Making a Murderer – Es geht nicht um Schuld oder Unschuld

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Making a Murderer
16.01.2016 - 09:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Innerhalb des True Crime-Genres ist Moira Demos und Laura Ricciardi mit Making a Murderer Großartiges gelungen. Ein Plädoyer für die Unschuld des Verurteilten ist ihre Serie deshalb mitnichten. Das Internet diskutiert darüber allerdings mit einer beachtlichen Inbrunst.

Allein, um sich durch die Übersicht aller Unterforen bei reddit zum Schlagwort Making a Murderer zu klicken, braucht es einige Minuten. Die Threads heißen Why would he just leave the bones out in broad daylight for anyone to find?  und Ten Fan Theories About Making a Murderer . Es gibt hunderte dieser Art. Unter manchen stehen über 1000 Kommentare. Der Traffic ist enorm, denn Making a Murderer ist eines dieser Internet-Wespennester, das, einmal angestupst, kaum wieder zur Besinnung kommt. Warum auch? Empörend, kontrovers, ambivalent, spannend, faszinierend, morbide, erschreckend sind Making a Murderer und sein filmischer Gegenstand. Ein gefundenes Fressen für das wahrheitssuchende, rotwangig klickende und tippende Investigativ-Kommando des Internets und dessen Neigung, Unstimmigkeiten und Mythen bis ins kleinste Detail auszudiskutieren.

Seien es solche, ob Nicki Minaj sich hat Silikonpolster in den Hintern einpflanzen lassen, oder eben die kleinen Fragen, die zu großen Antworten führen. Denn Unstimmigkeiten, davon gibt es viele im Fall Steven Avery. Er könnte zum großen Mythos des Internets werden. Zum Märtyrer der Gerechtigkeit, einer der sich aufopferte für die große Sache: Ein gerechtes, ausgewogenes, dem Wahrheitsanspruch gegenüber demütiges, dem menschlichen Irrtum gegenüber weniger anfälliges Justizsystem für die USA. Steven Avery ist einer, der gekreuzigt wurde, ohne schuldig gewesen zu sein, einer, der durch sein Opfer das Schlechte im Menschen nach Außen kehrte. Eine moderne Passion Christi zeigt der True Crime-Dokumentarfilm Making a Murderer, bei dem es genauso wenig um Schuld oder Unschuld geht, sondern eher um die Suche danach durch Behörden und Anwälte. Jetzt ist eben das Internet an der Reihe.

Der Fall Steven Avery

Im Jahr 1985 wird Steven Avery der Vergewaltigung bezichtigt und dafür schließlich verurteilt. 18 Jahre, ein Teenager-Leben, sitzt er im Gefängnis, als ein DNA-Test seine Unschuld belegt, die er jahrelang lediglich behaupten konnte. 2003 wird Avery aus der Haft entlassen, Verfahrensfehler werden aufgedeckt, Korruptionsvorwürfe hallen durch die Justiz von Manitowoc County. Steven Avery verklagt die Gemeinde auf 36 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Am 11. November 2005 wird Steven Avery dann erneut festgenommen. Diesmal soll er die Fotografin Teresa Halbach ermordet haben, wieder beteuert er seine Unschuld. Und von diesem Moment an geht es um die Kleinigkeiten, die Unstimmigkeiten, die Indizien, die, so sollte es eigentlich sein, zusammengesetzt ein Puzzle der Wahrheit ergeben und ergo über Schuld und Unschuld des Angeklagten entscheiden. Aber was dem amerikanischen Justiz-System in der Folge nicht gelingt, das schaffen die Dokumentar-Filmerinnen Moira Demos und Laura Ricciardi.

Moira Demos und Laura Ricciardi

Die hätten auch einen White-Trash-Porno drehen können, ein sensationsheischendes Gemenge aus Honey Boo Boo, World's Wildest Police Videos, Autopsie - Mysteriöse Todesfälle und Barbara Salesch. Der Avery-Clan wohnt auf einem Ludolf-Schrottplatz. Das sind Leute, die ihren Feierabend mit Jagen verbringen, die im Gerichtssaal Latzhosen und weite Blümchenblusen tragen, in deren winzigen Trailer-Wohnzimmern Geweihe und die US-Flagge wie Film-Poster hängen, Leute, die sich präventiv abschotten, bevor es die anderen tun. Nicht wenige Sender und Filmemacher hätten sich einen Spaß daraus gemacht, eine Inszenierung. Demos und Ricciardi inszenieren nicht, sie arrangieren. Ihre Sachlichkeit ist bemerkenswert und ein hingebungsvolles Geschenk an den Zuschauer, der das Rätseln beginnt.

Das Wichtigste an der Kunst der Detektivarbeit ist die Fähigkeit, in einer Menge an Fakten die zu erkennen, die beiläufig erscheinen und entscheidend sind. Am Ende sind die kleinen Dinge die wichtigsten. (Sherlock Holmes via Arthur Conan Doyle)

Sie erheben mit ihrem Reality-Epos Making a Murderer den Zuschauer ins Amt des 13. Geschworenen. Die mehr als zehn-stündige, vortrefflich recherchierte Doku stößt die Wahrheitssuche an. Aber ein Reality-Whodunit ? Nein. "Wir nennen es lieber einen How-dunit . Wir dokumentieren einen Prozess, das ist Gerechtigkeit: Ein Prozess." Also wie, nicht wer. Die Autorinnen selber gehen derart elaboriert und sortiert an den Prozess des Aufarbeitens, dass dem Zuschauer am Ende zwei Möglichkeiten bleiben.

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