr Abendbrot zu sich nehmen, sie daheim in Israel, er im Einsatz im Ausland, genügt es nicht, ihre gegensätzlichen Situationen abwechselnd gegeneinanderzuscheiden. Nein, sie müssen auch noch per Splitscreen kontrastiert werden.

Beim Essen fällt allerdings auch auf: So häufig wie in The Spy werden selten große Butterdosen aus dem Kühlschrank genommen, demonstrativ auf den Küchentisch gestellt und der Inhalt dann tatsächlich zum beherzten Brotschmieren benutzt.

The Spy fehlt Eli Cohens Ambition

Abgesehen davon ist The Spy dann letztendlich ähnlich eigenschaftslos und imitationsfreudig wie seine Hauptfigur. Doch während das bei einem Spion zum Handwerkszeug gehört und ihn zum Erfolg führt, hat es eine Serie ohne besondere Merkmale schwer.

Vielleicht holt The Spy in den letzten drei Folgen ja noch zum großen Wurf aus und verblüfft mit völlig neuen Einsichten ins Spionage-Metier, dessen Auswirkungen auf Beziehungen und Länder-Schicksale. Die erste Hälfte wird das aber auch nicht mehr zu etwas Besonderem machen.

Die 1. Staffel von The Spy umfasst 6 Episoden, die am 06.09.2019 bei Netflix veröffentlicht wurden. Als Grundlage für diesen Serien-Check dienten die ersten drei Folgen.

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