Die Oscars schaufeln sich ihr eigenes Grab

Oscar: Dunkirk - Ein Kandidat für den Beliebtheits-Oscar?
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moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

195 Millionen Dollar - so viel hat der jüngste Oscar-Preisträger für den Besten Film weltweit eingespielt. Shape of Water, der feuchte Traum aquatisch-humanoider Romantiker, sticht aus der konventionellen Oscar-Ware heraus. Popularität kann ihm aber nicht in Abrede gestellt werden, ebenso wie der Konkurrenz um Get Out oder Dunkirk. Was also bezweckt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit ihrer verkündeten Einführung eines Oscars für besondere Leistungen im populären Film? Es ist die erste neue Kategorie seit dem Animationsfilmoscar 2001 und ihre Bekanntgabe hat Beobachter bereits zu präventiven Grabreden auf die Academy Awards verleitet. Weitere Veränderungen werden die Verleihung in den kommenden Jahren erfassen. So soll die Länge der Veranstaltung auf drei Stunden reduziert werden und ab 2020 folgt mit einem früheren Termin ein gravierender Einschnitt in den Ablauf der Oscar-Saison und des Filmfestival-Betriebs. Während die Verkürzung der ermüdenden Awards Season begrüßt werden kann, zeugen die anderen Entscheidungen von fundamentalen Missverständnissen der Academy. Eines betrifft die Frage, was die Oscars als Unterhaltungsshow eigentlich ausmacht - das andere gar das Selbstverständnis von Hollywood.

Der inoffizielle "Disney-Oscar"?

Eine weitere Zahl: 26,5 Millionen US-Zuschauer sahen dieses Jahr, wie Shape of Water den Oscar für den Besten Film einsammelte. Es waren die schlechtesten Einschaltquoten in der Geschichte der TV-Ausstrahlung der Verleihung. Tatsächlich schlittert die Einführung der neuen Kategorie eines Oscars für "populäre Filme" 2019 knapp an einem Jubiläum vorbei. Denn vor der Verleihung im Jahr 2010 wurde die Anzahl der Nominierten für den Besten Film von fünf auf bis zu zehn ausgeweitet. Das wurde als Versuch gelesen, Blockbuster-Zuschauer in Oscar-Zuschauer zu verwandeln. Kritiker- und Zuschauerlieblinge wie The Dark Knight sollten nicht länger übergangen werden. Die Quoten stiegen tatsächlich in diesem Avatar-vs-Hurt-Locker-Jahr, doch seit 2014 ist ein kontinuierlicher Niedergang zu verzeichnen, dem die Academy nun entgegenwirken will. Der Druck entstand dabei durch den Sender ABC, der die Verleihung mindestens bis 2028 zeigen wird. In einem Bericht der Variety heißt es, dass ABC die Änderungen vorgeschlagen habe, darunter die kürzere Laufzeit, der frühere Termin und eine Kategorie für den "Besten Blockbuster". Denn während Awards Shows allgemein mit sinkenden Quoten kämpfen, sei der Niedergang beim Oscar verhältnismäßig drastisch.

"Blockbuster" steht nicht im Titel der neuen Kategorie, aber was soll mit "populär" anderes gemeint sein? Die Kriterien für den Stempel "populär" sind noch unbekannt, doch führt der Weg schwerlich am US-Einspielergebnis vorbei. Die Strategie ist durchschaubar. Kleinere Filme wie Moonlight, aber auch mittelgroße Filme wie Shape of Water starten an den Kinokassen häufig nach ihrem Oscar-Gewinn durch. Mit der Blockbuster-Kategorie wäre sichergestellt, dass ein einspielstarker Film am Abend der Verleihung prominent geehrt wird, sofern Preise in technischen Kategorien, der Kamera oder Regie nicht als prominent genug gelten. Man stelle sich eine Vorauswahl der erfolgreichsten Filme an den US-Kinokassen vor, aus der die Academy-Mitglieder den besten unter den populären Filmen wählen. Aus dem vergangenen Jahr kommen Die Schöne und das Biest, Star Wars: Die letzten Jedi, Wonder Woman, Jumanji 2 und Guardians of the Galaxy Vol. 2 in Frage, je nachdem wie mit den Starts um die Weihnachtszeit verfahren wird. Da ABC eine Tochterfirma des Disney-Konzerns ist und drei der fünf erfolgreichsten Filme im US-Markt 2017 aus dem Hause Disney stammen, liegt der Verdacht eines inoffiziellen Disney-Oscars nahe. Dieses Jahr wird Black Panther als jener Blockbuster gehandelt, der beim Oscar Nominierungen in Hauptkategorien sammeln könnte. Der Popularitäts-Oscar könnte ihm dabei dank der Einführung einer Zwei-K(l)assen-Gesellschaft in die Quere kommen. Warum für den richtigen Oscar nominieren, wenn er schon das Äquivalent eines seriösen MTV Movie Awards bekommt?

Ernst und Unterhaltung werden beim Oscar wieder getrennt

Einmal davon abgesehen, was ein Preis wert ist, der primär Kassenergebnisse honoriert (bei den Oscars geschieht das bislang sekundär), bildet die Klassifizierung von "populären Film-Errungenschaften" ein indirektes Urteil über alles, was nicht dazu gehört. Die Einführung einer Kategorie für populäre Filme zeugt von einem kriselnden Selbstverständnis der Industrie. Was verspricht Hollywood mit seinen (verbliebenen) Studios, wenn nicht die Utopie einer populären Unterhaltung, die gleichzeitig Kunst ist? In den Oscars - geboren im ausgehenden Stummfilmzeitalter - wird diese Verschmelzung von Kunst und Kommerz, E- und U-Film, zelebriert. Der Best Picture-Oscar wird bereits von Untertiteln und Dokumentationen abgeschirmt. Es entscheidet keine winzige Jury, sondern Tausende Branchenvertreter. Was ist der Oscar, wenn nicht Ausdruck eines Massengeschmacks?

Der inoffizielle Blockbuster-Oscar wirkt nun wie ein Eingeständnis des Ungleichgewichts einer Industrie, die zwischen ihren ultrateuren "Zeltstangen" (jene Blockbuster, welche die Studio-Buchhaltung in die schwarzen Zahlen retten) kaum noch Raum für mittelgroße und kleinere Produktionen bereitstellt. Der kauffreudige Branchenprimus Disney ist für dieses Vorgehen wegweisend. Anders ausgedrückt: Die Oscars sind eine der wenigen verbliebenen Bastionen, in denen die Franchisierung des Filmgeschäfts in die Peripherie des Besten Tonschnitts verbannt wird. Ausnahmen wie die Der Herr der Ringe-Trilogie und Mad Max: Fury Road bestätigen die Regel. Einmal bar jeder Zuneigung zu Tradition und Idealismus bleibt in Sachen "Popularitäts-Oscar" noch eines festzuhalten: Wie wird die Popularität eines Netflix-Films gemessen oder werden diese dank einer überholten Kinokassenfixierung von vornherein ausgeschlossen?

Die Oscars sind ohne den Exzess langweilig

Die weitreichendsten Konsequenzen dürfte die Entscheidung haben, die Oscars ab 2020 bereits Anfang Februar abzuhalten. Das tangiert sowohl das im Januar stattfindende Sundance als auch die zeitgleich laufende Berlinale sowie die Planung von BAFTA Awards und anderen Preisen. Hier dürfte sich die radikalste Änderung für die Oscar-Saison verbergen, die im besten Falle gerafft wird, im schlimmsten einfach noch früher anfängt.

Ob die schwindende Zuschauerschaft wegen einer neuen Kategorie oder einem anderen Termin einschalten wird, darf bezweifelt werden. Deswegen schlägt die Verkürzung der Live-Übertragung wohl in dieselbe Kerbe. Drei Stunden soll die Ausstrahlung nur noch dauern, alle Awards sollen verliehen werden, nur werden wir bei weniger wichtigen eine Art Zusammenfassung sehen. Dem Exzess wird Einhalt geboten, dabei ist er die Grundlage für Chaos und Zufall, für Überraschungen, die über die Frage nach den Gewinnern hinausgehen. Seien wir ehrlich: Die besten Filme des Jahres werden beim Oscar in der Regel außen vor gelassen. Viel wichtiger für den Genuss der Show sind Ausrutscher, Stolpereinlagen, Verwechslungen, Peinlichkeiten, die völlig unerwartete Berührung, eben die Gefühlswallungen, auf die der Gewinner des Besten Live-Action-Kurzfilms ebenso ein Anrecht hat wie der Produzent des Besten Films. Nicht zuletzt weil Erstgenannte häufig weniger poliert daherkommen als ihre Junket-trainierten Kollegen. Wer sich disziplinierte Langeweile in seinen Awards Shows wünscht, kann immer noch die Lolas gucken.

Was sagt ihr zu den Änderungen der Academy?

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