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Christoph Schlingensief läutet Talkshow-Apokalypse ein

01.08.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Christoph Schlingensief - Der geborene Talkmaster
© Edition Salzgeber
Christoph Schlingensief - Der geborene Talkmaster
Christoph Schlingensief war ein ganz Großer. Schriftsteller, Aktionskünstler, Anarchist, Theater-, Opern-, Filmregisseur und selbsternannter Talkshow-Master. Denn das kann ja jeder werden, meint er in Talk 2000, der verdienten Apokalypse des Daily Talk.

“Wollt ihr die totale Talkshow?”

(Christoph Schlingensief)

Als ich vor einigen Wochen durchs Lager von Edition Salzgeber stöbern durfte, fiel mir eine DVD mit allen Folgen von Christoph Schlingensiefs trashiger Talkshow-Satire Talk 2000, produziert im Jahr 1997, inszeniert von Regisseurin Cordula Kablitz-Post, in die Hände. Bloß die Episode mit Beate Uhse zu Gast fehlt, da sich die Grande Dame der erotischen Freizügigkeit in Schlingensiefs eigenem Sende-Format so sehr in die Ecke getrieben saß, dass sie gerichtlich gegen eine Verbreitung der Aufzeichnung vorging. Alles stehen und liegen lassend, saß ich den restlichen Tag mit Popcorn vorm Fernseher und ekelte mich vor meiner eigenen Schaulust, die das hibbelige Multitalent Christoph Schlingensief in seinem Talkmaster-Versuch Talk 2000 nicht nur verlangt, sondern auch pervertiert und unterwandert. Mit Talk 2000, einer Talkshow, in der alles passieren kann, darf und soll, schlägt der 2010 verstorbene Regisseur und Aktionskünstler Schlingensief das Talk-Format mit seinen eigenen Waffen – Konfrontation & Emotionen bis es weh tut und die Abgründe so tief sind, bis tatsächlich etwas Echtes zum Vorschein kommt. Talk 2000 ist die verdiente Apokalypse des Daily Talk in seinen finalen Stunden.

Die Ära des Daily Talk
Auch das Schlimmste geht vorbei. Und kommt meist irgendwann wieder. Für alle, die sich nicht mehr so recht an 1997 erinnern (wollen): Ende der 1990er Jahre hatten tägliche Talkshows die deutschsprachige Medienlandschaft an den Kabeln, sozusagen. Im Radio liefen Puff Daddys I’ll Be Missing You und Toni Braxtons Un-Break My Heart. Die Backstreet Boys und Spice Girls regierten die großen Showbühnen. Auf MTV gaben sich hysterische Teenies ihrem Selbstverletzungsdrang hin, während jedes “fuck” penibel weggebiept wurde. Lange Zeit bevor Bauern anfingen, vor laufender Kamera im Frauen zu suchen, exhibitionierte sich der sogenannte White Trash kurz vor der Jahrtausendwende in ProSiebens Arabella, Andreas Türck, RTLs Bärbel Schäfer, Ricky!, in der Oliver Geissen Show und viele mehr. Die Talkmaster hat das Zepter der Fremd-Erniedrigung in der Hand und bildeten bei diesem Format-Verbrechen der täglichen Talkshow den einzigen Fixpunkt zwischen kurios betitelten Showthemen wie “Keine Arbeit, keine Freunde und jetzt auch noch schwanger”. Doch nie war der Talkmaster so präsent wie Christoph Schlingensief in seiner Parodie Talk 2000, deren acht Folgen auf RTL und später im wertvollen Kulturfenster von Alexander Kluges dctp zu sehen waren.

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