Fragtime

Anime im Kino: Mein Abend mit einer problematischen Liebesgeschichte

Misuzu und Haruka, die Fragtime-Hauptfiguren
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Misuzu und Haruka, die Fragtime-Hauptfiguren
25.08.2020 - 20:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Was würdest du tun, wenn du die Zeit anhalten könntest? Mit dieser Frage spielt Fragtime und entspinnt darum eine für das Yuri-Genre eher ungewöhnliche romantische Story.

Heute gehen die KAZÉ Anime Nights in ihre nächste Runde und nachdem wir uns letzten Monat mit dem Schmerz des Loslassens befassten, gibt es heute die volle Romantik-Breitseite - und das sogar gleich mit zwei Filmen! Nachfolgend widmen wir uns zunächst Fragtime, einer OVA (Original Video Animation), deren junge Protagonistin für wenige Minuten die Zeit stillstehen lassen kann.

Allerlei Schabernack, aufkeimende Liebe und vorgetäuschtes Glück

Oberschülerin Misuzu verfügt über eine ganz besondere Fähigkeit: jeden Tag kann sie für drei Minuten die Zeit komplett einfrieren und sich dann als einzige noch bewegen. Ihre Kraft nutzt sie vor allem, um unangenehmen Situationen zu entgehen und einmal, um ihrer Mitschülerin Haruka unter den Rock zu schauen - was diese bemerkt! Aus irgendeinem Grund wird sie nicht von Misuzus "Superkraft" beeinflusst.

Beide beschließen, diese für sich zu nutzen und stellen fortan einige Späße an und kommen sich sogar näher. Sie beginnen eine Beziehung, doch so sehr sich Misuzu auch darüber freut, eine Freundin zu haben, scheint Haruka nie aufrichtig Glück zu empfinden. Doch woran könnte das liegen?

Misuzu sieht Haruka hinterher

Im Grunde genommen handelt es sich bei Fragtime um eine relativ gewöhnliche Yuri-Geschichte (Girls-Love), die mit etwas Science-Fiction aufgemotzt wurde. Wie viele weitere Genre-Vertreter versucht die Manga-Adaption dabei, die aufkeimende Liebe der beiden Hauptfiguren zu ergründen, steht sich bei diesem Vorhaben allerdings oft selbst im Weg, etwa mit ihrem recht holprigen Start.

Sexuelle Belästigung als Ausgangspunkt einer gesunden Beziehung (?)

Dieser hängt vor allem damit zusammen, wie die beiden jungen Hauptfiguren zusammenkommen. Haruka sagt kurz nach jenem Ereignis zu Misuzu, sie könnten gerne ein Paar sein, doch diese Entwicklung wirkt zunächst wenig glaubhaft. Ihre erste richtige Interaktion war schließlich eine sexuelle Belästigung und aus einer solchen Begebenheit erwächst wohl kaum eine dauerhafte gesunde Beziehung. Ein Umstand, der darüber hinaus wohl auch einigen Zuschauern sauer aufstoßen könnte.

Ein weiteres Problem hierbei ist der recht unausgegorene Ton der OVA. Es fehlt Fragtime schlicht an einer narrativen Struktur, welche die Geschehnisse zusammenhält. Nach einer lebensfrohen ersten Hälfte, die durch eine fast schon verspielte Leichtigkeit getragen wird, rücken in der zweiten Hälfte zusehends dramatische Elemente in den Fokus. Deshalb wirkt es so, als hätten sich die Verantwortlichen auf keinen einheitlichen Kurs einigen können.

Misuzu will Haruka unter den Rock gucken

Unter all diesem Durcheinander leiden letztendlich vor allem die zwei Hauptcharaktere, denn wegen des sehr sprunghaften Pacings wird Harukas Belästigung schnell beiseite geschoben, um Raum für heiterere Momente zu schaffen. Folglich werden Misuzus Tat und die daraus resultierenden Konsequenzen nie tiefgreifender behandelt, obwohl die OVA einen großen Fokus auf die Auswirkungen schlechter Aktionen legt. Die Nicht-Behandlung ist deshalb schade, da dieser ungewöhnliche und auch fragwürdige Ansatz Raum für eine etwas andere Yuri-Geschichte eröffnet, deren Heldinnen viele Ecken und Kanten haben.

Der schwierige Weg zur Liebe

Viele Girls-Love-Storys rücken ähnliche Figuren in den Mittelpunkt: eine der beiden Protagonistinnen ist in der Regel etwas naiv, zurückhaltend und auch etwas tollpatschig, während ihr Gegenstück eher ein wenig tougher auftritt. Obwohl meist wenigstens eine von ihnen zunächst einen gewissen inneren Konflikt überwinden muss, wird eher wenig Zeit darauf verwendet, die negativen Seiten des Charakters aufzuzeigen.

Fragtime geht hier einen anderen Weg, was die OVA von vielen Yuri-Konkurrenten abhebt, denn weder Misuzu noch Haruka sind perfekt. Dies macht sie als Figuren durchaus spannend und allein dafür verdient sich diese Story schon ein Lob. Allerdings agiert besonders Misuzu teils widersprüchlich zu ihren Charaktereigenschaften. Obwohl sie bewusst Haruka unter den Rock schaut und somit eine "übergriffige" Seite zu haben scheint, versucht die OVA anschließend wiederholt zu zeigen, wie liebenswürdig und schüchtern sie sei.

Haruka und Misuzu

Im Gegensatz zu ihrem Counterpart Haruka gibt es für Misuzus konträre Handlungen jedoch keine richtige Erklärung. Wie die narrative Struktur ist somit auch Misuzus Charakterzeichnung eher inkonsistent. Bei Haruka gelingt dies besser, denn im finalen Akt der OVA dürfen wir Zuschauer tief in ihre Gefühlswelt hineinsehen und bekommen so aufgezeigt, wieso sie sich dennoch auf eine Beziehung mit Misuzu eingelassen hat. Dies gipfelt in den emotional ergreifendsten Momenten der gesamten Geschichte.

Ein etwas anderer Yuri-Anime

Kurzum: Fragtime ist eine Yuri-Story, die einen etwas anderen Weg einschlägt als es viele weitere Vertreter des Genres tun. Damit dürfte die OVA sehr wahrscheinlich bei einigen Zuschauern anecken, denn mit dem Ausgangspunkt von Misuzus und Harukas in Ansätzen toxischer Beziehung könnte der eine oder andere durchaus Probleme haben.

Dass in diesem Fall Opfer und Täter eine Liebesbeziehung eingehen, ist immerhin kein sonderlich guter Start für eine gesunde Partnerschaft. Auch wenn die zwei jungen Hauptfiguren am Ende mehr übereinander erfahren und somit auch wir einen Blick auf ihre wahren Gefühle erhaschen können, bleibt fraglich, ob ihrer so problematisch begonnenen Liebesgeschichte ein gutes Ende vergönnt sein wird.

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Die Besorgnis der Hauptfiguren um die Konsequenzen ihrer schlechten Handlungen sowie ihre alles andere als "glatt gebügelten" Charaktere heben sie aus der Masse hervor, auch wenn mehr Zeit nötig gewesen wäre, um diese Thematik noch eingehender zu ergründen. Dass ihre Liebesgeschichte dennoch fesselt, liegt auch an den motivierten deutschen Sprecherinnen, die den Figuren gekonnt Leben einhauchen und deren Emotionen glaubhaft zu transportieren vermögen.

Am Ende bleibt Fragtime somit leider hinter seinen Möglichkeiten zurück, da der Entwicklung der beiden Protagonistinnen nicht genug Raum zugestanden wird. Wenn sich der Zuschauer jedoch mit dem etwas unglücklichen Start arrangieren kann, dann entfaltet die OVA gerade wegen ihrer Ecken und Kanten durchaus einen gewissen Charme. Somit dürfte diese Geschichte besonders für all jene Girls-Love-Fans einen genaueren Blick wert sein, die einen etwas raueren Yuri-Anime ohne "Heiter Sonnenschein" erleben möchten.

Fragtime läuft nur heute, den 25. August 2020, als Double-Feature mit Kase-san and Morning Glories in ausgewählten deutschen Kinos.

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