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Japans Wildcard

In 5 Schritten zum Takashi Miike-Experten

02.09.2013 - 10:03 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Takashi Miike
© ION / Rapid Eye Movies / e-m-s
Takashi Miike
Wieder einmal führt uns unser kleiner Regisseur-Einführungskurs nach Japan, wo wir diesmal einen Blick auf das Werk des notorischen Takashi Miike werfen, bei dem die kohärenteste Konstante darin besteht, dass es kaum eine gibt.

Eine Anleitung zum Schaffen von Takashi Miike ist im Grunde ein Ding der filmguckerischen Unmöglichkeit. Warum? Weil es sich bei diesem Regisseur um die absolute Wildcard unter den Filmemachern handelt. Werfen wir einen Blick in die beinahe unglaubwürdig lange Filmografie dieser Arbeitsmaschine, stellen wir fest, dass er seit Anfang der 90er Jahre in über 70 Produktionen als Regisseur tätig war. Anfangs als Fernseh- und Direct-to-Video-Regisseur arbeitend, begann seine Karriere für das Kino mit Yakuza-Filmen, was heute zu Miikes meistbesuchten Genres zählt. Das cineastische Enfant terrible Japans lässt sich jedoch weder auf ein Genre, die allgemeine Richtung Genrefilm oder gar einen identifizierbaren Stil festnageln. Wer Takashi Miike wählt, spielt Filmlotto.

Warum ausgerechnet… Takashi Miike?
Gerade die Unvorhersehbarkeit ist es, die Miike zu einem der spannendsten Filmemacher unserer Zeit macht. Qualitätiv unterliegen seine Werke starken Schwankungen und werden auch oft nicht dem selben Zielpublikum gefallen, was es schwierig machen müsste, sich als Miike-Fan zu identifizieren. Was jedoch garantiert werden kann: In einem seiner Filme wird man mit Sicherheit immer etwas entdecken, was man SO noch nie gesehen hat und selbst wenn der Film nicht ganz nach dem Geschmack des jeweiligen Zuschauers gewesen sein mag, war es immerhin ein wilder Ritt. Zu Gunsten dieser Rubrik, die immerhin eine Empfehlung darstellen soll, wollen wir trotz allem versuchen, Miike anhand einiger Filme aus den Bereichen Gangsterfilm, J-Horror, Kunstfilm und Komödie zu umreißen.

Der perfekte Start… für den Takashi Miike-Einstieg
Da der Yakuza-Film immerhin eine Schiene ist, auf der sich Miike mit am wohlsten fühlt, beginnen wir mit Ichi the Killer, der im weitesten Sinne noch die Parameter dieser Kategorie erfüllt. In diesem Blutbad, welches 2001 für viele die erste Berührung mit dem Regisseur gewesen ist, geht es um einen psychisch labilen Killer, der von der lokalen Verbrecherorganisation zum Morden missbraucht wird. Wegen seiner exzessiven Gewaltszenen, löste der Film damals vielerorts Kontroversen aus. Ichi the Killer basiert auf einen Manga gleichen Namens. Nicht ungewöhnlich für Miike, der sich bereits an allen möglichen Quellen bediente. Kürzlich setzte er die Videospielreihe Ace Attorney als bunten Gerichtskrimi für die Leinwand um. Weitere seiner Filme aus dem Yakuza-Genre sind etwa Gozu oder Takashi Miikes: Graveyard of Honour.

In drei Filmen zur Spitze
Während Takashi Miike auch zu absolut klassisch-klischeehaften J-Horror mit klingelnden Telefonen und Flüchen uns aus dem Grab heimsuchender Gruseldamen fähig ist, wie er mit The Call bewies, ist der tiefergehendere Horrorfilm Audition eine weitaus schlechter verdauliche Filmpackung. In dieser erfindet ein TV-Produzent (Ryo Ishibashi) ein fiktives Projekt, um Frauen kennenzulernen. Eine Entscheidung, die er zu bereuen weiß, sobald er die Bekanntschaft von Asami macht, die sich als eine der unvergesslichsten Psychopathinnen der Filmgeschichte entpuppt.

Wer Miike nur als Regisseur blutrünstiger Genrefilme kennt, wird überrascht sein, zu welch zarten und künstlerisch anspruchsvollen Filmperlen er gleichzeitig fähig ist. Ganz ohne Gewalt kommt Big Bang Love: Juvenile zwar nicht aus, aber das liegt in der Natur des Settings: In einer stilisierten Zukunftsvision verfolgen wir die Liebesgeschichte zweier Gefängnisinsassen, gespielt von Ryuhei Matsuda und Masanobu Ando. Als einer der beiden tot aufgefunden wird, will der andere es unbedingt gewesen sein. Die Zellenwände sind teils nur aufgemalt, was an Von Triers Dogville erinnert, vor dem Gefängnis stehen eine Pyramide sowie eine futuristische Rakete und der Film wird von eingeschobenen Animationssequenzen sowie Ausdruckstanz unterbrochen. Wem Miike als poetischer Programmkinoregisseur gefällt, wird ebenfalls Freude an Visitor Q und Izo – The world can never be changed haben.

Ganz andere Töne schlägt Miike dann wieder in Komödien an, die auch hin und wieder bei ihm auf dem Programm stehen und oft zum Subgenre der Parodie neigen. The Happiness of the Katakuris ist beispielsweise das Remake des koreanischen Horrorfilms The Quiet Family, das Miike allerdings lieber als Comedy-Musical adaptierte. Klamaukiger geht es kaum. Zwischendurch wechselt der Film zu Knetgummi-Stopmotion und mündet letztendlich in einem übermäßig schmalzigen Happy End, das gesehen werden muss, um geglaubt zu werden. Ein weiterer Miike-Film mit Comedy-Stempel ist Zebraman, der von den Abenteuern des Helden einer abgesetzten TV-Show erzählt.

Geheimtipps … oder der etwas andere Takashi Miike
Das Dilemma nimmt kein Ende. Im Grunde könnte die Hälfte der Filme aus Miikes Filmografie als untypischer Geheimtipp durchgehen. Womit er den Autoren dieser Filmeinführung allerdings völlig kalt erwischt hat, ist der Kinderfilm Krieg der Dämonen – The Great Yokai War, in dem ein kleiner Junge sich mit einer ganzen Schar Kreaturen der japanischen Mythologie verbünden muss, um gegen korrupte Mächte anzugehen. Ein süßer Abenteuerfilm, der viel Humor beweist und als Fibel der japanischen Folklorewesen wie dem Kappa und dem Tengu funktioniert. “Chihiros Reise ins Zauberland trifft Die unendliche Geschichte” bietet sich als bemühter Vergleich an.

Shut up and take my money!
Wie immer ist Rapid Eye Movies der Go-to-Verleih, wenn es um japanische Filme im deutschsprachigen Raum geht, was auch für die meisten der oben erwähnten Titel gilt. Lediglich Ichi the Killer erschien bei I-ON New Media und The Great Yôkai War bei e-m-s. Jenseits von Bootlegs wird der früheste Miike-Streifen, der jenseits von Japan mit Untertiteln erschienen ist, wohl die Region 1-DVD von Bodyguard Kiba sein, die bei Media Blasters erschienen ist oder in der Takashi Miike-Collection bei Tokyo Shock.

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