Happy Deathday mit FSK 12 - Ist das überhaupt noch Horror?

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wieselmax Max Wieseler
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Seit dem 16.11.2017 läuft der Blumhouse-Slasher Happy Deathday in den deutschen Kinos. Diese Woche knackte der Horrorfilm mit Jessica Rothe in der Hauptrolle weltweit die 100 Millionen Dollar-Marke an den Kinokassen, was für seine gerade mal 4,8 Millionen Dollar Budget ein weiterer enormer Erfolg für das Produktionsstudio ist. Happy Deathday wird so auch zu einem wichtigen Beitrag der Erfolgswelle des Horrorjahres 2017, das eine ersehnte Renaissance des Horrorfilms einläutet. Nicht zuletzt aufgrund seines niedrigen PG-13-Ratings konnte der Film in den USA Massen an Teenagern in die Kinos locken. In Deutschland überraschte die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) schließlich mit einer Freigabe ab 12 Jahren, was sogar Kindern ab sechs Jahren die Möglichkeit gibt, einen Horrorfilm in Begleitung eines Elternteils zusehen. Aber verdient ein Horrorfilm ab 12 Jahren überhaupt noch den Titel Horror?

Im Falle von Happy Deathday ist die Frage oberflächlich betrachtet mit einem klaren Nein zu beantworten. Der Erwartungshaltung eines horrorerprobten Zuschauers hat Happy Deathday wenig zu bieten und könnte unter dieser Bezeichnung schnell als Enttäuschung hervorgehen. In diesem Whodunit-Film steht stattdessen der Spaß und das Mysterium an erster Stelle. Blut gibt es bis auf kleine Andeutungen kaum zu sehen. Für einen Film, in dem der immer wiederkehrende Mord der Hauptfigur Tree im Fokus steht, ist dieser Fakt etwas ernüchternd. Kann der Film also ohne Blut und ohne Grusel noch als Horrorfilm bezeichnet werden?

Das Schaf im Wolfspelz

Immer wieder wird Happy Deathday als Slasherfilm bezeichnet. Das einst in den 80er und 90er Jahren florierende Horrorsubgenre war in den vergangenen Jahren kaum im Kino vorzufinden. Auf den ersten Blick scheint Happy Deathday alle Zutaten für einen Slasher zu enthalten. Es geht um eine junge College-Studentin, die auf ihrem Campus von einem maskierten Unbekannten verfolgt und getötet wird, immer wieder. Doch das Label Slasherfilm wurde durch die Filme der Vergangenheit immer wieder mit blutrünstigen Kills und überspitzter Gewalt in Verbindung gebracht, die in Happy Deathday nur abseits der Kamera vorzufinden sind.

Dennoch ist die Slasher-Variante von Und täglich grüßt das Murmeltier ein klarer Vertreter seines (Sub-)Genres. Die typischen Erwartungen und Muster des Slashers werden von Regisseur Christopher Landon gezielt eingesetzt und auf den Kopf gestellt. Am Ende wartet der Zeitschleifen-Film sogar mit einer genretypischen und unerwarteten Killer-Enthüllung auf, die dem referierten Genre mit einem Augenzwinkern Tribut zollt. Auch wenn Happy Deathday kein blutrünstiger Horror ist, so ist sein Erfolg dennoch ein wichtiger Meilenstein für den Slasherfilm.

Horror und der Fluch der Altersfreigabe

Wenn wir uns anschauen, welche kreativen Köpfe hinter Happy Deathday stecken, ist es nicht verwunderlich, dass der Film auf ein junges Zielpublikum zugeschnitten ist. Denn die Firma Blumhouse hat sich als Micro-Budget-Schiede einen Namen in Hollywood gemacht, indem sie mit Horrorfilmen für ein junges Publikum enorme Gewinne erzielt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen mit einer R-Rated-Freigabe wie The Purge oder Get Out, doch den Großteil seiner Erfolge feierte Blumhouse mit PG-13-Horrorfilmen. Doch PG-13 ist nicht gleich PG-13. Filme mit dieser Freigabe erhalten in Deutschland unterschiedliche Freigaben von 6 bis 16 Jahren, da hierzulande andere Kriterien für eine Alterseinstufung gelten. So konnten Filme wie Insidious, Paranormal Activity trotz ihrer niedrigen Freigaben für Jugendliche mit Schocks und Horror aufwarten und wurden zurecht erst für Jugendliche ab 16 Jahren freigegeben.

In ihrer Freigabebegründung ab 12 Jahren für Happy Deathday bringt die FSK den vorliegenden speziellen Sachverhalt auf den Punkt und begründet so die milde Freigabe:

Der Film ist mit zahlreichen genretypischen Motiven und Stilmitteln des „Slasherfilms“ erzählt, weist jedoch auch komödiantische Merkmale auf, die die Atmosphäre deutlich auflockern und immer wieder Distanzierungsmöglichkeiten bieten. Zwar können Kinder unter 12 Jahren von einzelnen Gewaltszenen, Schreck- und Spannungsmomenten überfordert werden.12-Jährige hingegen können die Genremechanismen und die betont ironische Gestaltung des Films entschlüsseln. Da Gewalt nie voyeuristisch ausgespielt wird und die Geschichte letztlich positiv aufgelöst wird, findet diese Altersgruppe ausreichende emotionale Entlastung.

Dennoch hat eine FSK-Freigabe ab 12 Jahren gerade für Horrorfilmfans einen eher kontraproduktiven bitteren Beigeschmack. So ist es doch gerade die Faszination einer hohen Freigabe, die besonders bei Jugendlichen den Reiz eines Filmes erweckt. So wollte auch ich im pubertären Alter nur Horrorfilme ab 18 Jahren gucken, da ihre verbotene Wirkung anziehender war und ein Horrorfilm ab 12 Jahren dazu im Vergleich ein geringeres Interesse in mir hervorrufen konnte.

Horror ab 12 kann funktionieren

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Denn einige Horrorfilme haben es trotz ihrer Freigabe ab 12 Jahren geschafft uns zu gruseln, zu schockieren und uns Albträume zu verschaffen. Das beste Beispiel ist wahrscheinlich der Ur-Found-Footage-Horror Blair Witch Project. Mit seiner Wackelkamera-Ästhetik und dem mitreißenden Pseudo-Realismus schaffte es der Film mit wenigen Mitteln eine außergewöhnliche Spannung und Horror zu erzeugen. Blair Witch Project ist ein Beweis, dafür dass es in einem Horrorfilm nicht nur um Blut und Gemetzel gehen muss, um bei den Zuschauern Angstgefühle hervorzurufen. Auch die beiden Mystery-Horrorfilme The Others und Die Frau in Schwarz sind in Deutschland ab 12 Jahren freigegeben und zeigen, dass ein Horrorfilm allein durch Szenerie und Atmosphäre Furcht erzeugen kann. So ist es beim letzteren das Setting des klassischen Gothic-Horror, welches den Film zu einem würdigen Vertreter des Horrogenres macht.

Der ebenfalls von Blumhouse produzierte Horrorfilm The Visit von Regisseur M. Night Shyamalan schaffte es trotz seiner Freigabe für Kinder ab 12 Jahren einige Schockmomente unterzubringen, die so manchen Zuschauern an den Fingernägeln kauen ließen. Auf unserer Liste der besten Horrorfilme seit 2010 schaffte es The Visit auf Platz 19. In der Spitzenklasse der Horrorfilme seit 2010 befindet sich ein weiterer FSK-12-Horror auf dem 2. Platz. Denn mit einer stetig steigenden Angstparanoia, gezielten Jumpscares und verstörenden Spitzen mauserte sich It Follows zu einem der besten Horrorfilme der vergangenen Jahre - und das mit einer Freigabe ab 12 Jahren. In den USA wurde It Follows hingegen mit einem R-Rating versehen (Sex und so). Jedoch wurde die Freigabe von It Follows in Deutschland ein wenig unter den Teppich zu kehren versucht. So wurde für die Heimkinoveröffentlichung ein FSK-16-Trailer in das Bonusmaterial gepackt, um so die Verpackung mit der blauen FSK-16-Plakette zieren zu können. Dies unterstreicht jedoch wieder die Vermutung, dass eine gewisse Erwartungshaltung der Zuschauer an bestimmte Altersfreigaben geknüpft ist und besonders im Horrorgenre Abneigung gegenüber FSK-12-Filmen herrscht.

Das Horrorgenre ist mit seinen zahlreichen Subgenres und Thematiken zu vielseitig, um es auf eine einzelne Altersfreigabe zu reduzieren. Nur weil ein Horrorfilm für eine Teenie-Zielgruppe erdacht wurde, heißt es nicht, dass er nicht gruselig oder schockierend sein kann. Denn Horror muss nicht immer blutig und schleimig sein. Im Falle von Happy Deathday ist das Label Horrorfilm zumindest wegen der thematischen Spielerei mit den Erwartungen des Slashergenres gerechtfertigt. Den fehlenden Grusel macht der Zeitschleifen-Thrill mit einer gehörigen Portion Humor und Spaß wieder wett. Ohne Filme wie Happy Deathday würden jungen Menschen nicht (legal) an das Genre herangeführt werden können und der Horror einen Teil seiner Vielfalt verlieren.

Glaubt ihr, dass Horror ab 12 Jahren funktioniert?

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