Die schaurig schöne Welt des animierten Horrors

Perfect Blue
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Das Genre Horror und das Stilmittel Animation sollten eigentlich viel häufiger aufeinandertreffen. Anders als praktische oder CGI-Effekte, deren Gestaltung zu realen Personen und Sets passen muss, werden noch so abgefahrene Designs in gezeichneter Form eher akzeptiert und lassen sich besser mit dem gewählten Stil in Einklang bringen. Die Möglichkeiten sind im Grunde unbegrenzt, solange sich das entsprechende Budget und Team finden.

Und genau hier liegt das Problem, denn Animation gilt in vielen Teilen der Welt immer noch als eine reine Angelegenheit für Kinder, und animierte Filme für andere Altersgruppen sind ein Risiko, das nur selten eingegangen wird. Trickserien für Ältere werden immer noch als Nische gehandelt und beschränken sich eher auf Komödien, Rick and Morty, Bojack Horseman und andere versuchen sich höchstens an existenziellem Horror. Mit der jüngeren Zielgruppe ist die Möglichkeit zu schocken eher begrenzt, aber nicht unmöglich, denn Kinder zu verstören wird nur verpönt, wenn dabei Blut fließt. Und selbst darüber kann hinweggesehen werden, schließlich ist der vielleicht brutalste Film, der je gemacht wurde, die deutsche Produktion Felidae, ab zwölf Jahren freigegeben.

Das kollektive Disney-Trauma
Doch auch leichtherzigere Animationsklassiker hinterlassen ihre stärksten Eindrücke oft in den Momenten, die nicht zu ihrem sonstigen Image passen und mit denen von ihren Trailern oder Postern ausgehend niemand hätte rechnen können. Die Body-Horror-artige Verwandlung in Pinocchio, das entsetzliche Ende vieler Disney-Bösewichte oder die bedrohlichsten Szenen in Don Bluth-Filmen. Überraschend verstörende Momente treten auch in anderen Kinderfilmen auf, nicht nur in Zeichentrick, aber durch die höhere Reichweite der bekannteren Studios und den extra starken Kontrast zum Rest ihrer Laufzeit erwarben diese Szenen den Status eines Kollektiv-Traumas.

Fernab der klassischen 2D-Animation eignet sich besonders der Gebrauch von Stop-Motion für Horror. Die oft verzerrten und karikaturartigen Gesichtszüge der Charaktere haben ohnehin etwas Schauderhaftes an sich, da ist die Versetzung in einen schaurigeren Schauplatz die logische Weiterentwicklung. Durch den Gebrauch von Modellen und Puppen lässt sich zudem der wesentliche Vorteil praktischer Effekte nutzen: Die Figuren haben ein merkbares Gewicht, sie wirken für den Zuschauer greifbar und vermitteln ihre Position im dreidimensionalen Raum besser als flache Zeichnungen. Die höhere Authentizität diesbezüglich in Verbindung mit den etwas unsauberen Übergängen zwischen den Frames, die der Machart geschuldet sind, sorgt für einen Verfremdungseffekt und ein Gefühl der Unsicherheit, das bei Horrorfilmen wichtig ist. Coraline von Studio Laika hat diese Gegebenheiten effektiv genutzt, ähnlich wie ParaNorman, auch wenn Horror dort weniger als Genre sondern mehr der ästhetischen Gestaltung diente. Ähnlich verhält es sich mit den Animationsfilmen von Tim Burton, der mit Nightmare Before Christmas, Corpse Bride oder Frankenweenie stets darauf abzielt, etwas Amüsantes im Morbiden zu finden.

Anime schafft Abhilfe
Diese Herangehensweise hat ihre ganz eigenen Reize, wer seinen animierten Horror aber blutig will, muss sich bei japanischen Produktionen umsehen. Auch die sind oft niedlich und bunt und schaffen damit ein falsches Gefühl der Sicherheit, die Auflösung dessen tendiert aber dazu, weitaus explosiver zu sein. Die Serie Higurashi no Naku Koro ni ist ein besonders berüchtigtes Beispiel dafür und wechselt auf den unterschiedlichen Zeitlinien von seichtem Slice of Life in typischer Moe-Ästhetik zu Mord-Serien, rituellen Hinrichtungen oder blutigen Foltermethoden.

Ähnlich verhält es sich mit Elfen Lied. Dort wurde schon zu Beginn klargemacht, um was für eine Serie es sich handeln würde, doch zwischen den eingestreuten Momenten extremer Gewalt werden die Charaktere so aufgebaut, dass ihre Schicksale möglichst tragisch wirken. Sie sind verletzlich und dienen als Sympathieträger, damit die Dinge, die ihnen widerfahren, umso schwerer einschlagen. Elfen Lied verlässt sich stark auf recht plumpe Schockmomente, kann aber gelegentlich visuell und auditiv sehr eindrucksvoll sein. Besonders in seiner Eröffnungsszene, die sich mit der Darstellung jedes unbesiegbar wirkenden Slasher-Bösewichts messen kann.

Die letzten beiden Beispiele funktionieren durch ihre Kontraste, aber für gewisse Geschichten ist auch in Anime ein realistischerer Stil dienlicher. Der Anfang von Perfect Blue ist schon fast banal und hätte noch als Realfilm funktioniert. Doch gerade die daraus entstehende Vertrautheit wird gegen den Zuschauer eingesetzt, wenn Perfect Blue immer weiter in einen Zustand zwischen Alptraum und Realität abdriftet. Für die zunehmend unklareren Übergänge, für die normale Raumverhältnisse nur hinderlich wären, wurden die Möglichkeiten, die Animation bietet, perfekt genutzt. Regisseur Satoshi Kon griff die Machart und Thematik später nochmal in seinem Anime Paranoia Agent auf.

Innerhalb von Animationsfilmen und -serien ist reiner Horror sehr rar, und selbst mit einer großzügigeren Definition und Einbeziehung dessen, was sich nur mit Vorbehalten als Horror kategorisieren lässt, bleibt die Auswahl überschaubar. Es ist ein Stilmittel, das durchaus mehr Gebrauch vertragen könnte, es sieht jedoch nicht aus, als würde das in nächster Zeit oft passieren.

Was sind eure liebsten Horror-Momente in animierten Filmen oder Serien?

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