Angststörung durch einen Horrorfilm: Ring hat mir Jahre meines Teenager-Lebens gestohlen

The Ring - Trailer (Deutsch)
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Samara aus der Ring-Reihe – bis heute ein starkes Argument gegen weiße Nachthemden.Abspielen
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Samara aus der Ring-Reihe – bis heute ein starkes Argument gegen weiße Nachthemden.
20.10.2021 - 15:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Ring gehört zu den Horror-Klassikern, die man eigentlich gesehen haben muss. Ich sah den Film als Teenager – und würde es bis heute gerne rückgängig machen.

Ich weiß noch ganz genau, wo ich war, als ich das erste Mal gesehen habe, wie Samara aus einem Fernseher kriecht. Damals war ich 12, kauerte auf dem Kinderzimmerboden einer Freundin und starrte voller Horror auf das schmuddelige Mädchen mit den langen schwarzen Haaren, das nach ihrem nächsten Opfer suchte. Sie war das Gruseligste, was ich bis dato gesehen hatte. Was ich damals noch nicht wusste: Der zugehörige Film Ring würde mich meine halbe Jugend verfolgen und ist bis heute der Horrorfilm, der mich am meisten beeinflusst hat.

In unserem Themenschwerpunkt zu Halloween schreiben wir unter anderem über Horrorfilme, die uns geprägt haben. Dieser Artikel ist Teil der Reihe. Genau wie dieser über den langsamen Tod der Scary Movie-Filme.

Am Anfang beginnt es ganz klein: Ich zucke bei jedem klingelnden Telefon zusammen. In Ring geht es nämlich um einen Fluch, der sich über ein mysteriöses Video verbreitet. Wer es sieht, bekommt kurz danach einen Anruf. Eine unbekannte Stimme sagt, dass man in genau sieben Tagen sterben wird. Sieben Tage später krabbelt dann besagte Samara aus dem nächstgelegenen Fernseher – und man stirbt. Wie angekündigt.

Samara aus Ring vereint alles, wovor ich richtig Panik habe

Ring von Gore Verbinski erscheint 2002 als Remake des japanischen Horrofilms Ring - Das Original. Damals hat jeder noch ein Festnetztelefon. Was bedeutet: Man sieht nicht sofort, wer einen anruft. Jeder Anruf ist wahlweise ein Abenteuer oder etwas sehr Unangenehmes. Ich zwinge mich trotzdem, ans Telefon zu gehen. Noch kann ich mir einreden, dass mein Verhalten albern ist.

Ring-Antagonistin Samara ist auch dann gruselig, wenn sie noch am Leben ist.

Doch dabei bleibt es nicht. Das Bild dieses gruseligen Wasserleichen-Mädchens mit dem entmenschlichten Gesicht, das in Ring sogar Pferde dazu bringt, sich aus Angst umzubringen, lässt mich einfach nicht los. Heute weiß ich, dass ihre ekelhaft ruckhaften Bewegungen, ihr so unnatürlich aussehendes Kriechen unter den Begriff Body-Horror fällt. Damals erinnert sie mich an eine schleimige Spinne. Und es gibt kein Tier, vor dem ich mehr irreale Panik empfinde.

Der kleine Röhrenfernseher, der in meinem Kinderzimmer steht, wird zu meinem Feind. Wenn ich ihm den Rücken zudrehe, werde ich unruhig. Sobald ich mein Zimmer betrete, muss ich ihn zumindest aus dem Augenwinkel im Blick haben. Würde ich mich aus Versehen auf die Fernbedienung setzen und ihn ungewollt anschalten – ich würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen. Der Fernseher ist Eskalationsstufe 2.

Ring kontrolliert mein Leben, selbst in Scary Movie 3

Die Angst wächst weiter. Als wäre ich ein Kleinkind und nicht ein Teenager mitten in der Pubertät, bekomme ich plötzlich Angst im Dunkeln. Durch einen Raum zu laufen, ohne das Licht vorher anzumachen? Undenkbar. Ich merke, dass meine immer schlimmer werdende Angst mich langsam aber sicher einschränkt. Also versuche ich es mit Konfrontationstherapie und kaufe mir Ring auf DVD.

In der Horror-Satire Scary Movie 3 hat Samara einen Gastauftritt

Scary Movie 3 - Trailer (Deutsch) HD
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Wie die Charaktere im Film, die Angehörige und Freund:innen dazu bringen, das Ring-Video zu gucken, um selbst dem Fluch zu entkommen, zwinge ich meine kleinen Schwestern, sich mit mir vor den Fernseher zu setzen. Doch sobald Samara auf dem Bildschirm auftaucht, schließe ich die Augen und vergrabe den Kopf in meinen Armen. Wieso zur Hölle macht mir dieser beschissene Film so viel Angst?

Als ich 2003 Scary Movie 3 im Kino gucke, und eine Scherz-Version des Ring-Mädchens auftaucht, bekomme ich fast eine Panikattacke. Irgendetwas muss geschehen, aber ich weiß nicht, was.

Die Samara-Panik wird besser – bis The Ring 2 erscheint

Schließlich schreiben wir das Jahr 2005. Meine Ängste sind etwas in den Hintergrund gerückt, trotzdem betrete ich Räume nach wir vor aus Prinzip nur, nachdem ich das Licht angeschaltet habe. Dafür kann ich meinem Fernseher wieder den Rücken zudrehen. Es sind die kleinen Dinge im Leben.

In diesem Jahr läuft The Ring 2 im Kino – und ich sehe eine Chance: Was könnte eine bessere Schocktherapie sein, als sich meinem Albtraum in einem dunklen Kinosaal zu stellen und Samara übermenschlich groß über die Leinwand kriechen zu sehen?

Es ist die Zeit, in der man Slushi-Trinkeis zu seinem Popcorn kauft. Als ich zwei Stunden später aus dem Kino komme, ist mein weißes T-Shirt mit künstlich blauen Trinkeis-Flecken übersät. Ein klares Zeichen dafür, wie oft ich mich erschreckt habe. Während sie im ersten Ring-Teil noch spärlich (und dadurch effektiver) eingesetzt wird, taucht Samara in der Fortsetzung gefühlt ständig auf. Der Film besteht in meiner Erinnerung mehr aus Jumpscares als aus tatsächlichem psychologischen Horror. Das macht ihn irgendwie ... alberner.

The Ring 2 zeigt deutlich mehr Samara als der Vorgänger

The Ring 2 - Trailer (deutsch)
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Eine Szene bleibt mir trotzdem im Kopf. Der Sohn von Naomi Watts' Figur macht Spiegel-Selfies in einem Badezimmer. Auf den Bildern ist anschließend das gruselige Geistermädchen zu sehen, das immer näher kommt. Ratet, wer für Monate nicht in einen Spiegel gucken konnte, wenn im Hintergrund eine Tür offen war? Ja, ganz genau: Ich.

Heute verstehe ich den Horror, den Ring in mir ausgelöst hat

Ich weiß nicht, was genau dazu geführt hat, dass meine Angst irgendwann besser wurde. Vielleicht bin ich einfach erwachsen geworden, vielleicht hat es geholfen, dass ich mich seitdem von Filmen fernhalte, in denen bleiche, schwarzhaarige Mädchen durchs Bild kriechen.

Im Nachhinein lag der Horror von Ring für mich wahrscheinlich in dieser Mischung aus unnatürlich bis schon fast unmenschlich wirkenden Bewegungen und der Tatsache, dass sich die Bedrohung trotzdem irgendwie echt anfühlte. Wer heute im Internet unterwegs ist weiß, wie schnell man etwas sieht, was man nicht mehr rückgängig machen kann. Und wie faszinierend das Versprechen eines gruseligen, verfluchten Videos ist.

Auch ich hätte es bis zum Schluss angeguckt. Auch ich hätte danach über diesen Anruf im ersten Moment gelacht. Und auch mich hätte Samara erwischt, in dem sie aus dem Bildschirm kriecht, vor dem ich schon damals täglich mehrere Stunden verbrachte: meinem Fernseher.

Wie klein muss ein Bildschirm werden, damit das furchtbare Geisterkind nicht mehr rauskommt?

Es gibt da aber noch einen anderen Punkt: Samara ist eine vielschichtige Figur. Man versteht ihren Schmerz und ihre Wut. Das macht sie echter, fühlbarer als den durchschnittlichen Axtmörder mit unkanalisiertem Blutdurst – und vor allem verdammt viel gruseliger.

Mittlerweile kann ich dunkle Räume betreten und problemlos in Spiegel gucken. Wenn ich irgendwo über Bilder von Samara stolpere, bekomme ich aber immer noch ein ekliges Gefühl im Magen. Ich habe Ring seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gesehen. Und ich glaube, ich werde es auch nie wieder tun.

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