Babylon Berlin

Deutsche Qualitätsserien auf dem Vormarsch - Teil 1: Babylon Berlin

Tom Tykwer am Set seines Hollywood-Films The International
© Sony Pictures
Tom Tykwer am Set seines Hollywood-Films The International
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Seit heute morgen wissen wir endlich, wer für euch die beste Serienfigur aller Zeiten ist. Zunächst einmal seien hiermit respektvollste Glückwünsche an den Gewinner eurer Serienherzen, an Tyrion Lennister aus Game of Thrones, übermittelt. Abseits des Gewinnerjubels lässt sich aber auch noch ein ernüchterndes Fazit zum Voting ziehen, und zwar für den Wahlanteil deutscher Serienproduktionen: Ein kurzer Blick auf die anfänglich 500 Figuren starke Liste des wochenlangen Votings verdeutlicht, dass deutsche Serien(-figuren) im Wahlprozess mal wieder chronisch unterrepräsentiert waren. Das mag zwar einerseits der (film-)kulturellen Dominanz Hollywoods geschuldet sein, als alleinige Erklärung reicht diese jedoch nicht (mehr) aus.

Seit Jahren überschwemmen die US-Amerikaner den internationalen Serienmarkt mit prestigeträchtigen Eigenproduktionen, sogenannten "Qualitätsserien", die im Nu die Herzen der Serienfans weltweit erobern. Andere filmwirtschaftlich starke Länder haben sich nach einer anfänglich entzückten Schockstarre erfolgreich aus ihrer passiven Beobachterrolle gelöst, um von der Konsumenten- auf die Produzentenseite zu wechseln. Allen voran natürlich England. Die Briten haben es verstanden, von Anfang an aktiv mit den neuen hochgelobten amerikanischen Serienproduktionen mitzuhalten, sie gar zu übertrumpfen. Aber das ist ja bekanntlich reine Geschmackssache. Und auch Skandinavien feiert seit geraumer Zeit immer wieder große Erfolge mit sehr spannenden und originellen Serienproduktionen, vornehmlich im Krimi-Bereich. Dass ein Großteil dieser international erfolgreichen Serien, ob aus den USA oder aus Skandinavien, auf dem verheißungsvollen US-amerikanischen "Showrunner-plus-Writers Room"-Produktionsprinzip basiert, kann dabei schlichtweg nicht mehr länger übersehen oder gar ignoriert werden.

Aber was ist derweil eigentlich mit unseren heimischen Serienproduktionen los? Im internationalen Vergleich scheinen wir uns immer noch äußerst schwer zu tun mit dem Thema "Qualitätsserien". Woran das liegt, mag vielerlei Gründe haben, doch an guten Vorbildern mangelt es uns schon mal nicht. Und genügend Zeit und Geld müsste doch eigentlich auch vorhanden sein, oder? Und tatsächlich: Langsam kommt Bewegung in die Sache. Das hat sich sogar schon bis nach Hollywood rumgesprochen. Wir möchten euch in den nächsten Wochen einige der vielversprechendsten neuen deutschen Serienprojekte vorstellen und einen gezielten Blick auf das (internationale) Erfolgspotential dieser aktuellen Produktionen werfen. Den Anfang macht heute das Prestigeprojekt Babylon Berlin.

Babylon Berlin

Babylon Berlin basiert auf der Gereon Rath-Bestseller-Reihe von Volker Kutscher, die von den Erlebnissen eines Berliner Kommissars in den 1920er Jahren erzählt. Mal wieder eine deutsche Krimiserie also. Doch diesmal soll damit ein internationales Publikum erreicht werden. Tom Tykwer, Showrunner der Serie, dazu (via X-Filme):

Seit Jahren suchen wir nach einem Stoff, der diese so außergewöhnliche Epoche [der 1920er Jahre] in einer filmisch aufregenden Form und akutem politischem Kontext wiederbelebt. Mit den Gereon-Rath-Romanen von Volker Kutscher haben wir das perfekte Material gefunden: ein moderner, epischer Polizeifilm in historischem Gewand, der die Weimarer Republik als Schmelztiegel einer taumelnden Welt im Auf- und Umbruch zeigt. Achim von Borries, Hendrik Handloegten und ich wollen daraus eine über mehrere Staffeln angelegte deutsche Fernsehserie bauen, die differenzierte Charakterportraits, atemlose Action und detaillierte historische Recherche in Einklang bringt.

Vor der Kamera übernehmen derweil Volker Bruch (Unsere Mütter, unsere Väter) als Kommissar Gereon Rath und Liv Lisa Fries (Sie hat es verdient) als Charlotte die Hauptrollen.

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Aber nun zum Kern des Ganzen: Babylon Berlin ist zurzeit nämlich das Serien-Großprojekt in Deutschland. Dabei stellt es in vielerlei Hinsicht eine Neuheit in unserer heimischen Film- und Fernsehlandschaft dar. So haben sich für dieses ambitionierte Serienprojekt die öffentlich-rechtliche ARD und der private Medienkonzern Sky Deutschland zusammengetan. Für die ARD bedeutet dies nach der Ausstrahlung von drei sehr erfolgreichen Staffeln ihrer renommierten Serie Weissensee einen weiteren Vorstoß auf dem deutschen Serienmarkt, der sich zurzeit stark im Wandel befindet. Sky Deutschland betritt als Koproduktionspartner einer seriellen Eigenproduktion derweil Neuland.

So oder so sind die Augen der Konkurrenz groß und der Zusammenschluss der beiden Fernsehinstitutionen erweist sich als eine gute Entscheidung, betrachtet man allein die immens hohen Kosten dieses Mammut-Projekts: Rund 40 Millionen Euro sollen in die Produktion der ersten 2 Staffeln, die zusammen 16 Folgen umfassen und am Stück gedreht werden sollen, fließen. Erfolgsproduzent Stefan Arndt, der mit seiner Produktionsfirma X-Filme hinter dem Projekt steckt, und Beta-Film-Chef Jan Mojto, der sich mit seiner Firma um den Weltvertrieb der Serie kümmern wird, betonten derweil auf einer Pressekonferenz vom 10.02.2016, dass ihre Serienproduktion damit (zumindest schon einmal finanziell) auf allerhöchstem internationalen Niveau realisiert werden wird. Pro Folge à 60 Minuten läge das Produktionsbudget von Babylon Berlin nämlich bei 2,5 Millionen Euro, das sei die oberste Liga internationaler Serienproduktionen (via DWDL). Zum Vergleich: Breaking Bad lag damals bei etwa 3 Millionen US-Dollar pro Folge, Game of Thrones kommt zurzeit angeblich auf ein Produktionsbudget zwischen 6 bis 10 Millionen Dollar pro Episode.

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Und auch die kreative Chefetage des Großprojekts kann sich sehen lassen. So nimmt der international erfolgreiche Regisseur Tom Tykwer offiziell die Position des Showrunners ein, was einer kleinen Revolution in der deutschen Film- und Fernsehbranche gleichkommt. Noch nie zuvor wurde bei einer deutschen Serienproduktion dieser Rang, diese leitende Führungsposition, die die kreative Handlungs- und Entscheidungsgewalt nahezu in einer Person zentriert, (offiziell) vergeben. Gemeinsam mit den renommierten Filmemachern Achim von Borries und Hendrik Handloegten hat Tom Tykwer außerdem in einem kleinen, aber feinen Writers Room ganze 3 Jahre an Konzept und Drehbüchern des ehrgeizigen Serienprojekts gefeilt. Auch die Regie der rund 200 veranschlagten Drehtage in Berlin, Potsdam und Nordrhein-Westfalen wird auf das Konto der drei Ko-Autoren gehen.

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Fazit und Ausblick

Das Großprojekt Babylon Berlin sprengt den Produktionsrahmen aller bisher dagewesenen deutschen Serienprojekte. Es werden große Geschütze aufgefahren. Ob sich dies auch in der inhaltlichen und ästhetischen Qualität der Serie niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Davon werden wir uns erst 2017 im Pay-TV bei Sky oder 2018 im Free-TV im Ersten überzeugen können. Aber die Chancen stehen gut, dass Babylon Berlin alle bisherigen deutschen Serienprojekte in den Schatten stellen und eine neue Ära der Serienproduktion in Deutschland einläuten wird. Auch Showrunner Tom Tykwer äußerte sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung noch einmal euphorisch zu seinem allerersten Serienprojekt:

Ich wollte etwas machen, das im Berlin der Zwanzigerjahre spielt, die Romane von Volker Kutscher waren die Steilvorlage. Und Serien sind die interessanteste neue Form für Filmemacher der Gegenwart. [...] Man kann durchaus sagen, dass Serien eine Zeitenwende im Erzählen sind.

Allen, die sich vor der Ausstrahlung von Babylon Berlin noch einmal von Tom Tykwers Filmemacher-Qualitäten überzeugen wollen, sei derweil sein neuer Kinofilm Ein Hologramm für den König mit Tom Hanks, der gestern, am 28.04.2016, seinen Kinostart in Deutschland feierte, wärmstens empfohlen.

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