Mein Herz für Klassiker

Ich, Spinal Tap & eine satirische Rockumentary

26.10.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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This is Spinal Tap bekommt mein Herz für Klassiker
© Arthaus
This is Spinal Tap bekommt mein Herz für Klassiker
Mein Herz für Klassiker geht heute an eine Legende der Mockumentarys. Die filmgewordene Rockumentary This is Spinal Tap erzählt den Werdegang der fiktiven Heavy-Metal-Band Spinal Tap und entlarvt dabei nicht nur Klischees des Musikfilms.

Während Jim Jarmusch in Year of the Horse den Musiker Neil Young und seine Band Carzy Horse auf einer Live-Tournee begleitete oder Martin Scorsese in Shine a Light ein Konzert der Rolling Stones in einen Dokumentarfilm verwandelte, porträtierte Regisseur Rob Reiner in This Is Spinal Tap ebenfalls den Werdegang einer Band. Der einzige Unterschied ist nur, dass im Gegensatz zu den eben aufgeführten Beispielen die titelgebende Band Spinal Tap zwar existiert, aber dennoch als Grundlage einer Mockumentary diente. Darunter versteht sich im Filmjargon ein Dokumentarfilm, der einfach vortäuscht, eine real bestehende Tatsache auf die Leinwand zu bannen. Zuletzt machte Joaquin Phoenix in der inszenierten Doku I’m Still Here in diesem Genre von sich reden und auch Rob Reiners Portrait der Heavy-Metal-Band Spinal Tap gehört zu dieser Gattung – wenn er sie nicht sogar maßgeblich geprägt hat. Aus diesem und vielen anderen Grunde gehört This is Spinal Tap Mein herz für Klassiker.

Den Höhepunkt ihrer Karriere haben die Mitglieder von Spinal Tap längst erreicht. Seit ihrer Gründung im Zuge der Beatmusik der 1960er Jahre hat die britische Band mehrere Imagewandel durchgemacht und ist nach einer ekstatischen Flower-Power-Phase mittlerweile im harten und von Krisen geprägten Alltag einer Heavy-Metal-Band angekommen. Ihre Bühnenshows lahmen aufgrund misslungener Ideen, das Plattenlabel macht Stress wegen mangelnder Absatzzahlen und zu allem Überfluss sterben der Gruppe die Drummer wie Fliegen weg. Die verbliebenen Mitglieder sehen den letzten Hoffnungsschimmer am Horizont in der anstehenden Tournee im Rahmen des neuen Albums Smell the Glove. Allerdings steht auch dieser Akt der Rehabilitation unter keinem guten Zeichen: Das Plattencover sorgt für einen Skandal sondergleichen, den Songtexten wird purer Sexismus vorgeworfen und die niederschmetternden Kritiken anlässlich des vorherigen Albums Shark Sandwich beschränken sich auf die Umschreibung Shit Sandwich. Von einer Krise kann folglich kaum noch die Rede sein: Spinal Tap haben den absoluten Tiefpunkt ihrer Karriere erreicht.

Mehr: Ich, Wilde Erdbeeren & der eiskalte Borg

Warum ich This is Spinal Tap mein Herz schenkte
Schon wenn zu Beginn von This is Spinal Tap in wenigen Interview-Ausschnitten die Mitglieder der Band ihre Karriere Revue passieren lassen und Rob Rainer, der in seinem Regiedebüt auch höchstpersönlich als Filmemacher Marty DiBergi in Erscheinung tritt, im Gespräch schließlich auf die Historie der Spinal Tap-Drummer zu sprechen kommt, offenbart der Film seine ganze Brillanz. In absurd komischen Anekdoten erzählen Nigel Tufnel (Christopher Guest), David St. Hubbins (Michael McKean) und Derek Smalls (Harry Shearer) vom schnellen Ableben ihrer Schlagzeuger und trotzdem wirkt diese Passage weder albern noch unfreiwillig komisch. Stattdessen entsteht in diesem Moment eine einmalige Situationskomik und das Geschehen wirkt vor allem – und das ist mit eine der stärksten Eigenschaften der Mockumentary – authentisch und überzeugend. This is Spinal Tap bleibt keine kurzlebige Karikatur des wilden Musikerlebens und erfreut sich nur daran, ein paar Klischees durch den Kakao zu ziehen, sondern wird eins mit seiner Materie und somit gleichzeitig zur ultimativen Satire.

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