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Mein Herz für Klassiker

Ich, Harold & Maude und das vorgetäuschte Blutbad

04.02.2012 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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Harold und Maude
© Paramount Pictures
Harold und Maude
Mit einem Budget von nur einer Milion US-Dollar schuf Hal Ashby 1971 mit Harold und Maude einen zeitlosen Klassiker. Die Zuschauer wussten das zuerst nicht zu würdigen und der Film floppte – als Wiedergutmachung gibt’s dafür heute Mein Herz für Klassiker.

Selten habe ich einen Film gesehen, in dem alle Teile dermaßen perfekt ineinander passen und doch so ungezwungen und leichtfüßig daherkommen, wie Harold and Maude von Hal Ashby. Die umwerfend charmanten und liebenswerten Hauptdarsteller Ruth Gordon und Bud Cort finden sich dabei in einer traumwandlerisch stilsicher inszenierten schwarzhumorigen Komödie, die stets die schwierige Balance zwischen Tragik und Komik hält und dabei eine glasklare Botschaft vermittelt. Der passgenau komponierte Soundtrack von Songwriter Cat Stevens gibt dieser sympathisch-skurrilen Satire den letzen Schliff und so wurde Harold und Maude trotz des Flops an den Kinokassen Jahre später doch noch zum Kult-Streifen. Dafür vergebe ich heute Mein Herz für Klassiker.

Warum ich Harold und Maude mein Herz schenkte
Es sind diese magischen Momente zwischen der alten, aber quicklebendigen Maude und dem jungen, aber depressiven Harold, die mich an dem Film so sehr faszinieren. Obwohl sie schnurstracks auf ihr nahendes Lebensende zu marschiert, genießt Maude jeden Tag in vollen Zügen und wertschätzt das Leben in fast schon exzessiver Weise. Anders ist es beim Jüngling Harold, der von seiner dominanten Mutter unterdrückt wird und dessen Lebensweg schon vorgezeichnet scheint, ohne das er daran irgendetwas rütteln könnte. Um nicht vollkommen abzustumpfen, schleicht er sich immer wieder auf fremde Beerdigungen, denn dort kann er ungefilterte und echte Emotionen erleben, die ihm in seinem steifen Elternhaus fehlen. Auf einer dieser Beerdigungen trifft er die fidele und rotzfreche Maude, die ihm mit ihrer lebensfrohen und natürlichen Art immer wieder anstupst, um ihn aus seinem emotionalen Tiefschlaf zu befreien. Die kontrastreiche Inszenierung der Gegenüberstellung dieser beiden Generationen bildet das zentrale Thema des Films und wird mit einer wunderbaren Finesse und Feinfühligkeit angegangen, die mich jedes Mal aufs neue in die skurrile Welt der beiden hineinzieht.

Warum auch andere Harold und Maude lieben werden
Doch auch wenn ihr mit der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Harold und Maude wenig anfangen könnt, so hält die Komödie doch eine ganze Reihe an unvergesslichen Szenen bereit, die gerade Liebhaber von schwarzem Humor in Verzückung versetzen wird. Zu köstlich, mit welcher Kreativität und morbidem Eifer der einsame Harold immer wieder sein eigenes Ableben inszeniert, um seiner werten Mutter einen gehörigen Schrecken einzujagen. Egal ob er sich im Pool ertränkt, in der Badewanne ein Blutbad vortäuscht oder sich im Wohnzimmer ein langes Schwert in die Brust rammt – seine vermeintlichen Selbstmorde lassen den Zuschauer laut los lachen. Gleichzeitig macht sich daran aber wiederum die dezente Ambivalenz fest, die sich durch den ganzen Film zieht und jedes Mal den verzweifelter Hilfeschrei eines missverstandenen jungen Mannes darstellen. Untermalt vom zeitlosen Soundtrack von Songwriter Cat Stevens, der irgendwo zwischen Schwermut und Lebensfreude angelegt ist und die Grundstimmung perfekt transportiert, ist Harold und Maude ein Film, den auch andere lieben werden.

Warum Harold und Maude einzigartig ist
Seine Einzigartigkeit zieht Harold und Maude aus seiner Erzählweise und der unvergleichlichen Harmonie zwischen den beiden Hauptdarstellern Bud Cort und Ruth Gordon. Für die fast schon episodisch angelegte Tragik-Komödie existieren in der Philosophie keine Begriffe oder Erklärungen. Sie ist eine schwarzhumorige Studie über Leben und den Tod, die aber trotz der dauerhaft gegenwärtigen Morbidität nur zu einem Ergebnis kommt: Lebe! So inszeniert Harold nach Maude’s Freitod noch ein aller letztes Mal sein eigenes Ableben und tanzt daraufhin voller Lebensfreude, denn er hat verstanden, was Maude ihm beibringen wollte. Du kannst das Leben nur dann in vollen Zügen genießen, wenn du dem Tod furchtlos gegenüber trittst, denn die beiden sind unteilbar miteinander verbunden. Diese existenzielle Botschaft vermittelt der Film in einem wunderbar leichten Gewand; ein derartig schwieriges Kunststück habe ich selten zuvor in einem anderen Film gesehen und das macht Harold und Maude beispiellos.

Warum Harold und Maude die Jahrzehnte überdauert
Auch wenn es das Publikum zu seiner Zeit nicht zu würdigen wusste, so traf Hal Ashby mit seiner grotesken Satire den berühmten Nagel auf den Kopf. Noch heute kann der Film als zeitgeschichtliches Dokument zweier Generationen herangezogen werden, die in den USA der 60er und 70er ihren Platz finden mussten. Das Aufeinanderprallen der verlorenen und entfremdeten Generation Harolds und des mental starken Jahrgangs Maudes, der die Schrecken des frühen 20. Jahrhunderts überlebt hatte, ist auch heute noch eine beeindruckende Gesellschaftsstudie, die in Zukunft noch für reichlich Gesprächsstoff sorgen und die Jahrzehnte auch weiterhin überdauern wird.

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