Der Pate 2 - Abbild eines im Zerfall befindlichen Mannes

Al Pacino als Michael Corleone allein in Der Pate 2
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"Why, Mr. Anderson... Why? Why? Why do you persist?"

Der Pate 2 zieht den Zuschauer hinein in Michaels Welt, während sie Stück für Stück alle anderen Figuren verlassen müssen. Weil der Zuschauer immer tiefer in dessen Leben eintaucht, wird er zunehmend zu Michaels (Al Pacino) letztem Vertrauten. In einem episodisch erzählten Film sind wir Zeugen seiner Arbeit, seiner politisch-taktischen Spielchen, seines Kampfes ums Überleben, seines Strebens nach Macht und seines Versuchs die Vergangenheit hinter sich zu verschließen.

Die verschiedenen Schauplätze des Films (Das Familienanwesen in Lake Tahoe, Nevada, Kuba, Miami, New York) repräsentieren Kurzgeschichten aus seinem Leben, ihre jeweilige Handlung sind Momentaufnahmen seines Charakters.

Zeitlupen aus einem Rennen gegen die Zeit

Michaels Geschichte beginnt mit einer Familienfeier auf seinem Familienanwesen. Es ist die Kommunion seines erstgeborenen Sohnes Anthony. Den Tag verbringt er damit, Besprechungen mit seinen neuen Geschäftspartnern abzuhalten. Noch in Teil 1 war es sein Ziel, innerhalb von fünf Jahren ein legales Unternehmen zu führen. Zum Zeitpunkt von Teil 2 ist er bereits zwei Jahre hinterher.

Als am späten Abend ein Attentat auf Michaels Leben und die seiner Familie scheitert, wird dem Zuschauer bewusst, wie tief Michael immer noch in der Welt der Mafia festhängt. So bricht er offiziell auf einen Geschäftstrip nach Miami und Kuba auf, wo er groß unter der Batista-Diktatur investieren will, aber eigentlich ist er damit beschäftigt, möglichst schnell herauszufinden, wer ihm nach dem Leben trachtet. Der Film geht das so langsam an, dass der Zuschauer vergessen kann, in was für einem Rennen gegen die Zeit Michael eigentlich steckt. Bei 200 Minuten Laufzeit hat die Geschichte ungewöhnlich viel Raum, dafür dass ihrem Protagonisten die Zeit zwischen den Fingern verrinnt. Diese gegenläufige Inszenierung kommt der Verwendung der Zeitlupe im Sport gleich. Jede Phase einer Aktion wird zu ihrer eigenen Geschichte. Nur so wird der Prozess der Veränderung, den ein Mensch in einer derartigen Drucksituation durchmacht, langsam aber sicher deutlich.

Michael versucht, seine amerikanischen Geschäftspartner gegen seine alten Mafia-Angehörigen auszuspielen, um herauszufinden, wer ihm nach dem Leben trachtet: die Vergangenheit oder die Zukunft. Im Zuge dessen begibt er sich nach Kuba, um dort seine Investition von 2 Millionen Dollar zu überwachen. Stattdessen wird er Zeitzeuge von Fidel Castros Revolution und flüchtet in letzter Minute.

Nach seiner Abwesenheit kehrt er zurück in eine Familie, die ohne ihn aus den Fugen geraten ist. Seine Frau Kay (Diane Keaton) hat ihre dritte Schwangerschaft abgetrieben und verlässt ihn. Er findet heraus, dass es sein Bruder Fredo (John Cazale) war, der ihn an den Geschäftspartner Hyman Roth (Lee Strasberg) verriet und das Attentat ermöglichte. Er muss sich vor einem Senat in Nevada in einer Anhörung äußern, denn es wird ihm vorgeworfen indirekt an zahlreichen Morden beteiligt gewesen zu sein. Kurz darauf stirbt seine Mutter.

Seine letzte Tat im Film ist der Rachemord an seinem Bruder, den er beim Angeln im Familiensee erschießen lässt.

Eine Handlung, so spärlich zusammengehalten wie Michael selbst

Während der Film sich in seinem Tempo nicht an die tumultartigen Ereignisse und Wendungen in Michaels Leben hält, bildet er indes die Psyche seines Protagonisten unnachgiebig ab. Der Pate 2 ist das Abbild eines im Zerfall begriffenen Mannes, der mit letzter Kraft sein Leben beieinander hält und – nachdem er all seine Moralvorstellungen dafür geopfert hat – langsam dabei ist, den Verstand zu verlieren.

Der Film wird von Dialogzeilen, bekannten Gesichtern und einer Reihe von Namen zusammengehalten. Handlung findet zu einem Großteil in den Sätzen der Akteure statt. Der Auftritt einer Person oder ihre Abwesenheit im Bild erzählt, inwiefern sich die Handlung entwickelt hat. Vom Publikum wird während der Betrachtung verlangt, sich mental ein Profil von den wichtigsten Charakteren zu erstellen. Denn nur so lässt sich herausfinden, wer wann lügt und wer wann die Wahrheit sagt.

Genau wie es Michael tut, wenn er allein ist, driftet auch der Film immer wieder in eine romantische Vergangenheit ab: In die jungen Jahre von Vito Corleone (Robert De Niro), des ursprünglichen Paten. Seine Version des amerikanischen Traums ist das nostalgische Gegenstück zu Michaels düsterer US-Realität.

Während Vitos Aufstieg vom Willen geprägt ist, sich nicht mehr herumschubsen zu lassen und ein anständiges Auskommen für seine Familie zu erwirtschaften, ist Michael voller Stolz und Machtsucht. Vitos Vendetta gegen den sizilianischen Mafiaboss Don Ciccio, der einst seine ganze Familie tötete, ist fair und berechtigt. Währenddessen ist Michaels Rachemord an seinem ehemaligen Geschäftspartner Roth kleinlich und wertlos. Denn Roth ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon ein todkranker, von der Gesellschaft und der Geschäftswelt geächteter Mann. Vitos Ehe ist geprägt von gegenseitiger Rücksicht und Respekt. Michael schafft es nur mit Gewalt Kay davon abzuhalten, im Zuge der Trennung die Kinder mit sich zu nehmen.

Wie es anfing, aus den Fugen zu gleiten

Der Pate 2 geht das hohe Risiko ein, sich komplett mit der Lebenswelt von Michael Corleone zu identifizieren. Francis Ford Coppola tat das bereits in Der Pate, aber dort war es die Welt des alternden Vito Corleone (Marlon Brando). Sie war groß und aufregend. Entsprechend erschien die Mafia dort spannend und das Publikum konnte sich mit den Geschichten um eine patriarchalische Familie und die Bewahrung traditioneller Werte identifizieren.

Teil 2 ist ähnlich kompromisslos, indem es ein einsames, klaustrophobisches Bild von Michael Corleone entwirft, in dem niemandem getraut werden darf und die Macht alle Mittel rechtfertigt. In Michaels Kopf gibt es keine Sympathien für andere Personen. Deren Motivationen sind ihm und dem Film gleichgültig. Als einziges Gegenmittel zu seiner Unsicherheit funktioniert die nostalgische Vorstellung vom früheren Leben seines Vaters.

So endet dieser Film auf die einzige Weise, die Sinn ergibt. Michael sitzt allein im Garten seines Anwesens. Übrig ist nur noch der Zuschauer, der ihn über drei Stunden begleitet hat und jetzt als letzter noch neben ihm steht. Dort sitzt Michael nun, nachdem er sogar den eigenen Bruder umgebracht hat, und fragt sich, wie alles angefangen hat, derart aus den Fugen zu geraten.

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