Aufreger der Woche

Dumm und Dümmer-PR - Kopflos in den Shitstorm

Dumm und Dümmer-PR - Kopflos in den Shitstorm
© Paramount/Fox/moviepilot
Dumm und Dümmer-PR - Kopflos in den Shitstorm

Gesunder Menschenverstand ist ein rares Gut. Mit dieser Erkenntnis werden wir in dieser Kolumne nur all zu häufig konfrontiert. Aber wir sollten wohl auch zugeben, dass niemand vollkommen ist und kleine Fehler und peinliche Missgeschicke einfach passieren. Jedem von uns. Im Internet anlässlich des DVD-Starts der Mysterieserie Sleepy Hollow einen "Headless Day" auszurufen während im Nahen Osten US-Bürger vor laufender Kamera enthauptet werden, gehört aber vermutlich nicht in diese "kann passieren" Kategorie. Oder ein Poster auf dem die Teenage Mutant Ninja Turtles aus einem explodierenden Hochhaus springen während schön mittig im Plakat "September 11" prangt. Ich glaube, ihr versteht langsam, worauf ich in diesem Aufreger der Woche hinaus will.

Happy Headless Day

Dass genau an dem Tag, an dem die ThinkJam’s PR-Agentur im Zuge der Bewerbung der DVD-Veröffentlichung von Sleepy Hollow zum viralen "HeadlessDay" aufruft, auf der entgegengesetzten Seite des Erdballs medienwirksam der Gefangene US-Journalist Steven Sotloff enthauptet wird, das ist Pech von der zynischsten Sorte. Aber dass keine zwei Wochen vorher James Foley auf die gleiche Weise Opfer des blutigen Propagandakriegs der IS-Terroristen wurde und dies während der Planung der kopflosen Kampagne scheinbar nicht gemerkt wurde, ist kein Pech, aber Dummheit von der ignorantesten Sorte. Egal wann welchem PR-Fritzen die glorreiche Idee gekommen ist einen viralen HeadlessDay zu veranstalten, spätestens in der Sekunde als Foleys abgeschlagener Kopf den Boden berührte, hätte das Vorhaben mit ihm sterben müssen. Stattdessen schienen sich die ThinkJam’s Leute wohl zwei Wochen Aussteigerurlaub auf den Osterinseln gegönnt zu haben. Ein Shitstorm machte der Aktion bei der auch auf digitalen Grußkarten ein "Happy Headless Day" gewünscht wurde, dankenswerter Weise schnell den Garaus. Die offizielle Entschuldigung der Agentur ließ nicht lange auf sich warten und klingt wie sie meistens klingen. Ausflüchtig und schal.

Happy 9/11 Day

Und da wären noch die Teenage Mutant Ninja Turtles, die für ihren australischen Kinostart ein eigenes Poster spendiert bekamen. Darauf stürzen sie sich in heroischer Pose in den Abgrund während hinter ihnen alles explodiert. Dazu den Kinostarttermin schön mittig platziert. So weit, so schick. Bizarr wird es nur, wenn das explodierende Etwas im Hintergrund ein Hochhaus ist und der Film am 11. September startet. Und beides zusammen unbedarft auf ein Poster geklatscht wird. Ich rühme mich persönlich ganz gerne mit meiner angeborenen Naivität und Australien liegt ja auch etwas abseits vom Schuss. Aber um solch ein unsensibles Machwerk hinzukriegen, bedarf es einer besonders ausgeprägten Sorglosigkeit. Auch hier ließen die Online-Reaktionen nicht lange auf sich warten. Selbst Michael Bay war sichtlich aufgebracht. Und wenn Bay sagt, er hätte die Verantwortlichen zur Schnecke gemacht, dann können wir ihm in dieser Hinsicht blind vertrauen. Wenn der Mann etwas kann, außer Dinge in die Luft zu jagen, dann, den Despoten raushängen lassen.

Happy Waterbottlegate Day

Wie können solche katastrophalen PR-Entgleisungen passieren? Nehmen wir mal ein weniger drastisches Beispiel, das sich ebenfalls vor kurzer Zeit ereignet hatte: Downton Abbey. Wir erinnern uns: ein Standfoto wurde vor wenigen Wochen zu Werbezwecken der fünften Staffel der erfolgreichen britischen Serie veröffentlicht, auf dem Schauspieler Hugh Bonneville und Laura Carmichael in ihren Kostümen in detailgetreuen, opulenten Kulissen stehend fotografiert wurden. Mit einer Plastikflasche im Hintergrund. Für eine Serie, die um das Jahr 1912 angesiedelt ist, zahlreiche Historiker beschäftigt und großen Wert auf Authentizität und Etikette legt, ein ganz peinlicher Patzer, der eigentlich nur passieren konnte, wenn gleich ein ganzes Dutzend Leute ihre Arbeit nicht gemacht haben.

Halten wir uns für einen kurzen Moment vor Augen, auf wie vielen Schreibtischen das Foto landen, von wie vielen Augenpaaren betrachtet und von wie vielen Händen durchgewunken werden musste, um am Ende veröffentlicht zu werden. Angefangen beim Standfotografen, der/die sicherlich mehr als nur einmal sowohl Schauspieler wie Hintergrund zurecht rückte und den Blick dutzende Male über sein ganzes Motiv und nach getaner Arbeit über seine Werk schweifen ließ. Aber gut, nach einem langen Arbeitstag werden die Augenlider schwerer, da kann etwas alltägliches wie eine Plastikflasche durchaus übersehen werde. Anschließend ging das Foto sicherlich sowohl an die Pressestelle der Produktionsfirma Carnival Films und die des Senders ITV. Auch diese schienen leicht überarbeitet gewesen zu sein, da keinem der kleine, polymere Fremdkörper auffiel, der eigentlich erst ca. 1950 erfunden wurde. Nun gut, es gibt ja noch die Agenturen der Schauspieler, die sich um die Freigaben ihrer Schützlinge kümmern. Diese sind berühmt-berüchtigt für ihre Argusaugen denen nichts entgeht und lieber früher als später ihre Vetos zücken. Aber welch Wunder, auch hier gab es scheinbar nichts einzuwenden. Warum auch, Bonneville und Carmichael sind so entzückend wie immer. Alles andere interessiert nicht. Also ging es zurück an die Pressestellen. Hier wurde das Bild wohl einem Praktikanten in die Hand gedrückt, mit der Bitte, bis zum nächsten Tag daraus eine fertige Pressemitteilung zu machen. 1, 2 oder 3, letzte Chance. Vorbei! Der Rest ist virale Geschichte. Zumindest von der belustigenden und nicht belastenden Sorte.

Happy Deadly Virus Day

Ein Jammer, dass die Leute bei Fox scheinbar nicht so gewieft im Umgang mit dem Neuland sind und die Gunst der Stunde nicht erkannten, anlässlich von Planet der Affen - Revolution  zu einem HappyDeadlyVirusDay oder HappyPandemicDay aufzurufen. Stellen wir uns nur die begeisterten Reaktionen allein in den westafrikanischen Staaten vor. Die hätten vor Freude ganz vergessen, dass sie in Zwangsquarantäne stecken und gegen Ebola, Seuchen und den eigenen Hunger zu kämpfen haben.

P.S.: Übrigens, wie selbst den kopflosen PR-Strategen der Sleepy Hollow-Kampagne die Krone aufzusetzen ist, beweist uns Malaysia Airlines. Die Fluggesellschaft, die innerhalb von wenigen Monaten zwei der schlimmsten und medial spektakulärsten Flugzeugkatastrophen zu verkraften hatte, erlaubte sich, als es gerade wieder etwas ruhiger um die gebeutelte Airline wurde, ein apokalyptisches Eigentor. Was uns zeigt, dass Dummheit nicht bloß Filmleuten vorbehalten, sondern Allgemeingut ist...

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goodspeed alias Orlindo liebt, lebt, hört, fühlt und atmet Filme. Er arbeitet als Online- und Videoredakteur für eine Filmproduktionsfirma und betreibt mit ANIch das einzige (lesenswerte?) deutschsprachige Blog zum Thema Animation und VFX.
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