Gratulation

Eigenwilliger Ulrich Seidl wird heute 60 Jahre alt

Ulrich Seidl
© Photo Sepp Dreissinger
Ulrich Seidl

In unserem Nachbarland Österreich ist filmtechnisch einiges los. So vollbrachte beispielsweise der Regisseur Michael Haneke beim diesjährigen Filmfestvial Cannes das Kunststück, nach seiner Auszeichnung für Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte, für seinen Nachfolger Liebe ebenfalls mit der Goldenen Palme prämiert zu werden. Doch er ist nicht der einzige beachtenswerte Filmemacher aus der Alpenrepublik. Sein Landsmann Ulrich Seidl bereichert die Filmwelt seit seinem Debüt Einsvierzig aus dem Jahr 1980 mit einzigartigen, höchst eigenwilligen Dokumentationen und Spielfilmen. Heute wird der in der Kleinstadt Horn geborene Regisseur und Autor 60 Jahre alt.

Mit Hundstage inszenierte Ulrich Seidl 2001 seinen ersten rein fiktiven Spielfilm und wurde prompt mit dem Großen Preis der Jury beim Filmfestival in Venedig ausgezeichnet. In seinem wohl immer noch bekanntesten Film führt der triste Alltag in der brütenden Spätsommerhitze des Wiener Stadtrands zu einer Explosion aus Sex und Gewalt. Ulrich Seidl setzte seine Darsteller dabei tatsächlich extremen Wetterbedingungen aus, um ein höchstes Maß an Authentizität zu erreichen.

Mit Paradies: Glaube hat er kürzlich ebenfalls auf dem Filmfest von Venedig für Aufsehen gesorgt. Mit einer im Film enthaltenen Szene, in der sich eine strenggläubige Christin mit einem Kruzifix befriedigt, erregte er zwar die verärgerten Gemüter der katholischen Kirche, wurde dafür aber von der Jury mit dem Spezialpreis ausgezeichnet. Paradies:Glaube ist der zweite Teil einer Trilogie über drei unterschiedliche Frauen, die auf spezielle Art versuchen, ihr Glück zu finden. Im ersten Teil, Paradies: Liebe, sucht eine österreichische Sextouristin in Kenia nach Liebe bei jungen schwarzen Männern, während der abschließende, für 2013 geplante Teil in einem Diätcamp angesiedelt sein soll.

Mehr: Katholiken zeigen Ulrich Seidl wegen Blasphemie an

Zuvor inszenierte der Sohn einer streng religiösen Ärztefamilie, der eigentlich Priester werden sollte, vornehmlich Dokumentarfilme, deren Authentizität zumindest umstritten ist. Ob eine generelle Objektivität im Dokumentarischen überhaupt generiert werden kann, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Der Busenfreund von 1997 ist jedenfalls das bizarre Porträt eines bei seiner dementen Mutter lebenden, stark übergewichtigen Mannes, der sich zu weiblichen Brüsten im Allgemeinen und zur Schauspielerin Senta Berger im Speziellen auf bedenklich obsessive Art hingezogen fühlt.

In Models porträtierte Ulrich Seidl ein Jahr später den Alltag zweitklassiger österreichischer Models zwischen Club, Wohnung und Katalog – Shootings als einzige oberflächliche und kokaingetränke Enttäuschung. Der drastische Film wurde in Slowenien sogar beschlagnahmt. Ulrich Seidls Filme erhalten auch bei uns selten eine Jugendfreigabe, was sicherlich an der oft drastischen und verstörenden Darstellung sexuell expliziter Handlungen und Gewaltausbrüchen liegt.

Auch in Import/Export geht es schonungslos zur Sache, wenn die vermeindliche geistige Armut Österreichs auf die materielle Not in der Ukraine trifft. Ulrich Seidl inszeniert die bittere europäische Bestandsaufnehme aus der Sicht einer ukrainischen Krankenschwester, die sich in Wien prostituiert und einem gescheiterten österreichischen Geschäftsmann, der in der Ukraine als Automatenaufsteller endet.

Mehr: Regisseure aus Österreich – Hart und schonungslos

Ulrich Seidl hat mit in seinen Filmen Grenzen des Dokumentarischen, Fiktiven und Filmästhetischen stets ausgelotet und teils berührende, oft verstörende und bisweilen bizarre Filme gedreht, die sich zumindest einem kleinen Publikum erschlossen haben. Wir gratulieren herzlich und wünschen dem von manchen als Extremfilmer bezeichneten Regisseur, Autor und Produzenten Ulrich Seidl alles Gute.

Kennt ihr Filme oder Dokumentationen von Ulrich Seidl?

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
Deine Meinung zum Artikel Eigenwilliger Ulrich Seidl wird heute 60 Jahre alt