Assassination Nation will euer neuer Lieblings-Kultfilm sein

Assassination Nation
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Assassination Nation
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Am Ende rollte eine Welle kathartische Energie durchs Kino. Beim Filmfestival in Sitges zeigen sich die Zuschauer generös in ihrem Applaus, besonders wenn es deftige Todesszenen zu verdauen gibt. Szenenapplaus gehört zur Erfahrung dazu, ob beim Kurzfilm oder dem starbesetzten Kampfschrei gegen Frauenfeindlichkeit, toxische Maskulinität und prüde Heuchelei. Das Einzige, was in Assassination Nation fehlt, ist ein Bitte-Klatschen-Schild, so sehr biedert sich die auf woker Kultfilm getrimmte Satire von Sam Levinson an. Darin wird eine Vorstadt durch einen Hack ins Chaos gegenseitiger Verdächtigungen und Anschuldigungen gestürzt. Reinigung verspricht nur die geballte Wut gegen ein paar Mädchen, die zum Leidwesen des vorwiegend männlichen Mobs Zugriff auf ein Waffenarsenal erhalten. Würde The Purge auf einem aufgeklärten Twitter-Thread über repressive Frauenbilder und Transphobie basieren, dann sähe der anarchische Maskenball so aus wie Assassination Nation. Der will der nächste große Kultfilm sein und zeigt sich darüber äußerst selbstzufrieden. In seiner immanenten Nervigkeit stolpert Assassination Nation allerdings über einen Funken Wahrheit über den Jugendlichen im Zeitalter seiner technischen Selbst-Reproduzierbarkeit. Wer sich im Kino nach anti-trumpistischem Agitprop mit reichlich Unterhaltungspotenzial sehnt, findet in Assassination Nation derweil seine hundertzehnminütige Erlösung.

Am stärksten ist Assassination Nation in der Darstellung des Social Media-Lebens

Salem heißt die Vorstadt, in der unsere Heldinnen Lily (Odessa Young), Sarah (Suki Waterhouse), Bex (Hari Nef) und Em (Abra) leben, nur werden die Hexenprozesse in Assassination Nation über Reddit-Kommentare und Instagram-Likes entfacht. Zunächst widmet sich das Drehbuch dem Social Media- und Party-affinen Leben der jungen Frauen, angetrieben durch Lilys Monologe über den Zustand ihrer Generation. Die teilt so viel von sich mit der Öffentlichkeit, aber doch nur Fragmente dessen, was die anderen sehen wollen. Aus den 10.000 Stunden, um mal Malcolm Gladwell zu paraphrasieren, sind die 10.000 nackten Selfies geworden, die eine öffentliche Persona formen, welche die wahre Persönlichkeit erstickt. In einer der visuell ausdruckskräftigen Gesten des poppigen Films dritteln das Rot, Weiß und Blau der amerikanischen Flagge die Bilder, fragmentieren und ordnen zu, bevor dieser dreifache Split-Screen in den Selbstporträts der Jugendlichen aufgeht: Hochkant-Videos mit Grüßen an die anonymen Liker da draußen. Von den Stars and Stripes in zwei Schritten zur Wärmequelle ihrer jüngsten Generation: dem Smartphone-Display.

In diesem ersten Drittel, in dem Assassination Nation sich am Lebensstil der Schüler labt, sodass deren Selbstinszenierung in den sozialen Medien auf den Film übergreift, kommt die Satire ihrer Zielscheibe am nächsten. Denn obwohl die Vorstadtwelt überzeichnet wird, wirken die zentrifugalen Kräfte von Instagram, Facebook und Twitter, wie sie hier dargestellt werden, durchaus realistisch. Levinson, der auch das Drehbuch geschrieben hat, schüttelt nicht über die Jugendlichen den Kopf. Assassination Nation ist nicht die ersten zehn Minuten von Michael Hanekes Happy End oder jedes zweite Procedural über Kinners, die mal an die frische Luft gehen sollten. Erst mit der Entfaltung des Hacker-Plots und der anschließenden Rache-Orgie gehen die satirischen Triebe von Assassination Nation zugunsten einer anbiedernden Selbstbefriedigung ein.

Assassination Nation wird zur Petrischale einer männlichen Wut

Zunächst geraten die Geheimnisse des Bürgermeisters durch den Hack eines Unbekannten ans Licht. Er jagt sich vor laufenden Kameras eine Kugel in den Kopf, ganz so wie der reale US-Politiker Budd Dwyer im Jahr 1987 bei einer Pressekonferenz. Das ist, wenn man so will, der mediale Suizid der Elterngeneration in Assassination Nation: im Fernsehen angelernt. Als der Hack sich ausweitet, kommt Lilys Beziehung zu einem Vater aus der Nachbarschaft ans Licht, die ihren Freund (Bill Skarsgård) in Rage versetzt. Aus ihm wird Es, allerdings nicht Pennywise, sondern die personifizierte männliche Rage, zwei 4Chan-Memes von einem Fackelmarsch durch Charlottesville entfernt.

Das Chaos bricht los in Salem und findet seine Visualisierung interessanterweise in der geordneten Choreografie. Sprang der Girls-with-Guns-and-Hashtags-Reißer vorher in Split-Screens und ADHS-Schnitten von Schüler zu Lehrer zu Elternteil, bündelt er die Gewalt in einer Plansequenz. Masken tragende Männer (gibt es Online-Shops für angehende Purger?) umzingeln das Haus von Lilys Freundin Em. Voyeuristisch tut es ihnen die Kamera gleich. Mit ihr beobachten wir die nichts ahnenden Mädchen durchs Fenster, während hinter ihnen Bewaffnete ins Zimmer schleichen wie in einem Slasher-Film. Es ist der frühe Höhepunkt in einem Film, der Salem als Petrischale eines vom Hass zersetzten Landes anlegt, um gleich darauf einen Liter Desinfektionsmittel darüber auszuschütten. Die Plansequenz fasst denn auch die Vorzüge von Assassination Nation zusammen: Das Gepose des Films ist letztlich viel aussagekräftiger als das Gepose im Film.

BuyBust stellt den Drogenkrieg als frenetische Bilderflut dar

Der Angriff auf das Haus eröffnet eine Parallele zum bisher besten Film, den ich in Sitges gesehen habe. Ebenfalls politisch angehaucht ist BuyBust vom philippinischen Regisseur Erik Matti (On the Job). Darin landet eine Elitetruppe bei einem Einsatz gegen Drogendealer in einem klaustrophobisch engen Wellblech-Slum. Die brutale Antidrogen-Kampagne des Autokraten Rodrigo Duterte füllt den nicht beim Namen genannten realen Hintergrund des Films. Im Vordergrund allerdings steht das blanke Überleben, als das Grüppchen von Bewaffneten in dem Labyrinth zum Freiwild für Gangster und Zivilisten wird. Erik Matti geht die Action mit einer quasi-dokumentarischen Nähe an, sodass sich die Schießereien und Nahkämpfe in einer frenetischen Bilderflut aus Blutspritzern und taumelnden Körpern in neonfarbenen Gassen Bahn brechen.

Bis der atemlose Rhythmus von einer Plansequenz unterbrochen wird. Darin kämpft sich unsere Heldin (Anne Curtis) durch mehrere Stockwerke von Wellblechhütten gegen dutzende Gegner, schubst, sticht und springt von Dach zu Dach, alles ohne sichtbaren Schnitt. Auf einmal ist das zuvor so greif- und riechbare Slum eine Kulisse in einem Filmstudio. Für ein paar Minuten wird in dem Film die eigene Künstlichkeit bloßgestellt. Gleichzeitig wird die Action überhöht, die Choreografie der Gewalt rückt in den Vordergrund. Sie ist pure Inszenierung in dieser Sequenz, die zwar aus dem Film reißt, aber auch seinen Kern offenbart. Das Stück wird wiederholt werden, ohne Sinn und Zweck über die Inszenierung hinaus, bis man unter den ganzen Leichen die Wellblechdächer nicht mehr sieht.

Assassination Nation ist demgegenüber Ausdruck der Weltoffenheit und Aufgeklärtheit als Performance. Die Selbstzufriedenheit wird mit Ansage vorausgeschickt, immerhin beginnt der Film mit ironischen Trigger-Warnungen vor Gewalt, Sexismus und Homophobie, die den Zuschauer bei der Reise nach Salem erwarten. Dabei fehlt das nötige Störfeuer. Es fehlt das Unbehagen. Die verchromten Ecken und Kanten von Assassination Nation glänzen gefährlich, aber sie bleiben blutiger Glitter, der übers gemeinsame Schulterklopfen herabregnet. Was den Film dann doch in ein effektives Bild der Zeit verwandelt.

Habt ihr schon eure Purge-Maske bestellt?

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