Der versaute Trash- und Skandal-König: Zum Glück haben wir John Waters mit 80 Jahren noch

05.06.2026 - 12:15 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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John Waters in Chuckys Baby
Constantin
John Waters in Chuckys Baby
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Die Welt wirkt derzeit alles andere als berauschend. Es gibt aber einen Lichtblick: John Waters, der Papst des unguten Geschmacks, ist uns erhalten geblieben. Er wurde kürzlich 80.

Das Kritisieren amerikanischer Kultur ist eine Kunst, die man wie David Lynch mit einem wundervoll verzierten Design-Skalpell, oder wie sein Jahrgangskollege John Waters mit einem ranzigen Vorschlaghammer angehen kann. Beide Methoden haben ihren Platz. Und währen wir Lynch leider im letzten Jahr verloren haben, wirkt der flamboyante Fürst des furchtbaren Geschmacks auch im diesjährigen Pride-Monat nach wie vor unter uns. Am 22. April dieses Jahres feierte er seinen 80. Geburtstag.

Filmemacher John Waters: Der Schutzpatron von Trash und Perversion

Waters startete seine Produktionsfirma Dreamland Productions mit anderen Außenseiter:innen aus den Suburbs von Baltimore, mit denen er zum eigenen Amüsement schmuddelige Filme an der Grenze zum guten Geschmack drehte. Im Rahmen der sogenannten Midnight Movies erlangten Titel wie Multiple Maniacs, Pink Flamingos und Female Trouble jedoch unverhofft große Aufmerksamkeit als transgressive Counter-Culture-Kunstwerke. Keine Perversion war zu groß, kein Tabuthema zu heikel, keine Performance zu unsubtil. Beim Auftritt in der Late Night-Show von Letterman erklärte er 1982:

Ich finde den Humor in all den schrecklichen Dingen in Amerika und den Dingen, die den Menschen Angst machen. Aber der erste Schritt, um Angst loszuwerden, ist zu lachen.

Die obszöne Dragqueen Divine (heute unter anderem berühmt als Vorlage für Disney-Schurkin Ursula aus Arielle, die Meerjungfrau) machte John Waters zu einem unwahrscheinlichen Superstar. Immer mit sehr viel Liebe für seine queeren, kriminellen, grotesken Charaktere, aber niemals ängstlich davor, sie so monströs darzustellen, wie sie in den Augen von Mainstream-Amerika ohnehin wahrgenommen werden. Das Kredo "Be gay, do crime" war damals noch mehr als nur ein edgy Slogan.

In seinem Freakshow-gleichen Meisterwerk Pink Flamingos spielt Divine etwa die Trailerpark-Königin Babs Johnson: die "schmutzigste Person der Welt". Ein Titel, den ihr das versaute Ehepaar Marble (Dauer-Dreamlander David Lochary und Mink Stole) streitig machen will. Ein erbitterter Kampf um die Krone der Degenerierten beginnt. Hühner werden sodomiert, Polizisten kannibalisiert und die letzte Szene zeigt Divine notorischerweise, wie sie (unsimuliert) mit einem Lächeln im Gesicht ein frisches Stück Hundekot verzehrt. Treten sie näher, Ladies and Gentlemen!

Fast noch denkwürdiger als seine grenzüberschreitenden, zum Schreien komischen Filme, sind die unzähligen zitierbaren Kommentare aus dem Bleistiftschnurrbart-verzierten Mund des renommierten Berufshomosexuellen alten Schlags. So war John Waters auch stets ein Trash-Philosoph:

Für mich ist schlechter Geschmack das A und O der Unterhaltung. Wenn sich jemand beim Anschauen eines meiner Filme übergibt, ist das wie eine Standing Ovation. Man darf aber nicht vergessen, dass es guten und schlechten schlechten Geschmack gibt. [...] Um schlechten Geschmack zu verstehen, braucht man sehr guten Geschmack.

Die größte Pointe bleibt jedoch: Trotz seiner geradezu pornographischen Bemühungen, grenzwertige Kunst am Rande der Gesellschaft zu produzierten, blieb Waters ein gewisser Mainstream-Erfolg nicht erspart.

John Waters als Hollywood-Größe: "So respektabel, dass ich kotzen könnte"

Spätestens mit der Retro-Komödie Hairspray von 1988 erzielte Waters einen unproblematischen Filmerfolg, für den man in der Videothek nicht durch einen Vorhang ins Hinterzimmer schleichen muss. Die Story spielt in den 60ern und dreht sich um Teenagerin Tracy (Ricki Lake), die bei ihrem Versuch, in eine TV-Tanzshow zu kommen, über Nacht zum Star wird und sich fortan gegen rassistische Segregation einsetzt. Divine spielte diesmal nicht den Teen (wie etwa am Anfang von Female Trouble), sondern die Mutter Edna. Eine Rolle, die im 2007er-Remake von John Travolta übernommen wurde. Darüber hinaus wurde der Stoff zum erfolgreichen Broadway-Musical.

Danach legte John Waters hochkarätig besetzte Titel wie die 50s-Teen-RomCom Cry-Baby mit Johnny Depp und die schwarzhumorige Serienkillersatire Serial Mom mit Kathleen Turner als häusliche Slasherin nach. 1997 folgte dann der ultimative Ritterschlag der Respektabilität: Waters vertonte den nach ihm designten Camp-Connoisseur John in der Simpsons-Episode Homer und gewisse Ängste aus Staffel 8 – der ersten Folge der Serie, die sich explizit mit einem schwulen Charakter befasste.

Aber auch sonst ist John Waters immer wieder für einen Cameo oder Gastauftritt zu haben. 2004 trat er erstmals in der queer angehauchten Chucky-Horrorfilmreihe (in Chucky's Baby) auf. Ein Gig, den er 2024 im Rahmen der Chucky-Serie wiederholte, wo er in einer neuen Rolle sogar zum wahnsinnigen Original-Designer der Mörderpuppe wurde. Laut Deadline  wird er außerdem noch dieses Jahr eine größere Rolle in der 13. Staffel von American Horror Story haben. Läuft nach wie vor bei ihm.

Mittlerweile ist aber auch das Frühwerk von John Waters äußerst anerkannt. Während Variety Pink Flamingos damals noch als eines der widerwärtigsten Werke der Filmgeschichte bezeichnete, wurde der Schmutzstreifen letztes Jahr vom selben Magazin auf Platz 31 der besten Komödien aller Zeiten  gewählt. Und noch "schlimmer": Der Film wurde mittlerweile sogar von der US-Kongressbibliothek archiviert. Eine Ironie des Schicksals, mit welcher der legendäre Trash-Papst aber gut umgehen kann, wie er neulich erst im Interview mit Filmkritiker Mark Kermode  offenbarte:

Ich bin so respektabel, dass ich kotzen könnte. [...] Criterion veröffentlicht [meine Filme], all die hochklassigen Auszeichnungen wurden mir gegeben, aber ich sehe das als große Ehre.

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Wie kann man John Waters-Filme heute in Deutschland ansehen?

Wer jetzt John Waters-Streifen streamen will, hat es leider nicht ganz leicht. Pink Flamingos ist sogar noch mancherorts als Skandalfilm verboten und auch sonst sieht es trübe aus, was das versaute Gesamtwerk angeht. Zwar findet man sein Schwarzweiß-Frühwerk Multiple Maniacs gratis auf Plex, die großen Meisterwerke der Jahre danach fehlen aber komplett im Stream und sogar auf dem deutschen Heimkinomarkt.

Streambar sind immerhin Hairspray, Cry-Baby, Pecker, Abgedreht und A Dirty Shame bei verschiedenen Anbietern. Darüber hinaus hat Joyn kostenlos die Dokumentation I Am Divine von 2013 im Angebot, in der Waters und Co. über ihren verstorbenen Freund und Weggefährten Harris Glenn Milstead aka Divine sprechen.

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