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Da stimmt was mit den Oscars nicht?

Diversität bei den Oscars, schön wär's
© René Gebhardt
Diversität bei den Oscars, schön wär's
18.01.2016 - 09:10 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Da stimmt nicht nur was mit den Oscars nicht, sondern mit der gesamten US-Filmindustrie. Denn diese verweigert sich noch immer systematisch ihrer eigenen Diversifizierung. Da sind die Oscars, die das zweite Jahr in Folge rein weiße Nominierungen vergeben haben, nur das i-Tüpfelchen.
They give an award for everything nowadays. Greatest Fascist Dictator: Adolf Hitler! - Der Stadtneurotiker

Ja, in der Tat, die Academy Awards haben nicht mehr den Stand, den sie noch vor 20 Jahren, geschweige denn vor 50 Jahren hatten. Immer mehr Preise werden in der Filmindustrie vergeben, immer mehr wird sich selbst gratuliert und immer weniger ist Film das Leitmedium schlechthin. Vor allem im monetären Sinne haben die Games und die VoD-Industrien die Filmindustrie schon längst ein- und überholt.

Trotzdem, die Oscars sind nicht völlig wertlos. Sie sind immer noch eine riesige Show, sie haben immer noch die Kraft, Stars zu machen und Filme zu pushen, die vorher nicht so viel Aufmerksamkeit erlangen konnten. Und sie haben noch immer einen kommerziellen Wert. Wer einen Oscar verliehen bekommt, hat seinen Marktwert, zumindest für eine Weile, erhöht. Die kulturelle Relevanz finde ich allerdings viel interessanter als die marktwirtschaftliche. Denn jedes Jahr zeigen die Oscars, oder vielmehr die Entscheidungen darüber, wer nominiert wird und wer gewinnt, ein sehr klares Spiegelbild der US-amerikanischen Filmindustrie. Und das ist auch für uns relevant, immerhin ist es genau diese Industrie, die unsere Filmwelt am meisten bestimmt und lenkt.

Was zeigt also dieses Spiegelbild der wichtigsten Filmindustrie der westlichen Hemisphäre? Es zeigt, polemisch gesagt, einen weißen Mann. Ich gehe davon aus, dass jetzt niemand von euch über diese Erkenntnis überrascht ist. Und das ist wiederum das Schreckliche. Wir sind es gewohnt. Aber, was wenn ich euch sage, dass die Academy Awards der Jahre 2015 und 2016 die am schlechtesten aufgestellten Jahrgänge in Sachen Diversity seit 1998 sind? Das heißt: Es ist nicht nur nicht besser geworden, es hat sich tatsächlich verschlechtert. Den "OscarsSoWhite"- Hashtag aus dem letzten Jahr können wir also gleich weiterverwenden.

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An dieser Stelle ist natürlich der Einwand berechtigt, dass die Academy Awards eben an beste Leistungen und nicht an Diversity-Parameter vergeben werden. Das stimmt. Aber ganz so einfach ist es nicht. Aber um das näher zu beleuchten, brauchen wir Statistiken.

Wer wählt da eigentlich?

Grundsätzlich gibt die Academy keinerlei Demografie ihrer Mitglieder heraus. Die L.A. Times  hat aber, dank einer wunderbaren Investigativ-Abteilung, trotzdem die Zusammensetzung berechnen können. Und die sieht so aus:

  • 94 % aller Wahlberechtigten sind weiß
  • 77 % aller Wahlberechtigten sind männlich
  • das Durchschnittsalter liegt bei 63 Jahren


Wie wird man eigentlich Mitglied? Es gibt drei Wege. Entweder wurde man für einen Oscar nominiert, oder man wird von einer Kommission vorgeschlagen, oder es gibt zwei Mitglieder, die einen empfehlen. Wie wahrscheinlich ist es also, dass die Academy sich mehr diversifiziert? Relativ unwahrscheinlich. Die neue Vorsitzende der Academy, Cheryl Boone Isaacs (eine afroamerikanische Frau), wird zwar nicht müde stets zu erwähnen, dass man sich bemüht, mehr Varianz in den Altherrenclub zu bringen, doch die Bewegungen, die hier getan werden, sind so minimal, dass Hochrechnungen besagen, dass im Jahr 2023 die Zusammensetzung nur minimal diversifizierter sein würde.

Wer steht zur Wahl?

Schauen wir uns die andere Seite an. Wer steht eigentlich zur Auswahl? Nun, auch diese Seite des Business ist überwiegend weiß und männlich. Die Frage beginnt schon beim Drehbuch. Die meisten Rollen werden schon von Anfang an auf ProtagonistInnen eines bestimmten Kulturkreises und eines bestimmten Aussehens zugeschnitten. Die Rollen werden dementsprechend dann auch gecastet. In Sachen Hautfarbe werden People of Color also oft von Anfang an gar nicht mitgedacht oder automatisch ausgeschlossen. In Sachen Geschlecht ist es noch etwas komplizierter. Zwar gibt es jetzt eine kleine Bewegung, Filme, die eigentlich männlich konzipiert waren, mit Frauen zu besetzen  (Ghostbusters, das neue Ocean's Eleven Remake etc.), das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Fakt  ist, dass 2015 nur etwa 12 % aller Hauptrollen der Top 250 Filme mit Frauen besetzt werden. Fast alle davon waren weiß und heterosexuell, in ihren 20ern bis 30ern und bekamen weit weniger Gage als ihre männlichen Kollegen.

Fakt ist auch, dass Frauen als Regisseurinnen, Produzentinnen, Kamerafrauen etc. nur mit mageren 19 % bei den Top 250 Filmen vertreten waren, wobei hier die Zahl noch einmal drastisch abfällt, wenn man die großen Studioproduktionen herausfiltert.

Genau hier ist es also schon klar, wieso die Academy Awards so einseitig in ihrer Repräsentation sind. Weil es die gesamte Industrie ist. Das erklärt aber leider nicht alles, denn trotz aller Probleme und Steine, die Frauen und Minoritäten in den Weg gelegt werden, gelingt es jedes Jahr ein paar Filmen, die weiße, männliche Barriere zu durchbrechen und Filme mit diversem Hintergrund zu produzieren, die dazu noch großen künstlerischen und kommerziellen Erfolg haben. Also perfekte Oscar-Kandidaten, wenn man dem Ideal Glauben schenkt, dass die Academy eben die besten Leistungen und nicht die für ihr Weltbild passendsten belohnt.

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