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Indy & Ich – Wahre Liebe gibts nur unter Männern

06.06.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Indiana Jones will den Schatz
© Paramount Pictures
Indiana Jones will den Schatz
Indiana Jones ist wohl der größte (Film-)Abenteurer aller Zeiten. Einer seiner Fans, Hanno Jones, erweist “Junior” die Ehre.

“Wir gehen jetzt! Bleib nicht zu lange auf und vor allem Finger weg vom Fernseher. Heute läuft sowieso nur Müll!”
“Ja, Mama! Versprochen!”
Die Tür schließt sich und eine halbe Minute später flimmert sie über den Bildschirm, die Zeile, die einen Großteil meiner weiteren Jugend prägen sollte, die Zeile, die meine bedingungslose Liebe zum Film entzündete, die Zeile mit den Worten: Jäger des verlorenen Schatzes.

115 Minuten und 10 abgeknabberte Fingernägel später wusste ich, womit ich den Rest meines Lebens verbringen wollte: In alten Urwaldtempeln nach Schätzen suchen, wilde Verfolgungsjagden durch den Dschungel Perus erleben, fliehend vor Horden Hovitos, die mir mein alter Erzfeind durch eine perfide Lüge auf den Hals gehetzt hat, und letzten Endes die Welt und allen voran meine Liebste aus den Händen der Nazis zu erretten.

Das Problem hierbei war nur, dass ich mit 5 Jahren weder das Geld noch die Erlaubnis meiner Eltern hatte, mal eben nach Peru zu jetten, mir ein richtiger Erzfeind (mal abgesehen von dem dicken Jungen eine Reihe vor mir, der mir immer auf dem Schulweg auflauerte, jeden Tag mit einer neuen Gemeinheit) fehlte und die Zeit der Nazis, die mir meine bis dato auch noch nicht vorhandene große Liebe entführen konnten, war auch vorbei.
Was blieb mir also übrig, als diesen einen Film immer und immer wieder, jedes Mal wenn sich die Gelegenheit bot und meine Eltern mal wieder einen stumpfsinnigen langweiligen Abend in der Oper zu verbringen gedachten, anzusehen, die selben Abenteuer neu zu erleben und so meine Liebe zu dem Mann mit Hut und Peitsche, dessen schiefes Lächeln in mir auch heute noch den Wunsch nach Abenteuern weckt, zu vertiefen.

Doch was ist das besondere an diesem Film, was ihn von allen anderen Abenteuerfilmen und Helden unterscheidet? Ist es vielleicht die Tatsache, dass er gar kein wirklicher Held ist? Ein Grabräuber, der keine Skrupel hat, sich von Kindern vor einer Barschlägerei schützen zu lassen, der um einer direkten Auseinandersetzung zu entgehen, seine Widersacher einfach niederschießt und der sein Mädchen sitzen lässt, weil er entschieden hat, dass die Jagd nach altertümlichen Relikten ihm eben mehr Spaß macht?

Nein! Es ist die Tatsache, dass Harrison Ford hier einen Archäologieprofessor spielt, der nicht nur hinterm Pult sitzt und seine Schüler mit trockenen Vorträgen langweilt, sondern einen Abenteurer, der, obgleich er zahlreiche tote Sprachen sprechen und lesen kann, was zweifellos von einer gewissen Intelligenz zeugt, nicht wie andere zu Hause sitzt, um in noch dickeren Büchern zu wälzen, sondern sich nicht zu schade ist, die direkte Konfrontation zu suchen und dabei häufig auch mal eine dicke Lippe – und mehr – zu riskieren, um sich für das einzusetzen, an das er glaubt: Seinen Sinn für Gerechtigkeit, seinen Glauben und nicht zuletzt seine Familie und Freunde.

Und das führt mich zu einem weiteren Punkt auf meiner „Warum für mich Indiana Jones die beste Filmreihe der Kinogeschichte ist“-Liste: Die zahlreichen, skurrilen Nebenpersonen, eine schräger als die andere, eine liebenswürdiger als die andere.

Allen voran ist hier natürlich Sean Connery zu nennen, der perfekt in die Rolle des Dr. Jones Sr. passt, der hinter seinem Schreibtisch „hervorentführt“ wurde und nun im Laufe der Handlung in Situationen katapultiert wird, die er sich in seinem vom Studium altertümlicher Sagen und Schriften bestimmten Leben niemals hätte erträumen lassen und so auch gezwungen ist, ein paar Charakterzüge seines Sohnes kennenzulernen, die ihm ebenfalls nicht sehr behagen.

An seiner Seite darf natürlich der etwas schusselige Markus nicht vergessen werden, der seit ewigen Zeiten zu den engsten vertrauten der Familie Jones gehört und sich ab und an auch mal in seinem eigenen Museum verläuft. Ebenso wie Sallah, ein weiterer treuer Begleiter meines Helden, immer auf der Suche nach einem Schnäppchen, ob in Form von Kamelen als Entschädigung für den von Nazisoldaten in die Luft gesprengten Wagen der Schwester seines Schwagers seiner Frau – oder so ähnlich – oder auch mal einem Kuss von Indys Begleiterin, sei mal dahingestellt. Und diese dürfen natürlich auch nicht zu kurz kommen: Ob Jugendliebe, die situationsbedingt gefesselt im Feindeslager zurückgelassen werden muss, ob herrlich nervige Nachtclubsängerin, die zu einer romantischen Schlauchbootfahrt im Himalaja eingeladen wird, oder einer gefährlich hübschen Dr. Schneider, mit der man auch die entlegensten Ecken Venedigs kennen lernt – sie alle verstehen es auf ihre eigene Art, Dr. Jones und auch den Zuschauern den Kopf zu verdrehen.

Und wie jeder halbwegs ernstzunehmende Held hat auch Indiana seine Gegenspieler: Von Geldgier und Macht besessene Franzosen und Amerikaner, Nazikollaborateure, sadistische Kopfgeldjäger, verschlagene Chinesen und nicht zuletzt ein wahnsinniger Hohepriester, der auf eine gänzlich andere Art versucht, sein Herz zu gewinnen. Aber die einzige und dennoch wichtigste Eigenschaft haben sie alle gemeinsam: Ihre Menschlichkeit und die daraus zwangsläufig resultierenden Fehler, von denen auch Indiana genug hat, wie seine unstillbare Neugier, die ihn immer tiefer in den Schlamassel führt, seine oftmals fehlende Fairness im Kampf und sein unverschämtes Glück – was nun jedoch nicht unbedingt ein Fehler ist. Doch das ist es, was mich am meisten an ihm fasziniert: Er ist menschlich, weder mit Superkräften ausgestattet, noch mit unbändigem Reichtum gesegnet, sondern einfach nur ein Abenteurer mit schmutziger Lederjacke, zerrissenem Hemd und fleckigem Hut.

Und doch – oder vielleicht gerade deswegen – hat er mich und wird sicherlich noch einige Generationen begeistern und in seinen Bann ziehen: Der Mann, der zu den wenigen „Glücklichen“ gehört, die einmal ein Autogramm vom „Führer“ persönlich erhalten haben, der Mann, der den Namen eines Hundes trägt, der Mann, dessen Hut und Peitsche genauso legendär sind wie er selbst: Indiana Jones!


Vorschau: Einer der größten Filmemacher aller Zeiten stehnt im Mittelpunkt des nächste Woche erscheinenden Textes.


Dieser Text stammt von unserem User Hanno Jones. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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